Ausstellungsbesprechungen

Barock und Informel. Augenkitzel – Barocke Meisterwerke und die Kunst des Informel

Augenkitzel – Barocke Meisterwerke und die Kunst des Informel. Es ist verwunderlich, dass eine Ausstellung über die Rückbezüge der Moderne auf das 17. Jahrhundert erst jetzt museales Terrain streift: Seit langem steht das barocke Zeitalter oder das, was sich dafür hält, ganz oben in der Liste für die Wegbereiter der Moderne.

Jetzt hat sich Kiel aufgerafft, um den Augenkitzel zu umschreiben, den die Menschen im 17. und 20. Jahrhundert gleichermaßen im Umgang mit ihrer Umgebung verspürten.

 

Die Schau, die von der Informel-Kennerin Sylvia Martin kuratiert worden ist, ist ein wahrer Augenschmaus geworden; sie spürt nicht nur assoziativ-ästhetischen, sondern auch konkret-kompositorischen Beziehungen nach. Dabei ging es den vordergründig abstrakten Künstlern dieser europäischen Abteilung des Abstrakten Expressionismus weniger um die Wiederbelebung der Engelsheerscharen oder sonstiger religiöser Thematik, als um die Transformation der visionären Elemente und der Spurensuche nach den sich auflösenden Formen und Strukturen. Es sei vorweggenommen, dass ein solches Unternehmen fast notwendig scheitern muss – immerhin, es ist ein oratorienhaft schwingendes und grandios illuminiertes Scheitern geworden.

 

Schon unseren Vätern wird möglicherweise beim Besuch des Schlosses Charlottenburg in Berlin – es gibt auch würdige Nachfolger – der unmittelbare Bezug informellen Geistes zum spätbarocken Griff nach kosmischen Dimensionen aufgegangen sein: Hann Trier ersetzte das kriegsbedingt zerstörte Deckenfresko im Weißen Saal von Antoine Pesne (1742) 1972 durch ein modernes Pendant, das allein durch Farbe das ursprüngliche »Hochzeitsmahl von Peleus und Thetis« evoziert. »Die neue Malerei», so stellte Hann Trier fest, »passte also offensichtlich, ohne dass ich mich wie ein Kopist oder Nachahmer des 18. Jahrhunderts verhielt.« 

 

Tatsächlich sind Werke des Informel und etlicher Barockmeister derart passgerecht, dass wohl deshalb bislang niemand den verwandten Geist aus den Flaschen der Lagerbestände befreit hat – das Naheliegende ist zuweilen allzu fern –; so ist die Kieler Präsentation nun überfällig. Schon die Titel der ausgestellten Werke machen keinen Hehl daraus: von Hann Trier bietet die Kunsthalle die Temperagemälde »Rocaille (Lob des Rokoko« und »Amor« aus derselben Serie) sowie das Jean Antoine Watteaus berühmtes Werk referierendes Ölbild »L’Embarquement pour Cythère« auf; Heinz Kreutz steuert eine phantasmagorische »Barocke Erinnerung«, Hans Platschek einen »Höllensturz« bei, Thomas Grochowiak zeigt neben den Tuschbildern »Barocco – Erstes Würzburge Bild« und »Fuge im barocken Stil« eine »Hommage à Tiepolo«, während der schon genannte Trier ein Gemälde »Für Bernini« überschreibt, Platschek beehrt Rubens’ Muse »Hélène Fourment[o]« und Winfred Gaul schließlich nimmt »Abschied von Rembrandt«.

 

Doch mit den sprachlichen oder inhaltlichen Bekenntnissen begnügt sich die Ausstellung mit ihren über 70 Exponaten freilich nicht. Für einen wesenhaften Kontext, in dem sich Pinselduktus und Materialauftrag widerspiegeln, stehen Heinz Kreutz’ »Hymne an den Tag« und ein Beispiel aus der »Migof«-Serie, Emil Schumachers »Sodom«, »Mutador« und »Rofos« genauso wie Bernhard Schultzes »Rosen-Geschwür« und sein »Geschrieben in Blühendes«. Darüber hinaus fehlen Künstler nicht, die keinen direkten Bezug erkennen lassen, darunter Peter Brüning, Karl Otto Götz und K.R.H. Sonderborg, die gerade in der regelrechten Leugnung irgendwelcher Vorbilder auf ein barockes Selbstverständnis rückverweisen. Allen gemeinsam ist der Illusionsraum, der jedoch im 17. Jahrhundert zur bravourösen Umsetzung des Motivs durch einen Spezialisten geschaffen wird, während die Informalisten weniger auf ein spektakulär augentäuschendes Raumgefüge als auf ein grelles Raum-Zeit-Kontinuum setzen.

 

Über das Schwelgen hinweg schleichen sich jedoch auch ein paar Vorbehalte gegen das Ausstellungskonzept ein, die der Gesamtschau keinen Abbruch tun: Zum einen fällt auf, dass die großen Maler des Barock nicht vertreten sind, und wenn, dann sind es solche, die fast handgreiflich bewusst machen, dass das 17. Jahrhundert, diese letzte große Epoche, nicht pauschal betrachtet werden kann – Jacob van Ruisdael etwa ist ohne Frage großartig, aber was verbindet ihn mit dem Informel? Andrerseits greifen alle Künstler auf historische Vorbilder zurück – man nehme nur die Ausstellung über »Francis Bacon und die Bildtradition«, um zu sehen, dass die Moderne insgesamt auf das 17. Jahrhundert zurückgreift, und darüber hinaus das Barock (schon der Begriff lässt sich nicht halten) keine »Exklusivrechte« hat, das heißt: Beerbt werden alle Epochen und alle Stile in allen Zeiten.

 

»Barocke Meisterwerke und die Kunst des Informel« ist ein Fest für die Sinne, das eine Lanze für die Moderne bricht, indem sie einem nicht so erfahrenen Publikum zeigt, wie nah sich vermeintlich »wilde« Gegenwartskunst und die dynamischen Klassiker der verschiedenen Goldenen Zeitalter sind, ein Fest für die Sinne, das die Modernität der so genannten alten Kunst vor Augen führt. Sie muss allerdings letztlich eine Zufallsbegegnung sein, weil einerseits das 17. Jahrhundert zu komplex ist, um es in einer so kurzen Stilbewegung wie dem Informel widerspiegeln zu lassen, und andererseits der gesamte Abstrakte Expressionismus häufig genug in einem spontanen Akt entstand, der allenfalls nachträglich eine Verbindung zum Barock zulässt, der doch ganz deutlich in einem Jahrhundert der rationalistischen Wahrnehmungsphilosophie und der mathematischen Höhenflüge eingebettet war – und wo nun so manche Beispiele aus dem 17. Jahrhundert fehlten, nahm man für die Ausstellung noch schnell das 18. Jahrhundert dazu. Das ist jedoch wahrhaftig ein weites Feld.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag 10–18 Uhr
Mittwoch 10–20 Uhr
Karfreitag geschlossen 

Führungen
Sonntags 11.30 und 16.00 Uhr
Mittwochs 18.00 Uhr
Ostersonntag: 16.00 Uhr
Ostermontag:11.30 und 16.00 Uhr 

Eintrittspreise
Sammlung und Sonderausstellung: 5,– / 3,– EURO 

Kunsthalle zu Kiel, 24. Januar – 12. April 2004