Kataloge

Barbara Plankensteiner (Hg.): »Benin: Könige und Rituale – Höfische Kunst aus Nigeria«

Dieses Buch ist ein neues Standardwerk in der über 100 Jahre alten Rezeptionsgeschichte über traditionelle nigerianische Kunst.

Es wurde anlässlich der gleichnamigen Ausstellung vom Museum für Völkerkunde in Wien herausgegeben. Ausstellung und Katalog sind gleichermaßen engagierte Projekte, die allein durch viele qualititv hochwertige und bisher nicht zusammen gezeigte Objekte aus dem Jahrhunderte alten Königreich Benin überzeugen.

Neben einem ausführlichen Katalogteil mit großformatigen Abbildungen und objektbezogenen Texten fasst dieser Katalog erstmals und umfangreich wesentliche Forschungsbeiträge der wichtigsten Afrika- bzw. Beninforscher und -forscherinnen in einem Band zusammen.

Bronzen aus Benin zählen zu den Hochkulturen Afrikas. Die ältesten Objekte sind ca. 1000 Jahre alt und zeichnen sich durch eine meisterhafte Gußtechnik und einen ungewöhnlich sensiblen Realismus aus. Als eine britische Militärexpedition das Königreich Benin 1897 eroberte und der Palast sowie ein Großteil der Stadt niederbrannten, gelangten Tausende von Bronzeskulpturen als Beute nach England und wurden danach durch Auktionen an Museen und private Sammler in Europa und Amerika verkauft. Der bemerkenswerte Realismus, der von den üblichen Afrika-Klischees abwich, verschaffte den Objekten schon damals in Europa und Amerika eine Bekanntheit, die seitdem durch anhaltende Diskussionen und Forschungsarbeit gepflegt wird.

Fortsetzung von Seite 1

Erste Versuche einer Einordnung und einen wissenschaftlichen Grundstein legten um 1900 Ethnologen wie Felix von Luschan, der damals das Berliner Völkerkundemuseum leitete. Auf seinen frühen Beschreibungen aufbauend forschten in den 60er und 70er Jahren vor allem in England z.B. Bradbury, Dark, Fagg und Willett. Die zahlreichen Forschungen aus dieser Zeit brachten erste konkrete Interpretationsansätze, in denen versucht wurde, die Kunst Benins anhand der wenigen zur Verfügung stehenden Quellen in einem historischen Kontext zu sehen.

An die Ergebnisse dieser langjährigen Untersuchungen knüpft dieser Band an und fasst verschiedene neue Ansätze in einem überzeugenden Gesamtwerk zusammen. Die bekannte Afrika-Forscherin Paula Ben-Amos betrieb 20 Jahre lang Feldforschung in Benin und stellt nun ihre Untersuchungen zur Symbolik der Ahnenaltäre in Benin vor. Der Leiter der Afrika-Abteilung des Museums für Völkerkunde München Stefan Eisenhofer schreibt in seinem Beitrag über den seit dem 15. Jahrhundert stattfindenen Handel Benins mit den Portugiesen.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Barbara Blackmun, die sich in ihrer Forschung auf die Ikonografie und Chronologie von Elfenbein spezialisierte, zieht Rückschlüsse von Elfenbein-Schnitzereien auf Bronze. Dabei führt sie anhand ausgesuchter Beispiele aufschlussreiche und schlüssig begründete Hypothesen darüber auf, wen die jeweiligen Figuren in der Kunst Benins darstellen könnten.

Fortsetzung von Seite 2

Der Kurator der Afrika-Abteilung des Ethnologischen Museums in Berlin Peter Junge geht in seinem Beitrag auf die Problematik von Datierungen ein. Er benennt anhand einiger Gedenkköpfe die unterschiedlichen Datierungsmethoden und diskutiert sie kritisch. Mit ihrem feministischen Ansatz untersucht Flora Edouwaye S. Kaplan die Rolle der Frauen in der Kunst und Gesellschaft Benins.

Wie es der Gegenstand verlangt und im Sinne der political correctness kommen nicht nur europäische oder amerikanische Forscher sondern auch viele nigerianische Fachleute zu Wort. Sie widmen sich vor allem der lokalen Erinnerungskultur (Adepeju Layiwola) der Geschichte des Königreichs Benin (Philip Aigbana Igbafe) oder den örtlichen Bronzegilden und ihrer Tradition (Daniel Inneh).

Selbstgestelltes Ziel der Herausgeberin (Barbara Plankensteiner) ist die Würdigung der bedeutenden afrikanischen Kunstwerke und die Beleuchtung ihrer künstlerischen und kulturellen Bedeutung in möglichst vielen Facetten. Die Sicht zweier sich ergänzender kultureller Wahrnehmungen soll die Werke in ihrer Komplexität erschließen.

Gelungen ist auf alle Fälle, beide Sichten - die der nigerianischen und die der europäisch/ amerikanischen Wissenschaftler - vergleichend und ergänzend nebeneinander zu stellen.

Fortsetzung von Seite 3

Im Mittelpunkt der Beiträge stehen die Kontextualisierung der Objekte sowie Fragen nach der historischen Verortbarkeit. Rekonstruktionsversuche von Geschichte, von Strukturen am königlichen Hof und der ursprünglichen Funktion der (hauptsächlich Bronze-) Objekte bilden einen erkennbaren Schwerpunkt. Wenn auch die Kontextualisierung und die Rekonstruktion von nigerianischer Geschichte für das Verständnis enorm wichtig sind, wünscht man sich aus Sicht der Bildwissenschaften einige Beiträge mit etwas mehr Nähe zum Objekt. Schließlich sind die Objekte selbst Ausgangspunkt und Gegenstand aller Forschung und sollten auch so behandelt werden. Ausführlichere Beschreibungen und stilistische Vergleiche könnten zusätzlich wichtige Hinweise auf mögliche Künstler und Werkstätten geben und die Zuordnung der Objekte zu jenen Werkstätten und zu einer bestimmten Schaffenszeit erleichtern.

Über die Rolle der Skulptur Benins in der Kunst gibt es nur zwei Texte. Allerdings beziehen sich beide auf die moderne Kunst - einmal auf die Rezeption der Kunst von Benin durch deutsche Künstler am Anfang des 20. Jahrhunderts (Kay Heymer) und einmal auf die Rolle der Skulptur Benins in der modernen nigerianischen Kunst (Chika Okeke-Agulu). Die Rolle der alten Bronzen in einer möglicherweise neu formulierten Weltkunstgeschichte bleibt unerwähnt sowie deren kritische Betrachtung.

Dennoch ist der Katalog ein längst fälliges Standardwerk, das in keiner Literatursammlung über afrikanische Kunst fehlen darf.