Kataloge

Beat Stutzer u.a. (Hrsg.): Expressionismus aus den Bergen – Kirchner, Bauknecht, Wiegers und die Gruppe Rot-Blau, Scheidegger & Spiess, Zürich 2007.

Kirchner erlebt zur Zeit eine Renaissance, bei der – unter den expressionistischen Kollegen – allenfalls Max Beckmann mithalten kann (der allerdings als Solitär immer irgendwo präsent war).

Eine der schönsten Ausstellungen seiner Kunst findet man momentan im Kunstmuseum Bern (bis 19. August 2007): Der hinlänglich bekannte großstädtische Brücke-Maler wird einmal in einem ganz ungewohnten Umfeld gesehen. Die Schau zum EXPRESSIONISMUS AUS DEN BERGEN betritt freilich kein Neuland, die Davoser Jahre von Ernst Ludwig Kirchner mit seinen Bergmotiven sind auch gut dokumentiert. Spannend ist hier der Kreis von jungen Künstlern, die Kirchner in der Bergwelt aufsuchten und dem Meister malerisch nacheiferten, mit erstaunlichen Ergebnissen. Man ist versucht zu sagen, dass hier eine regelrechte Kirchner-Schule entstand, die mit dem Deutschen Philipp Bauknecht, dem Niederländer Jan Wiegers und der Malergruppe Rot-Blau (Paul Camenisch, Albert Müller, Hermann Scherer) ihre bekanntesten Mitglieder hatte. Wie unter den Brücke-Malern ging es auch hier nicht immer friedlich zu, aber gerade in den vorhandenen Spannungen entfaltet sich ein grandioser Farbenteppich mit interessanten Eigenheiten und immer wieder eine gefährliche Nähe, die manche Bestimmungsübung zum Ratespiel werden lässt. Faszinierend sind die Vergleichsbilder derselben Motive, denen man gar unterstellen mag, als hätten die Freunde einen Heidenspaß an der Konkurrenz gehabt.

Das Buch zur Ausstellung (die ab 22. September noch in Groningen, danach ab 16. Februar 2008 in Chur zu sehen sein wird) ist eine Blätter- und Entdeckerfreude sondergleichen. Brilliert der Verlag Scheidegger & Spiess wieder mit einer nahezu unerreichten Druckqualität, was die Farben der Bildvorlagen angeht, reichen die Beiträge über den temporär relevanten Ausstellungskatalog hinaus. Souverän wird das Geben und Nehmen aufgezeigt, die Schule wird zum kreativen Austausch, denn Kirchner hat von seinem Anhängerkreis auch profitiert. »Der direkte Vergleich der Werke von Kirchner und jenen jüngeren Künstlern, die in Frauenkirch Anregung und Inspiration suchten«, so meint Beat Stutzer, »widerlegt jegliche Mutmassung blinden Epigonentums«. Ob man nun von einer »Wiederentdeckung des Schweizer Expressionismus« sprechen kann, sei fallweise dahin gestellt – Hermann Scherer etwa wurde in den vergangenen Jahren ernsthaft gewürdigt, in diesem Kontext auch die expressionistische Skulptur ausführlich behandelt –, aber selten sind die Fäden so weit ausgerollt worden, wofür sicher der Niederländer Wiegers den besten Anlass geboten hat. Dieser fand über seine Van Gogh-Begeisterung zu Kirchner, den er noch nicht einmal gesucht hatte: Eine Lungenentzündung veranlasste ihn, nach Davos zu fahren – der poldergeeichte Künstler musste die Berge noch ganz anders in sich aufgenommen haben als die Schweizer Kirchnerianer. So wundert es nicht, dass er noch den größten Abstand zum Stil Kirchners erhalten konnte. Und doch konnte er nach seiner Rückkehr nach Groningen einen von dem Expressionisten beeinflussten neuen Stil in der holländischen Landschaftsmalerei etablieren, die grafischen Arbeiten blieben sogar auch später nah bei Kirchner. Als Ausdruck des neuen Stils in seinem Heimatland seien die Gemälde »Landschaft mit roten Bäumen« (1922) und »Landschaft mit Kanal« (1923) genannt. Es ist Han Steenbruggen, Konservator am Groninger Museum, zu verdanken, dass dem Schaffen Jan Wiegers' ein wahres Denkmal gesetzt worden ist – selbst für die Niederländer wird dies erhellend sein, wird man den Maler wohl eher auf die Künstlergruppe »De Ploeg« reduziert sehen (wie Kirchner hierzulande auf die »Brücke« bezogen wird).

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Nicht minder interessant sind die anderen Beiträge des üppig bebilderten Buches: Ins Licht geführt werden die Davoser Berglandschaft, aber die ist freilich tiefgründig genug; so werden das Menschen- und Freundschaftsbild genauso heraufbeschworen, wie die Kunst zwischen (irdischem) Paradies und Bauerntanz verortet wird. Und selbst die Berglandschaft ist topografisch nicht mit sich allein – den Reizen des Medrisiotto als Rückzugsgebiet sind Scherer, Camenisch u.a. erlegen. Eine »Chronik der Jahre 1917 bis 1928« (Müller starb 1926, danach zeigte die Gruppendynamik deutlichere Brüche) bringt die verschiedenen Fäden wieder in geordnete Bahnen.