Rezensionen, Kunstbücher für junge Leser

Barbara Stieff: Der Blaue Reiter. Ein Bild muss klingen. Prestel Verlag (Reihe Junior). 2008

Die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" kennenzulernen und die eigene Kreativität zu entdecken, darum geht es in diesem auch zum Basteln und Experimentieren anregenden Kunstbuch für Kinder ab 8 Jahren. Stefanie Marschke hat es sich genau angesehen.

Mit verständlichen Texten, die die Kinder direkt ansprechen, lässt die Autorin Barbara Stieff keine Fragen unbeantwortet: Was hat die Künstlerfreunde zusammengebracht und über Jahre miteinander verbunden, warum malten sie anders als es damals üblich war, was steckt hinter den Bildern und was hat es mit dem sonderbaren Namen auf sich?
Alle Mitglieder der Gruppe mit ihren Vorlieben und Anliegen werden ausführlich vorgestellt; es geht etwa um »Ferne Länder« und »Neue Vorbilder«, von denen sie Neues lernen wollten; das Kapitel »Mal so, mal so« erklärt die verschiedenen Maltechniken. Auch der historische und wissenschaftliche Kontext, der im Kapitel »Anno dazumal« erklärt wird, ist zum Verständnis wichtig: So hatte Marie Curies bahnbrechende Entdeckung der Kernspaltung einen großen Einfluss auf die Maler des Blauen Reiters. Mit ihren Mitteln der Kunst wollten sie das schier unglaubliche Phänomen der Spaltung der Atome – also des eigentlich Unteilbaren und die daraus entstehende unsichtbare Energie – sichtbar machen und auf diese Weise auch die Welt neu verstehen lernen.
Formen und Farben hatten für die Künstlergruppe eine besondere Bedeutung und spielen deshalb auch die Hauptrolle in dem Sachbuch. Mit ihnen drückten die Maler Empfindungen und Sehnsüchte aus und erfühlten die Geheimnisse hinter den Dingen und Lebewesen: zum Beispiel Franz Marc, der mit seinen Tier- und Naturbildern darstellen wollte, was ihr ureigenes Wesen ist, was die Tiere empfanden. Oder Wassily Kandinsky, der als Synästhetiker Farben hören konnte und für den Formen und Farben deshalb wie Töne einen inneren Klang hatten und Wesen mit Eigenschaften waren. Farben, Musik und Wörter konnten für ihn die Seele vibrieren lassen und Gefühle auslösen. In seiner Bühnenkomposition »Der Gelbe Klang«, die im künstlerischen Austausch mit dem Komponisten Arnold Schönberg entstand, vereinigte Kandinsky Musik, Farben, Mimik, Tanz und Dichtung zu einem Gesamtkunstwerk.
Hier nutzt Barbara Stieff die Gelegenheit, die Kinder spielerisch zu synästhetischen Wahrnehmungsexperimenten wie der Visualisierung von Musik anzuregen und ihre verschiedenen Sinnesreize zu fördern: »Glaubst du, man kann Farben hören oder Musik sehen? […] Wenn du mal wissen willst, wie deine Lieblingsmusik aussieht, kannst du es dir mit geschlossenen Augen vorstellen oder du greifst zu Pinsel und Farbe, während du es dir anhörst, und machst es für uns alle sichtbar[…] Du kannst auch eine Freundin oder einen Freund einladen. Gemeinsam könnt ihr versuchen, die Musik in Farben darzustellen[…]« Auch die Aufforderung der Autorin, mit einem selbst gebauten Formentheater zu spielen, ist ganz im Sinne von Kandinskys Gesamtkunstwerk: »Wenn Formen Persönlichkeiten sind, die zum Leben gebracht werden, dann ist die Leinwand die Bühne, auf der sie ein Stück spielen oder eine Szene darstellen. Du kannst heute Regisseur/in sein.«
Das umfangreiche Kreativ-Extra im Anhang erklärt alles ganz genau und lädt zum Basteln, Malen, Nachdenken und Entdecken ein – dabei sind die vielen Anregungen und Experimente nicht nur für Kinder interessant. Das Spektrum reicht vom Glasorgelbauen und dem Erstellen eines Stammbaums bis zur künstlerischen Bearbeitung der Urlaubsfotos.

Einmal mehr ist dem Prestel Verlag, der sich besonders die Kunst- und Museumspädagogik auf seine verlegerischen Fahnen geschrieben hat, ein originelles, liebevoll gestaltetes Kunstbuch für Kinder ab 8 Jahren gelungen. In derselben Ausstattung ist von derselben Autorin übrigens das ebenso farbenprächtige und Fantasie anregende Buch »Hundertwasser für Kinder. Träume ernten« erschienen (2007).