Ausstellungsbesprechungen

Ausstellungen zum 80. Geburtstag von Heinz Mack

Heinz Mack ist Mitbegründer der Gruppe ZERO, er hat das Licht, die Bewegung und die Natur zur Kunst gemacht. Jetzt wird der 80-Jährige mit zahlreichen Ausstellungen geehrt. Günter Baumann hat sich für Sie umgesehen.

Das ZERO-Manifest setzte 1958 – nomen est omen – einen Nullpunkt. Das hatte 13 Jahre vorher schon politisch nicht funktioniert, und so mag man anzweifeln, dass ein Neubeginn in der Kunst möglich sein könnte. Dennoch ist es eines der schönsten Manifeste überhaupt geworden, das dem Begriff letztlich das unterstellt, was es ist: Zero ist Zero. Und wer den wundervoll poetischen Text »in Form« bringt, wird dem Wort auch noch ein Bild hinzufügen können – eine Null. Dieses Spiel hat etwas von Dada für gehobene Stände bzw. Ansprüche, dessen Neuanfang darin bestand, ein Medium mit eingebracht zu haben, das im Manifest gar nicht genannt wurde: das Licht. Das Manifest, das in der Ausstellung nachzulesen ist, passte in jede fiktive Westentasche und sagte doch in seinem nahezu kreisrunden Erscheinungsbild unendlich viel:

                                                                Zero
                                               ist die Stille. Zero ist der
                                         Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich.
                                        Zero ist der Mond. Die Sonne ist Zero.
                                    Zero ist weiss. Die Wüste Zero. Der Himmel
                                  über Zero. Die Nacht - . Zero fliesst. Das Auge
                                 Zero. Nabel. Mund. Kuss. Die Milch ist rund. Die
                               Blume Zero der Vogel. Schweigend. Schwebend. Ich
                              esse Zero, ich trinke Zero, ich schlafe Zero, ich wache
                              Zero, ich liebe Zero. Zero ist schön. dynamo dynamo
                              dynamo. Die Bäume im Frühling, der Schnee, Feuer,
                             Wasser, Meer. Rot orange gelb grün indigo blau violett
                                Zero Zero Regenbogen. 4 3 2 1 Zero. Gold und
                                   Silber, Schall und Rauch Wanderzirkus Zero.
                                        Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang.
                                                 Zero ist rund. Zero ist
                                                             Zero

Einer der Mitväter der ZERO-Bewegung ist Heinz Mack, dessen 80. Geburtstag die Bundeskunsthalle Bonn und einige andere Kunststätten feiern. Allein in Bonn sind etwa 130 Arbeiten des vielseitigen Künstlers zu sehen, die zwischen 1953 und heute entstanden sind und zwischen Phantasie und Physik alle Register ziehen. Da wird also ein halbes Jahrhundert besichtigt, und das scheint unverwüstlich zu sein: Die jüngsten Werke, darunter sein »Drehbarer Spiegel« von 2011, der eigens für das Bonner Treppenhaus zugeschnitten ist, machen deutlich, dass Heinz Mack noch immer für die Idee der Null-Ausgabe brennt. Auch die Leuchtsäule vor dem Museum steht dafür. Die Hommage an Mack gleich an mehreren Orten in der Republik geht aber vor allem an die Wurzeln einer Lichtkunst, die gegenwärtig weitgehend ohne die Namen des ehemaligen Dreigestirns der Bewegung auskommt: Neben Mack gehörten Otto Piene und Günther Uecker zu den wackeren Streitern, die dem importierten Informel etwas eigenes entgegensetzen wollten, das es sonst wohl nicht gegeben hätte.

Ganz so neu war der Einsatz von Licht freilich nicht, zumal die Fotografie sich längst als Lichtbildnerei empfohlen hatte, und die freundliche Unterstützung nahm man gerne auch weiterhin aus anderen Ländern: Lucio Fontana oder Yves Klein und andere mehr füllten die Ausstellungen der Zero-Leute, die unverdrossen ihre Errungenschaften verteidigten, und das bis heute, wo man wie selbstverständlich auch mit Licht umgeht in der Kunst. Nun, da Mack & Co. wie mit einem Posaunenhall aus ihrer relativen Versenkung hervorgeholt worden waren, ist es schon an der Zeit, die Pioniere hochleben zu lassen – und die Motive, die doch kaum je beleuchtet wurden, etwa die Furcht Macks vor dem Dunkel infolge der Bombennächte; so fatalistisch kann es schimmern, wenn man Licht in die Welt bringt. Denn ein Richtungswechsel war es allemal, bedenkt man, dass dieser Realismus mit anderen, weitgehend utopisch grundierten Mitteln die Sehgewohnheiten torpedierten, bevor Joseph Beuys auf den Plan trat.

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Die Wüste – insbesondere die in Algerien und Marokko – ist ein zentraler Ort im Werk von Heinz Mack, kein Wunder, denn wo gäbe es mehr Licht als dort. Die Fotodokumente seiner Aktionen und der seriellen Arbeiten sind beeindruckend, wirken heute noch genauso spannend, wie sie es wohl in den 1960er Jahren taten. Sicher mutet der silbern glitzernde Overall, den Mack damals techno-euphorisch im Wüstensand trug, heute wie ein Witzkostüm aus einem frühen Science-Fiction-Film, doch sollten wir uns vor Augen führen, dass die Menschheit vor einem neuen Kapitel der Energiegewinnung steht, die mit der Sonne auch das Licht wieder zum Thema machen wird – so gesehen kommt die Retrospektive fast ein wenig früh. Oder holt uns nun die Utopie ein und Mack wird so etwas wie ein Prophet? So weit muss es ja hoffentlich nicht kommen, aber ein Grund mehr ist es schon, sich intensiv mit dem Werk auseinander zu setzen. Die Bonner Ausstellung ist in der Inszenierung so durchrhythmisiert, dass man der Weite und Konzentration des Werks gleichermaßen gerecht wird. Neben den lichtgierigen Arbeiten sind auch malerische Werke, die so genannten »chromatischen Konstellationen«, zu entdecken, die bisher bei aller Strahlkraft hinter dem plastisch-lichtkinetischen Œuvre relativ wenig Beachtung fanden. Zero mag ein vergangenes Kapitel in der jüngeren Kunstgeschichte sein, aber seine hellen Signale reichen bis in die Gegenwart, wenn nicht in die Zukunft hinein.

In dem opulenten Katalog ist neben etlichen wichtigen Statements zu Macks Werk ein Gespräch zwischen dem Künstler, Daniel Birnbaum und Hans-Ulrich Obrist abgedruckt. Darüber hinaus sollte man das Buch auch wegen der künstlerischen Qualität der Bilder und der brillanten Gestaltung unbedingt in die Liste der schönsten Publikationen im Jahr 2011 aufnehmen.