Buchrezensionen

Badstübner, Ernst (Hrsg.):Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien, Berlin Deutscher Kunstverlag, München 2005.

Es ist nur konsequent, wenn sämtliche Bände der von Georg Dehio kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert begründeten „Handbücher der Kunstdenkmäler in Deutschland“ überarbeitet, aktualisiert und ergänzt werden.

Doch es ist nicht immer selbstverständlich. Nicht allein haben sich die Interessen der Kunst- und Kulturgeschichte, damit auch der Bauforschung und Denkmalpflege gewandelt. Vor allem aber haben sich die Grenzen dessen, was man gemeinhin „Deutschland“ nennt, in der einhundertjährigen Tradition des Handbuchs verschoben. Und so wurde aus dem Dehio-Schlesien ein „Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen“ – im gleichen, bekannten Layout, wie die üblichen „deutschen“ Bände: auf dem Schutzumschlag die stilisierte Zeichnung vom spätgotischen Stufengiebel des Breslauer Rathaus, dessen oberste Fiale die quadratische Rahmung sprengt.

Die kleine gestalterische Freiheit, die zwar auch bei anderen Bänden die Handschrift des Graphikers verrät, mag sich in diesem Falle bildhaft fügen. Einige Rahmen mussten gesprengt, einige Weichenstellungen und Wechsel der Geschichte überwunden werden, damit nun, nach rund fünfjähriger Bearbeitungszeit, dieses Buch das Licht der Welt erblicken konnte. Dass hier ein deutsch-polnisches Team von Herausgebern und Fachleuten des Amtes waltete, die schlesische Topographie intensiv durchforstete und im Duktus des einmaligen Dehio-Deutsch inventarisierte ist der Beweis, dass Kunst und Wissenschaft durchaus zur Verständigung der Völker dienen kann.

Voraussetzung dafür, dass dieses Experiment vor seinem Gelingen überhaupt beginnen konnte war ein geostrategisches Umdenken in Bezug auf die Kulturlandschaft Schlesien. Liest man die einleitenden Abschnitte des Handbuchs, so wird deutlich, dass die Zauberformel für die Überwindung politischer oder kultureller Wahrnehmungsmuster lautet: das gemeinsame Erbe. Dieses freilich hätten vor dem Ende der ideologisch geprägten Systeme beiderseits des eisernen Vorhangs weder Polen noch Deutsche in dieser Form akzeptiert, gar reklamiert. Wo westlich der Grenze Atlanten gedruckt wurden, die das Gebiet als „derzeit unter polnischer Verwaltung“ deklarierten, östlich der Grenze Bauten beim Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen „polonisiert“ wurden – da war es jeweils ein weiter Weg, bis zum Blick über die Mauer in den Köpfen.

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Mag auch die Liberalisierung und der neue Umgang miteinander nicht erst seit gestern bestehen, so bleibt das aktuelle Dehio-Unternehmen durchaus ein eminent politisches Buch und veranschaulicht den Segen der Diplomatie: 1300 Seiten bilaterale Kulturpolitik im besten Sinne, die nicht zu einem geringen Anteil auch den beiden Mitherausgebern Tomaszewski und Winterfeld mitzuverdanken sind. Sieht man die beiden Herren auf einem der regelmäßig veranstalteten Kongresse deutsch-polnischer Kunsthistoriker, die ebenfalls auf ihre gemeinsame Initiative zurückgehen, so muss man ein wenig an Männerfreundschaften vom Kaliber Helmut Kohl-Boris Jelzin denken. Doch seien es nun kathartische Dampfbäder oder der Kunstsinn – wichtig und interessant werden solche Pakte zwischen Gleichgesinnten, wenn das persönliche Vertrauen zum breiten Fundament reift, wenn Enthusiasmus und Engagement Andere mitreißt, Stellen schafft, Horizonte öffnet.

Schließlich ein Wort zum Inhalt: Selbstverständlich gilt aus wissenschaftlicher Sicht für den Dehio Schlesien das, was für die anderen, herkömmlichen Bände auch gilt: Er ist ein unverzichtbares Werk, zum Nachschlagen auf der grand tour wie im heimischen Studiolo. Er ist kompakt, konzise und anregend, dank Register, Karten, Rissen und deutsch-polnischer Ortnamenstabelle hervorragend handhabbar. Und gerade dem aktuellen Band merkt man überdies an, dass auch die Interessen der neueren Kunstwissenschaft die Wahrnehmung der schlesischen Kulturlandschaft bestimmt haben: neben früheren Epochen, die gleichsam selbstverständlich kanonisiert werden, ist diesmal nicht allein das 19. Jahrhundert gebührend gewürdigt worden. Auch zahlreiche hervorragende Baudenkmäler des 20. Jahrhunderts sind aufgenommen. Und die Einleitung zu dieser Epoche – die in der Hauptstadt Breslau genauso wie im oberschlesischen Industrierevier Spuren auf höchsten baukünstlerischen Niveau hinterlassen hat – steht nicht zurück hinter den Einführungen zu den anderen Zeitabschnitten, so dass der Dehio nun anhebt mit über achtzig geballten Seiten Geschichte und Kunstgeschichte Schlesiens: von der Frühgeschichte, der deutschen Besiedlung, über die österreichische, preußische, reichsdeutsche bis in die polnische Zeit, von der Vorgotik bis zur Spätmoderne. Mit seiner universalistischen, beinahe bis in die Jetztzeit reichenden Blickausrichtung setzt der Dehio Schlesien auch fachlich neue Maßstäbe.

Bibliographische Angaben

Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. Bearbeitet von Slawomir Brezicki und Christine Nielsen. Im Auftrag des Herder-Instiututs Marburg und der Dehio Vereinigung in Verbindung mit dem Krajowy Osrodek Badan i Dokumentacji Zabytków Warszawa. Hrsg. von Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld. München, Berlin Deutscher Kunstverlag 2005. 1360 Seiten, 180 Pläne und Grundrisse. Leinen mit Schutzumschlag. € 49,90.

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