Buchrezensionen

Axel Langer (Hrsg.): Sehnsucht Persien. Austausch und Rezeption in der Kunst Persiens und Europas im 17. Jahrhundert & Gegenwartskunst aus Teheran, Scheidegger & Spiess 2013

Der Orient als fernes, unwirkliches Land der Märchen, Gewürze und luxuriösen Stoffe war immer wieder Thema und Inspirationsquelle europäischer Künstler. Doch auch der Westen beeinflusste die Kunst der Region. Dem kulturellen und künstlerischen Austausch hat sich die Ausstellung »Sehnsucht Persien« im Museum Rietberg in Zürich angenommen. Diese kann noch bis zum 12. Januar besucht werden. Anett Göthe hat sich außerdem den Katalog angeschaut und findet ihn rundum lesenswert.

Der persische Aphorismus: »Das Buch ist wie eine Rose, beim Betrachten der Blätter öffnet sich dem Leser das Herz.« trifft auch auf den Katalog der aktuellen Ausstellung »Sehnsucht Persien« im Museum Rietberg in Zürich zu. Sowohl die Ausstellung als auch der 320 Seiten umfassende und reich bebilderte Katalog beleuchten die gemeinsame Geschichte und gegenseitige Beeinflussung zwischen Persien – bzw. dem Irans – und Europa seit dem ersten Kontakt vor über zweitausend Jahren bis in die Gegenwart. In zahlreichen Kapiteln werden sowohl die europäischen als auch die persischen Inspirationsquellen von Anbeginn des kulturellen Austausches bis zur Gegenwartskunst eindrucksstark beleuchtet. Dabei konzentrieren sich die Katalogtexte mit wissenschaftlichem Anspruch auf drei große Themen: die künstlerische Beschäftigung mit Persien im barocken Europa des 17. Jahrhunderts, die Auseinandersetzung mit europäischen Bildern im safawidischen Persien (1590-1720) und die zeitgenössische Kunst aus Teheran.

Nicht erst seit Marco Polo entwickelten sich die Handelsbeziehungen zwischen Europa und dem Orient und prägten das Bild Persiens als ein märchenhaftes, exotisches Land, das so wunderbare Dinge wie seltene Gewürze, kostbare Stoffe und die »Geschichten aus 1001 Nacht« hervorbrachte. Der Westen wusste wenig über das Land, das für die Europäer über Jahrhunderte mit Exotik und Luxus gleichgesetzt wurde. Ab dem 16. Jahrhundert intensivierten sich die Handelsbeziehungen und erkundeten Delegationen und Expeditionen den Orient. Beide Kulturen beeinflussten nun Lebensstil und künstlerische Ausdrucksweise der jeweils anderen. Die Europäer jedoch taten sich zu jener Zeit mit der genauen Identifikation des Herkunftslandes oftmals noch sehr schwer. So wurden Gegenstände aus dem morgenländischen Raum als persisch, türkisch oder ostindisch bezeichnet. Ihre genaue Herkunft war zweitrangig, solange sie als fremdländisch und exotisch etikettiert werden konnten und somit sehr begehrt waren.

Diese Form des Exotismus, der eine bestimmte Form des eurozentristischen Blicks auf die Fremde bezeichnet und nur deren „exotische“ Aspekte betrachtet, wird in dem Katalogaufsatz von Claudia Swan »Lost in Translation. Exotismus in den Niederlanden der Frühen Neuzeit« erörtert. Des Weiteren geht sie in Ihrem Essay auf seine spezielle Ausprägung in der Darstellung von Türken oder »en Turcq« in den Bildern von Rembrandt Harmenszoon van Rijn ein. Die von ihm geschaffenen orientalistischen Portraitdarstellungen, die sogenannten »Turkse tronies«, zeigen Männer vor einem fiktiven, nicht näher bestimmbaren Hintergrund. Das Fremde und Exotische in den Portraits kommt anhand von Trachtenelementen wie Turbanen, Schärpen und Jacken der osmanischen Türkei und des safawidischen Persiens zum Tragen. Dabei stellt Swan fest, dass die Portraits eher das Exotische an sich darstellen, als einen bestimmten ethnographischen Zusammenhang zu dokumentieren.

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Eine direkte Verbindung zwischen der persischen Kunst der Safawidendynastie und Polen ziehen Paulina Banas und Birgitt Borkopp-Restle in ihren Essays. Zwar hatte die vom Katholizismus geprägte Adelsrepublik Polen-Litauen auf den ersten Blick nichts mit dem islamischen Persien gemein, doch sahen sich die Adeligen der polnisch-litauischen Königlichen Republik (1569-1795) als Nachfahren des ostiranischen Nomadenvolkes der Sarmaten. Zudem nahm Polen-Litauen eine kulturelle Sonderstellung zwischen West und Ost ein. Indem persische Ornamentik bis ins Detail kopiert und auf Teppichen und Gewändern umgesetzt wurde, wurde der Einfluss Persiens umgesetzt. Außerdem fanden kostbare gold- und silberdurchwirkte Schärpen, die in der persischen Mustertradition hergestellt wurden, Einzug in die polnisch-litauische Tracht.

Die Beeinflussung fand jedoch auch in die andere Richtung statt – von Europa ausgehend auf die Kunst Persiens. Dies geschah im 17. Jahrhundert durch etwa zehn niederländische Künstler, die als Kaufleute mit der Ostindienkompanie nach Asien kamen und nachfolgend eine gut bezahlte Anstellung am Hof des Shahs erhielten. Garry Schwartz geht in seinem Katalogessay »Zwischen Hof und Handelsgesellschaft. Niederländische Künstler in Persien« auf einzelne niederländische Künstler ein, darunter Jan Lucasz van Hasselt, Hendrick Boudewijn van Lockhorst und Philips Angel, die in Persien am Hofe des Shahs tätig waren. Der Kurator der Ausstellung, Axel Langer, erörtert in seinem Essay »Europäische Einflüsse in der persischen Malerei des 17. Jahrhunderts« wie persische Maler den europäischen Jüngling als erotisches Bildthema entdeckten. Schwer vorstellbar scheint dagegen der Einfluss europäischer weiblicher Aktdarstellungen auf die persische Kunst. Wahrscheinlich inspiriert durch niederländische, deutsche und italienische Kupferstiche und Radierungen loteten die persischen Künstler die Darstellung des weiblichen Aktes von unschuldiger Selbstvergessenheit bis offenherziger Wollust aus.

Die letzten dreißig Seiten des Kataloges sind der zeitgenössischen Kunst aus Teheran gewidmet. Dieser scheinbare thematische Bruch wird durch die pinkfarbene Doppelseite, die den vorangegangenen und den folgenden Text voneinander trennt, noch optisch verstärkt. Nach den zahlreichen Kapiteln zur kulturellen Interaktion zwischen Europa und Persien reduziert man den Iran nicht mehr auf Atompolitik, Bilder von verhüllten Frauen und schiitische Kleriker. Im Katalog werden die sieben iranischen Künstler, die auch in der Ausstellung im Museum Rietberg vertreten sind, mit ihren künstlerischen Positionen vorgestellt: Parastou Forouhar, Rozita Sharafjahan, Nazgol Ansarinia, Farhad Fozouni, Samira Eskandarfar, Hamed Sahihi und Mandana Moghaddam. So unterschiedlich ihre Ausdrucksweisen auch sein mögen, so beschäftigen sie sich ausnahmslos mit der Würde des Menschen in der heutigen Zeit und vereinen in ihren Arbeiten die Ausdrucksmittel westlicher Kunst mit der Formensprache der traditionellen persischen Malerei. Die Künstlerin Mandana Moghedan zeigt in ihrer »Cheligs«-Serie eine menschenhohe Skulptur, die gänzlich mit langen schwarzen Haaren bedeckt ist. Die erotische Konnotation des langen, offenen Haares, wird hier ins Gegenteil verkehrt, in dem es zu einer Art Burka wird.

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Die in Frankfurt lebende Künstlerin Parastou Forouhar verarbeitet in ihren Werken eindrucksvoll die Ermordung ihrer Eltern und die Gewalterfahrung während der Revolution. In der Ausstellung zeigt die Künstlerin die Flash-Animation »Just a Minute« in drei Sequenzen von je einer Minute. Die im Katalog abgebildeten Stills aus der ersten Sequenz zeigen aneinander hängende Figuren, die scheinbar aus dem Nichts auf eine schwarze Fläche fallen. Immer mehr Körper stürzen herab. Sie fügen sich platzbewusst in Lücken ein und stoßen einander. In ihrer Reduziertheit und Einfachheit wirken die zusammenhängenden Körper sehr ornamental. Jedoch sind sie gefesselt: Sie scheinen in ihrem traditionellen Ornament festzuhängen. Es sind versehrte, ausgelieferte und gebrochene Existenzen, auf die die Künstlerin aufmerksam machen will. Parastou Forouhar erzählt Geschichten, die von Gewalt und Zwängen handeln, die Menschen erleiden müssen und sich gegenseitig antun und auferlegen.

Alle im Ausstellungskatalog vorgestellten Arbeiten der sieben iranischen Gegenwartskünstler stehen in einem globalen Kontext und setzen sich sowohl mit Traditionen als auch mit der politischen Situation ihres Landes auseinander. Dadurch wird verhindert, dass die Ausstellung »Sehnsucht Persien« im Museum Rietberg auf den Aspekt der kulturellen Inspiration im Rahmen des Orientalismus reduziert wird.

Der reich bebilderte Katalog arbeitet mit einer Fülle von wissenschaftlichen Informationen nicht nur die kulturhistorisch bedeutsame Beziehung zwischen Europa und dem alten Persien auf, sondern spannt den Bogen bis zur Gegenwartskunst iranischer Künstler, die in ihren Arbeiten sowohl europäische als auch traditionell persisch-iranische Einflüsse und die Widersprüchlichkeit der eigenen Gesellschaft aufzeigen.