Ausstellungsbesprechungen

Basislager - Arbeiten von Mane Hellenthal in der Stadtgalerie Saarbrücken, bis 20. Juni 2010

In der Ausstellung »Basislager« sind die „wahrnehmungsschärfenden“ Arbeiten der saarländischen Künstlerin Mane Hellenthal zu sehen. Dabei decken Malerei, Installationen, Zeichnungen, Collagen und Fotografien die Bandbreite des vielseitigen Œuvres ab. »Mane Hellenthals Bilder sind poetische Bilder, und ihre Arbeit ist eine literarische«, wie Ralph Melcher präzise das Schaffen der Künstlerin beschreibt. »Der Bezug zur Literatur besteht jedoch nicht so sehr in der Aufnahme literarischer Sujets bereits geschriebener Bücher oder ihrer Motive, noch in einer erzählerischen Haltung. Das Literarische bei Hellenthal«, so Melcher weiter, »zeigt sich in der Art und Weise ihres künstlerischen Vorgehens und in der Befragung der Wahrnehmung wie der Selbstwahrnehmung«. Verena Paul hat sich für Sie die zwischen idyllischen Kindheitserinnerungen, Märchenelementen und Ikonographie des Alltags pendelnde Präsentation angesehen.

Durch die gläserne Tür geschlüpft, die weiße Wendeltreppe erklimmend und an der netten jungen Dame am Empfang vorbei, stehe ich mitten in der märchenhaften, sehnsuchtstrunkenen und zugleich nachdenklich stimmenden Welt Mane Hellenthals. In den blauen Grund des großformatigen Werkes »Decke I« im ersten Ausstellungsraum etwa wurden Versatzstücke der Kindheit eingewoben: Neben Spielzeug und Märchenfiguren stehen im Zentrum drei Kinder um einen Tisch mit rot-weiß karierter Decke und Kuchen. Dabei legt sich ein Geflecht aus Linien über das gesamte Bild, spürt den Beziehungen der Gegenstände und Figuren nach und demonstriert darüber hinaus die Überlagerung und Verschmelzung der Zeitebenen.

Im nächsten Raum strömen dem Betrachter 320 Arbeiten aus der Serie »Prägungen« entgegen, denen eines gemeinsam ist: Die Brandspur eines Bügeleisens beziehungsweise einer Herdplatte, die sich in den hellen Grund der Leintücher eingeprägt hat. »Ein bestimmter Geruch, das leise Geräusch, das beim Bügeln entsteht, das damit verbundene Wissen, dass jemand da ist.« Mit diesen Worten beschreibt Mane Hellenthal die Geborgenheit in ihrer Kindheit. Sie aktiviert Erinnerungen, die uns in Gestalt von Berglandschaften, Architekturen, Alltagsgegenständen und Menschen sowie Figuren aus der Märchen- und Comicwelt begegnen. Einerseits sind es Marginalitäten, die die Künstlerin in gedämpften Farben und mit viel Einfühlungsvermögen über die vorgeprägte Leinwand legt, andererseits sind es zwischenmenschliche Beziehungen, die sie fern jeglichen Zeitbezugs festhält. »Es sind Bilder aus dem Zeitgeschehen, […] Bilder von unterwegs, Bilder von Orten, von Gegenständen, aus Träumen, von Situationen, die hierarchielos aneinander gereiht werden. Sie werden zeichnerisch festgehalten, bevor sie (wieder) ins Unbewusste abgleiten«, so Hellenthal. Magisch fesseln mich jene kleinformatigen Arbeiten, die lebendig in den langen, schmalen Raum mit den weißen Wänden strömen. Möglicherweise, weil einige Motive meinen eigenen Erinnerungsbruchstücken ähneln...

Durch die nächste Tür gelange ich in den dritten Ausstellungsraum mit der an der Fensterfront befindlichen Installation »Basislager III«. Hier formulieren Holzstäbe eine von Brüchen geprägte, pyramidale Gestalt. Am Boden der Konstruktion finden sich – mit Ausnahme einiger farbiger Puzzleteile – ausschließlich schwarze Gegenstände, vom spitzbogigen Weihnachtsleuchter, über Sonnenbrille, Fahrradschloss und -helm, Filzpantoffel, Teller bis hin zu Spielsachen, wie den kleinen Plastikhäuschen oder dem Landschaftsfragment einer Spielzeugeisenbahn. Das Schwarz bewirkt, dass die Dinge der Gegenwart entrückt werden, es verhüllt sie und wahrt – in sorgfältiger Anordnung – die Erinnerung. An der gegenüberliegenden Wand zeigt Mane Hellenthal uns in kleinen Formaten noch einmal die Bandbreite ihrer Themen. Es begegnen Collagen mit Tüchern, Damenstrümpfen und -slips oder organisch geformten Pressspanplatten, Fotobearbeitungen ebenso wie formreduzierte Gemälde mit Schriftzügen. Letztere begleiten den Betrachter beim Weitergehen, da sie zum Nachdenken animieren und so sind wir unmittelbar angesprochen, wenn es heißt: »Wenn die Zeiten der Kindheit vergehen, kommen Zeiten die ebenso schön« oder die ungewöhnlichen Diminutive »WIE DU MIRCHEN SO ICH DIRCHEN«. Insgesamt haben die Ausstellungsmacher gute Lösungen bei der Werkpräsentation gefunden, doch bin ich in diesem Raum etwas enttäuscht, denn obgleich Kraftachsen eine grobe Struktur vorgeben, verlieren sich die schräg neigenden, kleinformatigen Bilder etwas in der Weite des Raums, wirken manchmal gar verloren – da hätte ich mir vereinzelt kleine Ruhepole für meine Augen gewünscht…

Zurück zur Wendeltreppe gelange ich ins zweite Obergeschoss, wo hinter einer Glastür die Installation »Basislager I« aufgebaut ist: zwei Holzhäuschen, das eine mit Dach birgt eine Vielzahl von kleinen Plastikbeuteln mit Stoffstücken sowie Kleidern und mit Stoff überzogenen Leinwänden, die sich zu kleinen Türmen stapeln. Das andere Haus an der gegenüberliegenden Raumseite ist ohne Dach und gibt den Blick frei auf private Fotos, kleinformatige Arbeiten der Künstlerin und Stoffreste, die sie liebevoll in Plastiktaschen verstaut hat. Es ist eine Miniaturwelt der Erinnerungen, die behutsam geordnet wurden, um die Sinne anzusprechen: den Tastsinn, den Geruchssinn und nicht zuletzt die Augen. Neben einigen kleineren Arbeiten dominiert vor allem das großformatige Werk »Im Hintergrund der Idylle«, das eine ruhig im See treibende Plattform mit zwei Frauen und zwei Kindern vor surrealer Landschaft zeigt. Dieses Werk fügt sich wunderbar in die Atmosphäre des Raumes und verstärkt das intime, familiäre Gefühl, das sich wie ein Mantel schützend um die Schultern des Betrachters legt.

Verlassen wir den Raum, führen einige Stufen empor zum fünften Ausstellungsraum, in welchem sieben Metalltische stehen, die mit weiß-rot karierten Decken, Glasmalerei und teilweise skulpturalen Arbeiten gekrönt werden. An den Wänden neun Arbeiten aus der Serie »Biografische Berge«, die im Dialog mit den Tischen eine ebenso grotesk-idyllische, märchenhafte, spielerisch leichte wie bedrückend schwere Szenerie ergeben.

Der folgende Raum stellt mein persönliches Highlight der Ausstellung dar: Die Präsentation von zehn Arbeiten aus der Serie »Edelweißdekalog«. Neben den von Spannungen und Widersprüchen geprägten Werken überzeugt mich hier besonders die gelungene Hängung. Der sich zuspitzende Raum zieht die großen Formate mit sich, oder sind es gar die Arbeiten, die Macht über die Wände gewinnen? Beinahe gewaltsam heben sich die figuralen, scherenschnittartigen Erscheinungen in schwarzem Filz vom bunten Baumwollgrund ab, auf dem sich Kätzchen, Entchen, Häschen oder niedliche Bärchen freudig und unbekümmert tummeln. Die schattenhaften Wesen dringen in eine farbintensive, formdynamische Welt ein, „entschleunigen“ sie – beispielsweise mit langsamen Tanzbewegungen, wie uns ein Schattenpaar demonstriert – und sind damit Ruhepol im allzu hektischen Chaos von Couleur und Motivvielfalt. Am Ende der Serie angelangt, führt mich eine Pforte in den vorletzten Ausstellungsraum, in dem acht Bilder der Serie »Provinzielle Bauwerke« präsentiert sind. Jene klarlinigen Architekturen, die nun im Fokus des künstlerischen Interesses stehen, wurden aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst, isoliert und in eine verfremdete Landschaft überführt, die sich in unruhiger Maserung und organischem Formenfluss dem Bauwerk zu widersetzen scheint. Es sind Gemälde, die – und das verdeutlicht die gereihte Hängung – zwischen Bewegung und Statik, Fläche und Lineament, Irrealität und Wirklichkeit oszillieren und damit zum intensiven Betrachten auffordern.

Abschließend gelange ich in einen sehr schmalen, lang gezogenen Raum, in welchem meine Aufmerksamkeit primär auf die Installation einer 420-reihigen Fotoserie gelenkt wird. Zu sehen sind alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kindern und Landschaften, Fotografien von Essen, Architekturen, Kunst, Kitsch und Postkartenidylle. Dabei erzählt Mane Hellenthal dem Betrachter Geschichten, indem sie Kontraste und Parallelen aufzeigt, wie etwa bei einem Hochhaus, das neben eine Aufnahme von sich türmenden Leinwänden positioniert wird. Die Form ist irritierend ähnlich, das Material, die Proportionen und die Funktion jedoch sind widersprüchlich.

Fazit: Mane Hellenthals Werke demonstrieren eine grandiose Transformation scharfsichtiger Alltagsbeobachtungen, von Träumen, Märchen und Erinnerungsfragmenten in eine ästhetisch eindringliche und bisweilen verrätselte Bildsprache. Damit kratzt die Künstlerin an verkrusteten Oberflächen und kann so das Sensorium des Betrachters schärfen. Eine Ausstellung, der ich viele aufmerksame und neugierige Besucher wünsche!