Ausstellungsbesprechungen

Ausstellungsbesprechung: Attila Csörgő / Roman Signer, Kunsthalle Mainz, bis 3. März 2013

Das rote Kajak hängt leuchtend und weithin sichtbar an dem alten Industriekran, durchbohrt von seinen Paddeln. Die absurd anmutende Installation ist eine typische Vokabel der Schweizer Bildhauers Roman Signer, der sich bis zum 3.3. mit Attila Csörgő die Kunsthalle Mainz teilte. Ein Leuchtturm und ein Energiekessel der Kunst soll sie sein, die 2008 eröffnete Halle. Die Einstandsausstellung ihres neuen Leiters, Thomas D. Trummer, hat Signalwirkung - meint unser Autor Benjamin Schaefer.

Das Areal des Mainzer Zollhafens, wird mit dem Kajak am Kran also miteinbezogen in die kuratorische Aneignung. Kein Wunder, ist der Österreicher Trummer doch ganz neu am Mittelrhein, muss sich und der Kunst die Gegend nutzbar machen. Neben Signer wählte der neue Leiter nun also Attila Csörgő, dOCUMENTA(13)-Teilnehmer, für die erste Schau.
Den Schweizer Altmeister und den Ungarn trennen fast dreißig Jahre voneinander, doch inhaltlich verbindet beide die Arbeit mit Experimenten und Demonstrationen. Signer schießt Löcher in gestapelte Wassertonnen („Aktion mit 21 Fässern“, Video von 2002), lässt eine Kajakspitze im Fluss abtreiben („Kajakspitze“, Foto von 2012) oder eine Feuerwerksrakete zieht ihm die Mütze vom Kopf („Mütze mit Rakete“, Fotoreihe von 2012).
Der Künstler und Mathematiker Csörgő geht dagegen wesentlich kühler und rationaler vor. In einer überbordenden Spiegel-Werkbank-Installation soll der Betrachter einen grünen Würfel von allen Seiten gleichzeitig sehen („Foto-Labyrinth“, 2007). Lichtzeichnungen, die je eine perfekte Kugel ergeben, zeigt eine benachbarte Fotoreihe („Spherical Vortex“, 1999). Der Erläuterungstext – jede Arbeit der Ausstellung ist mit einem solchen versehen – erklärt, Csörgő habe eine Maschine mit Lichtquelle abfotografiert, die in einer komplexen Rotation den Körper beschreibt.

Kurator Trummer zeigt sich in den Begleittexten mitteilsam. Wenn er erläutert, dass die Tatsachen bei Csörgő jeglichem übertragenen Sinne entbehrten, so verweisen diese Tatsachen doch auf ein Anderswo: Seine platonischen Körper zitieren den griechischen Vordenker der metaphysischen Ideenlehre. Dazu stehen im Kontrast Installationen wie „Koffer im Käfig“ von Signer: bauchhohe Gitterwände halten an einer Stange einen alten Koffer. Das Anderswo, die Idee, ist hier im Dunkeln des Lederkastens verborgen, es eröffnet sich stattdessen etwa das kunstgeschichtliche Diskursfeld des Readymades.
Gegen Platon mag man hier Albert Camus ins Feld führen, der im „Sysiphos“ forderte, man müsse im letzten Moment vor dem Absprung in die Transzendenz innehalten. So gewinnt man nach Camus das Absurde, von dem es in Signers Werk ja nur so wimmelt.

Diese Spannung der Verweise macht die Ausstellung ertragreich. Als weiterer Hauptaspekt darf der Begriff der “Zeitskulptur” (Rachel Withers) gelten, auf den sich beide Künstler beziehen. Signer lässt einen Weihnachtsbaum rotieren, bis Kugeln sich im “richtige Moment” lösen und zerschellen. Sein ungarischer Kollege, Gewinner des Nam June Paik-Award 2008, lässt ein Fass mit Öl rotieren, so dass sich die schwarze Oberfläche als Bildträger einwölbt. Das Spiegelbild des Betrachters entfernt sich im Poe’schen “Mahlstrom”, auf den sich die Arbeit bezieht. Hier ergeben sich spannende Querverbindungen zwischen kinetischer Bildhauerei und Film.

Wobei Roman Signer durch seine Poetik und Verspieltheit insgesamt mehr diskursive Fragen aufwirft als Csörgő. Er ist und bleibt eben ein Joker. Nach einem gelungenen Einstand gilt das hoffentlich auch für den neuen Mainzer Kurator Trummer.