Ausstellungsbesprechungen

Barock im Vatikan. Kunst und Kultur im Rom der Päpste. Eine Schlussbetrachtung zur Ausstellung,

Der Pfeil der Liebe. Felice Peretti, später Papst Sixtus V., stammt aus einer armen Bauernfamilie. Im Franziskaner-Orden wird er ein Prediger mit Scharfsinn. Ihm gelingt eine beispiellose Karriere an der Kurie. Sixtus V. ist einer der selbstständigsten Denker auf dem Stuhl Petri. Möglich wird diese Karriere erst nach dem Tridentinischen Konzil.

Erleben kann man in Berlin erstmals die Höhenflüge, zu denen sich die katholische Welt nach Luthers und Calvins Reformation aufzuschwingen vermochte. Mit der Kirchenspaltung brachen dem Katholizismus alle protestantischen Länder, und damit große Einflussgebiete und Besitzstände, weg. Die katholische Geistlichkeit zieht daraus Konsequenzen. Angestrebt wird eine grundlegende Glaubenserneuerung. Dazu dient ein Konzil, das in Trient zwanzig Jahre lang, bis 1563, tagt.

 

Aus dieser Perspektive des Luthertums, das dem Bild abschwört, und statt dessen Wort und Musik zur Blüte führt, habe ich mein Schul- und Universitätswissen über den Katholizismus erworben. Das Tridentinische Konzil hat demnach vor allem den Index verbotener Bücher aufgestellt, die Inquisition eingeführt und den Prozess gegen Galileo Galilei angestrengt. Sehen sollte man aber mehr: die Erneuerung aller Bereiche des Lebens und Denkens, das hervorragende Bildungswesen von der Schule bis zur Eliteuniversität, auch für Mittellose. Es verbreitet sich rasch. Untadelig soll der Klerus sein. Die Priesterausbildung wird umfassend neu geregelt. Denker entwerfen allegorisch-emblematische Programme für eine visionäre Erneuerung des Glaubens. Ungeahnte Phantasie wächst Künstlern im Dienste dieser Aufgaben zu in der bildnerischen Gestaltung der erneuerten Glaubenswelt, vor allem mit dem Gesamtkunst. Neu ist auch die Versöhnung der nach- und der vortridentinischen Kirche. Das Bekenntnis zu den Märtyrern der frühen Christenzeit erhält eine neue Basis. Die „Legenda aurea“ des Jakobus de Voragine (13. Jh.) bleibt Legende. Die Katakomben hingegen avancieren zu Forschungsfeldern. Die Grabstätten der christlichen Helden werden erkundet. Hier nimmt die christliche Archäologie ihren Ausgangspunkt. Sie entstand also nicht als eine Wissenschaft an sich. Denn von den Hinweisen auf die Märtyrer ist die Archäologie als universitäres Fach auf uns gekommen.

Mitreißend sind die Programme, mit denen der Vatikan und alle neu errichteten Kirchen ausgestattet werden in der verbliebenen Welt sowie in den Missionsgebieten aller Erdteile. Das know how liefert Ignatius von Loyola. 1540 gründet er den Jesuitenorden, die Societas Jesu. Sie leistet überall in ihren großen Kollegs eine nie da gewesene breit gefächerte Bildungsarbeit.

 

Wer sich diesen Leitgedanken der Gegenreformation anvertrauen kann, dem werden die Augen aufgehen. Beim Anblick des Heiligen Laurentius zum Beispiel, dem in seiner letzten Stunde Maria im Wolkenbett erscheint und ihm die Freude der Erlösung im Himmel mitbringt (F. Lanfranco). Auch die Verzückung der Heiligen Theresa von Avila (Zeichnungen von Bernini) wird man besser deuten können. Sie erlebt beim Anblick eines Engels, der ihr den Liebespfeil ins Herz sticht, eine Verzückung. Atheisten haben ihren Eindruck so formuliert: wenn das eine Verzückung ist, dann weiß ich auch worum es geht.