Buchrezensionen

Baumstark, Brigitte; Eckhart Gillen; Boris Groys: Europaweit. Kunst der 60er Jahre, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2002.

1962 erhielt die Stadt Karlsruhe vom Europarat die Auszeichnung, sich um die Einigung Europas besonders verdient gemacht zu haben.

Dass der europäische Gedanke in der Stadt auch seitdem aktiv gelebte Realität ist, zeigten die 16. Europäischen Kulturtage Karlsruhe 2002, die unter dem Motto „Mythos Europa?” standen. Ihren Mittelpunkt bildete die Sonderausstellung „Europaweit – Kunst der 60er Jahre&\'8221; in der Städtischen Galerie, die thematisch an vorangegangene Kulturtage in Karlsruhe anknüpfte und so auf das Nahziel der geplanten Osterweiterung der Europäischen Union verwies. Programmatisch war auch die Wahl des zweiten Ausstellungsortes: Mit ihr setzt sich die Zusammenarbeit der Städtischen Galerie mit der Staatlichen Galerie Moritzburg innerhalb der fünfzehnjährigen Verbindung zwischen den Partnerstädten Karlsruhe und Halle an der Saale fort, um die „Europaweit”-Ausstellung diesseits und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhanges präsentieren zu können.

„Europaweit – Kunst der 60er Jahre” versuchte zum ersten Mal das geografische Europa vom Atlantik bis zum Ural im Spiegel der bildenden Kunst aus der Hochzeit des durch den Eisernen Vorhang politisch, ideologisch und wirtschaftlich gespaltenen Europas als Zusammenschau zu konstruieren und zu reflektieren. Spotlightartig Phänomene hervorzuheben, spannungsreich die extremen Gegensätze und die gewissen Annäherungen von Ost- und Westkunst in der Zeit von 1957 bis 1973 erkennen zu lassen, war ihr Ziel. Methodisch ergab sich dabei die weit gehende Beschränkung auf gegenständliche Malerei, auf Gemälde und Papierarbeiten mit figurativen Motiven, als übergeordneten Gesichtspunkt, der am ehesten einen Vergleich zulässt. Auf Grund dieser Vorgabe und beraten von Fachwissenschaftlern, die auch als Autoren am Ausstellungskatalog mitwirkten, wurden die für die Ausstellung in Frage kommenden achtzig Ost- und Westkünstler und ihre fast zweihundert Werke ausgewählt.

Angaben zu den ausgestellten Kunstwerken sind dem Ausstellungskatalog „Europaweit – Kunst der 60er Jahre” genauso zu entnehmen wie die Biografien der vorgestellten Künstler (Horst Antes, Francis Bacon, Erik Bulatov, Hanne Darboven, Harald Duwe, David Hockney, Alfred Hofkunst, Markus Lüpertz, Kazimierz Mikulski unter anderem). Die Publikation umfasst auch neun diverse Schwarz-Weiß-Abbildungen illustrierende Essays, die die Projektverantwortlichen, die Experten Eckhart Gillen, Boris Groys und Thomas Strauss sowie die Fachwissenschaftler Rolf-Gunter Dienst, Peter Steinbach und Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie, verfassten.

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Die Qualität ihrer achtzig Farbtafeln ist so gut, dass sie beeindrucken und fesseln können; auf die Aufsätze trifft das Urteil insbesondere dann zu, wenn die Essays „Ein neuer Realismus im Osten. Baselitz, Ebersbach, Heisig, Mattheuer, Penck, Richter, Sitte, Tübke contra sozialistischer Idealismus” von Eckhart Gillen und „Am Rande. Die russische inoffizielle Kunst der fünfziger bis siebziger Jahre” von Boris Groys Einsichten in die Gegensätzlichkeiten und Verwandtschaften der bildenden Kunst in Ost und West vermitteln. Generell ist der Katalog zur Ausstellung „Europaweit – Kunst der 60er Jahre” als eine umfangreiche und darum wichtige Materialsammlung zu bewerten, die der fehlende „Mut zur These” (Tim Sommer) auf eine merkwürdige Weise genauso kennzeichnet wie das Pilotprojekt selbst. – „Ganz klar: die Aufarbeitung beginnt erst.” (Barbara Wucherer)

Bibliographische Angaben

Baumstark, Brigitte; Eckhart Gillen; Boris Groys: Europaweit. Kunst der 60er Jahre, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2002.
ISBN-13: 978-3775711838

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