Buchrezensionen

Bangert, Albrecht: Colani – Die Kunst Zukunft zu gestalten.

Im Frühsommer diesen Jahres erschien ein fulminant ausgestattetes Buch von Albrecht Bangert, das auf über 500 Seiten mit sehr vielen ganzseitigen Abbildungen das weitgefasste Oeuvre Luigi Colanis beleuchtet.

1928 in Berlin geboren, gehört Lutz (Luigi) Colani heute zu den bedeutenden Designern der Gegenwart. Nach kurzem Studium an der dortigen Kunstakademie begab sich Colani 1947 nach Frankreich. Inspiriert durch Charles Deutsch widmete er sich in Paris dem Studium der Aerodynamik. Aus frühen Erkenntnissen über ein Turbinenmotorrad entwickelten sich Stromlinienstudien, die für Colanis Schaffen fortan wegweisend wurden. Bangert hebt bereits für das Frühwerk die Bedeutung von Kunststoffen hervor und öffnet somit einen wichtigen Zugang zum Werk Colanis.

Der inzwischen weltbekannte Designer entwarf in den letzten Jahrzehnten Motorräder, Flugzeuge, Hubschrauber und immer wieder Autos. Von Fahrzeugen des einfachen Volks, die er zu Sportwagen, und Edelkarosserien, die er zu Fantasie-Oldtimern umbaute, ließ er sich alle Spielräume offen. Aerodynamisch und erotisch sollten seine Produkte sein. Dabei sah er immer einen gewissen „Funfaktor“, der aber etwa mit preisgünstigen Selbstbaukonzepten gerade junge Leute begeisterte. 1990 machte diese Lust am Gestalten von Automobilen auch vor dem Trabant nicht halt.

Herausragendste Designvision war in den 1970-er Jahren seine Mappe „YLEM“. Beispielsweise erarbeitete Colani ganze Stadtvisionen ausgehend von den einzelnen Bereichen der menschlichen Tätigkeiten. Heute distanziert sich Colani von einigen Ideen, hält aber am Traum einer Idealstadt fest. Für diese Utopie versucht er den menschlichen Organismus in die Architektur zu übertragen. Ausgeführt wurden in den 1980-er Jahren in Japan etwa modulare Wohneinheiten.

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Furore hat Colani 1970 mit seiner Kugelküche gemacht, in der die Hausfrau alle Arbeitsschritte von einem zentralen Sitz aus erledigen konnte. Bangert geht nicht auf Erklärungsmodelle ein, wie etwa Peter Dunas 1993 in seinem Buch „Colani und die organisch-dynamische Form seit dem Jugendstil“. So schrieb Dunas, dass die Arbeit an den Menschen im Sinne der Ergonomie angepasst werden sollte. Ende der 1960-er Jahre gab es Bestrebungen alles rationaler zu gestalten. Man untersuchte, wie viele Kilometer eine Hausfrau an einem Tag zurücklegen musste. Heute wird eine enge Küche als „Gefängniszelle“ ausgelegt. Wie wichtig diese Erfindung jedoch als Denkanstoss war, zeigt sich daran, dass der Katalog zur Belzig/Colani-Ausstellung 2002 mit dem Titel „Experiment 70“ direkt auf diese Idee Bezug nimmt.

Im Kapitel über die „Designfactory“ auf Schloss Harkotten ist viel über Colanis Charakter als Popidol zu lesen. Dass seine progressive PR-Strategie in Deutschland nach einer Erfolgswelle umschlug und zu Negativreaktionen in den Medien führte, beachtet der Autor nicht. Trotzdem ist Harkotten eine wichtige Station des Multitalents, der dort zahlreiche seiner Fahrzeuge, aber auch Stühle und Fernseher bis hin zu unscheinbaren Objekten des Alltags wie Koffer geschaffen hat. Spannend wäre gewesen, an dieser Stelle auch einiges über die Werkstatt Colanis in Westfalen zu lesen. Wie hat er seine Arbeit strukturiert, welche Mitarbeiter hatte er? Statt dessen wird das Lebensgefühl der 1960-er und 1970-er Jahre sehr oberflächlich skizziert.

Als neuer Aspekt wird „Colani im Museum“ gewürdigt. In der Abteilung Design in der Pinakothek der Moderne in München hat Colani 2002 eine monumentale Formstudie verwirklichen können. Richtig betont Bangert, dass die Grenzen zwischen Design und Kunst spätestens damit verschwimmen. Interessant wäre in diesem Kapitel ein zusätzlicher Hinweis gewesen, in welchen anderen öffentlichen Sammlungen sich Objekte von Colani befinden, sind doch etwa seine organisch geformte Teekanne „Drop“ oder sein berühmter Toilettensitz Meilensteine der Designgeschichte.

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Insgesamt scheinen die Informationen nicht kritisch hinterfragt worden zu sein. Fußnoten – überhaupt Hinweise auf andere Publikationen über den Designer – sind nicht berücksichtigt worden. Manches ist sehr schwammig formuliert. An einigen Stellen ist die Kausalität unlogisch aufgebaut. Beispielsweise scheint es, als wäre Colani in jungen Jahren von Pigozzi nicht wegen seines Talents aus der Firma des amerikanischen Flugzeugherstellers Douglas abgeworben worden, sondern weil er „als einziger fließend Französisch sprach“. Auch kleinere Widersprüche finden sich: Ging Colani zu Beginn seiner Karriere bei Werbeagenturen „hausieren“, ist er plötzlich doch „sofort“ erfolgreich gewesen.

Anekdotenhaftes vermischt sich mit Fakten. Doch die kleinen Abschweifungen wirken  stellenweise auch sehr erfrischend und auflockernd, zeigen sie doch, wie unberechenbar der Designer sein kann: Colani hatte eigentlich den Auftrag, einen Flugzeugboden zu entwickeln, der gegenüber Stöckelschuhen unempfindlich ist. Als Ergebnis entwickelte er einen Schuh für das Modehaus Dior, der mit dem begehrten Preis „goldener Schuh“ in Paris ausgezeichnet wurde.

Sprachlich wird für den Designer so aggressiv geworben, dass die wissenschaftliche Objektivität angezweifelt werden muss. Dabei wird diese im Vorwort versprochen. So ist die Rede von „titanenhafter Energie“, ja gar einem „der gigantischsten Lebenswerke, das ein Künstler im 20. Jahrhundert eigenhändig“ geschaffen hat. Erklären lässt sich diese Wortwahl vielleicht durch die Begeisterung des Autors, vielleicht aber auch dadurch, „dass der Designer an allen Recherchen aktiv mitgewirkt hat und es so ermöglicht hat, eine von Colani autorisierte Fassung vorzulegen“. Teilweise drängt sich der Eindruck auf, als wären diese Lobeshymnen direkt von dem Designer diktiert.

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Trotz aller Kritik schließt das Buch eine weitere Lücke zum Werk Colanis. Im Anhang findet sich nicht nur eine tabellarische Liste der Lebensstationen samt vieler Kreationen des sehr mobilen Designers, sondern auch ein aktuelles Interview mit Colani aus dem Jahr 2003. Dank des persönlichen Archivs des Künstlers – mit Tausenden Zeichnungen, Fotos und Modellen, sowie Briefen und Zeitungsartikeln – wurde mit Bangerts Buch Einlass in bisher zum Teil unveröffentlichtes Material gewährt, dessen Sichtung auf jeden Fall gewürdigt werden muss. Wesentliche Informationen konnten durch das Buch gesichert werden.

Im gleichen Verlag ist ein Gesamtverzeichnis zu Colanis Schaffen erschienen, das das Werk von der Gestaltung einer Flasche über die Canon-Spiegelreflexkamera bis hin zum NASA-Flugobjekt erfasst.

Bibliographische Angaben

Albrecht Bangert: Colani – Die Kunst Zukunft zu gestalten
Bangert Verlag, Schopfheim 2004
508 Seiten, Format 31 x 24 cm
ISBN 3-936155-77-1, Hardcover EUR 58.00

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