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Ausstellungstipp: André Kertész - Fotografien, Martin-Gropius Bau in Berlin, bis 11. September 2011

Der Martin-Gropius Bau widmet sich diesen Sommer der Fotografiekunst. Ausgestellt werden über 300 Fotografien des ungarischen Künstlers André Kertész. Zu bewundern sind u.a. seine bekanntesten Werke, wie »Schwimmer unter Wasser« (1917), »Chez Mondrian« (1926) und »Gabel«(1929), die fest im kolltektiven Bildgedächtnis verankert sind. André Kertész schafft Aufnahmen von alltäglichen Momenten, die von einer beinah surrealen Aura umspannt werden und so die Wahrnehmung des scheinbar Gewöhnlichen infrage stellen. Eine Empfehlung der Redaktion.

André Kertész hat mit seinen Aufnahmen einen festen Platz in der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts. Es sind nicht nur seine formal herausragenden Kompositionen, die ihm große Wertschätzung einbrachten, sondern seine surreal inspirierte Poesie, mit der er scheinbar einfache Dinge und Situationen erfasst. Sein innovatives fotografisches Gespür hat viele seiner Kollegen inspiriert: Brassaï hat bei ihm gelernt und Henri Cartier-Bresson wurde von ihm beeinflusst.

Der Martin-Gropius-Bau zeigt in Berlin mit über 300 Fotografien eine große Retrospektive von André Kertész, der in Ungarn geboren wurde und in Budapest, Paris und New York lebte.

Die Ausstellung ist thematisch ausgerichtet und folgt den großen Leitmotiven seines Schaffens, wie der immer wiederkehrenden Beobachtung von Schatten, Dächern und Schornsteinen oder der metaphorischen Darstellung von Gefühlen wie Melancholie. Darüber hinaus rückt sie bisher weniger bekannte Werkgruppen ins Blickfeld: Frühe Aufnahmen, die während seines Militärdienstes im Ersten Weltkrieg entstanden und die Polaroidbilder der letzten Jahre in New York. Besondere Aufmerksamkeit wird Kertészs Einfluss auf die Entstehung der Foto-Reportage in Paris ab 1928 gewidmet. Mehrere Ausgaben von »VU«, »Art et Médecine«, »Paris Magazine« sowie verschiedene Ausgaben seiner Reportage über das Kloster der Trappisten in Soligny-la-Trappe werden in der Ausstellung zu sehen sein.

André Kertész, der am 2. Juli 1894 in Budapest als Andor Kertész in einer bürgerlichen jüdischen Familie geboren wurde, träumte schon als Kind davon, zu fotografieren. Mit 18 Jahren kaufte er seine erste Kamera, eine ICA Box, die mit 4,5 x 6 cm Platten zu bedienen war. Aus dieser Frühphase stammt das Foto eines schlafenden Jungen. Während seiner Militärzeit bei der österreichisch-ungarischen Armee dokumentierte er in lakonischen Bildern den Alltag des Soldatenlebens, die langen Märsche, das Warten in den Schützengräben, die Verlorenheit des Einzelnen. Im September 1915 verwundet, entstand während seiner Genesung in Esztergom 1917 das berühmte Foto »Schwimmer unter Wasser«. In ihm scheint er mit dem von Lichtreflexen überzogenen, optisch verzerrten Körper spätere Arbeiten vorwegzunehmen. Die Ästhetik der Reflexion sollte erst ein Jahrzehnt später am Bauhaus populär werden.

Nach dem Krieg fotografierte Kertész, der an der Börse arbeitete, in seiner Freizeit vor allem Alltagsmotive wie seinen Bruder Jenö beim Sport, doch bot Budapest nicht das geeignete Umfeld für seine künstlerischen Ambitionen. 1925 entschloss er sich, nach Paris zu gehen und reiht sich damit in eine große Gruppe ungarischer Künstler und Fotografen ein, die nach dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und der niedergeschlagenen Räterepublik in den zwanziger Jahren Ungarn verließen und - wie László Moholy-Nagy, Robert Capa, Germaine Krull und Brassaï - entweder nach Paris oder nach Berlin auswanderten.

In Paris knüpfte Kertész bald Kontakte zur künstlerischen Avantgarde am Montparnasse: zu Piet Mondrian, Fernand Léger, Ossip Zadkine und Alexander Calder. In dieser Zeit nahm er zahlreiche Portraitaufnahmen in der Art der carte postale auf. Als Flaneur durchstreifte Kertész die große Metropole und fotografierte in den Straßen und Parks, auf den Dächern und am Seine-Ufer von Paris. Er verstand Fotografie als visuelles Tagebuch, als Instrument, um das Leben zu beschreiben: »Ich interpretiere meine Empfindung in einem bestimmten Augenblick. Nicht was ich sehe, sondern was ich empfinde.«

Mit seinen Aufnahmen aus der Nah- und Vogelperspektive und seinem Blick für die geometrische Struktur des Raumes, aber auch für Schatten, Reflexionen und Silhouetten fand er bald Anerkennung. 1927 zeigte die Galerie Au Sacre du Printemps eine erste große Werkbilanz und 1929 nahm er an der internationalen Ausstellung »Film und Foto« in Stuttgart und in Berlin teil. Ab 1928 arbeitete Kertész mit einer Leica, der ersten Kleinbildkamera. In den folgenden Jahren wurden bei »VU« mehr als 30 Fotoessays von ihm veröffentlicht. 1933 entstand die ungewöhnliche Serie »Distortions« – hier führen durch Spiegel verzerrte weibliche Körper ein Eigenleben zwischen Karikatur und Erotik.

Die Zeit in den USA war zunächst von existentiellen Schwierigkeiten geprägt und 1949 nahm er eine Arbeit (bis 1962) für das Magazin »House and Garden« an. Auf einer Reise nach Paris 1963 entdeckte er einen Großteil seiner Negative wieder, die ihn zu neuer künstlerischer Arbeit inspirierten und internationale Anerkennung brachten. 1964 stellte er im Museum of Modern Art in New York aus. In seiner letzten Schaffensphase und vor allem, als er seine Wohnung nicht mehr verlassen konnte, fotografierte er vom Fenster seines Apartments aus den Washington Square. In dem Buch »From my Window« (1981) veröffentlichte er Polaroidaufnahmen von fein komponierten Stillleben – sie zeigen ihn erneut als Meister des Lichts mit den einfachsten Mitteln.