Meldungen zum Kunstgeschehen

Ausstellungstipp: Alexander Rodtschenko - Revolutionäres Auge, Fotomuseum Winterthur bei Zürich, bis 14. August 2011

Im Jahre 1924 stürmte Alexander Rodtschenko, bereits bekannt als Maler, Bildhauer und Grafiker, die traditionelle Fotografie mit dem Wahlspruch »Experimentieren ist unsere Pflicht!« Das Ergebnis dieser Eroberung war ein Neudenken des Begriffs Fotografie und der Rolle des Fotografen. Konzeptuelle Arbeiten hielten Einzug. Statt ein Abbild der Realität zu sein, wurde Fotografie ein Mittel der visuellen Darstellung geistiger Konstrukte und der Künstler wurde zum »Künstler-Ingenieur«. Das Fotomuseum Winterthur bietet nun eine Werkschau dieses großen Künstlers. Eine Empfehlung der Redaktion.

Alexander Michailowitsch Rodtschenko war ein Universalgeist: einer, der sich ganz selbstverständlich in den verschiedensten künstlerischen Gebieten ausdrücken konnte. Für ihn gehörte alles zusammen: Er arbeitete als Maler, noch im zaristischen Russland, wo er an der Kunsthochschule von Kasan studierte. Anfangs noch vom Jugendstil beeinflusst, schließt er sich bald der russischen Avantgarde an: Er besuchte Lesungen der Futuristen, studierte später Bildhauerei und Architektur in Moskau.

1916 tritt er als Künstler an die Öffentlichkeit – zeigt abstrakt-konstruktivistische Malereien und Zeichnungen. Später beginnt er »Raumkonstruktionen« zu schaffen, räumlich-geometrische, kinetische Skulpturen aus Pappe und Holz, um sie nach der fotografischen Dokumentation zu zerstören. 1921 verfasste er ein Manifest über das Ende der Tafelmalerei, um schließlich als Werbegrafiker, Illustrator, Typograf, Bühnen- und Kostümbildner und Kunsthandwerker zu arbeiten. Die Kunst sollte, so Rodtschenko, endlich die Museen und Galerien verlassen und zu den Menschen kommen.

Seit 1924 entstanden – zumeist mit einer Leica – Porträts seiner Familie und von Künstlerfreunden wie Wladimir Majakowski, schon bald aber auch Bildzeugnisse der großen nach-revolutionären Veränderungen in Moskau, von denen vor allem die Serie »Häuser in der Mjasnitzkaja-Straße« bekannt geworden ist. Kühne, gekippte Perspektiven, ungewöhnliche Bildausschnitte, perspektivische Verkürzungen, Auf- und Untersichten des dynamischen, chaotischen urbanen Lebens prägen seinen fotografischen Stil, wie Rodtschenko 1928 erklärt: »Wir müssen unser optisches Erkennen revolutionieren. Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen ... Und die interessantesten Blickwinkel der Gegenwart sind die von oben nach unten und von unten nach oben und ihre Diagonalen«. Vor allem der Blick von oben faszinierte Rodtschenko: Er fotografierte Bildserien von Balkonen, von Dächern, aus Fenstern. Schwindelerregende Blickwinkel. Sogar vom Giebel des Bolschoi-Theaters fotografierte er.