Buchrezensionen

Becker, Jochen (Hrsg.): Die Niederländischen Gemälde der Sammlung Moritz Julius Binder im museum kunst palast Düsseldorf. Hamburg 2002

Es ist eine kleine Publikation, eben ein Heft, aber in vielerlei Hinsicht durchaus erwähnenswert. Zum einem handelt es sich hier um die Aufarbeitung einer dem Düsseldorfer Museum 1947 geschenkten privaten Sammlung niederländischer Gemälde.

Es ist aber nicht irgendeine Sammlung, sondern die eines in den 20er und 30er Jahren durchaus umstrittenen Kunsthistorikers, Moritz Julius Binder. Das Buch stellt zugleich die Ergebnisse einer studentischen Arbeitsgruppe dar, bestehend aus den Studenten des Düsseldorfer Kunsthistorischen Institutes und der Utrechter Universität, die bezugnehmend auf Helmut Börsch-Supans Empfehlung ([base "]Kunstmuseen in der Krise", 1993) - zum [base "]objektbezogenen kunstwissenschaftlichen Arbeiten", beginnend mit der [base "]Dokumentation des Vorhandenen" - sich der bislang unaufgearbeiteten Sammlung Binders widmeten.
Der Sammler und Stifter Moritz Julius Binder (1877-1947) war Kunsthistoriker, Kunstsammler und in den Jahren 1913-1934 Direktor des Berliner Zeughauses. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich aber vorwiegend mit dem Sammeln der niederländischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts sowie kleinerer Skulpturen aus der Epoche des Spätmittelalters und der Renaissance. Von Fachkollegen wurde Binder immer wieder für seine Kunstexpertisen, in denen er zahlreiche Kunstwerke, auch aus eigenem Besitz, namhaften Künstlern (Rubens, Jordaens, Van Dyck, bekannten Schülern von Rembrandt) zuschrieb, kritisiert. In den 20er und 30er Jahren ist auch seine Museumsleitung seitens nationaler und militärischer Kräfte scharfer Kritik ausgesetzt gewesen. Das führte 1934 zur Ablösung Binders als Direktor des Berliner Zeughauses.
Nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst wurde er zum Berater des Berliner Kunsthändlers Hinrichsen wie auch Berater von Göring bei dessen Kunstkäufen. Binder starb 1947, und 1948 fiel seine ganze Sammlung dem Düsseldorfer Kunstmuseum zu, vermacht durch Margareta Henriette Breuer (wohl Bekannte und Mitarbeiterin von Binder). Ein Teil der Sammlung wurde erst nach dem Tod der Stifterin 1994 ins Museum überführt. Die Beschenkten sind sich bis heute des Anlasses der Stiftung, die neben einer ganzen Reihe niederländischer Gemälde, auch Möbel, Objekte des Kunstgewerbes und italienische Kleinbronzen umfasst, nicht sicher.

Unter der Leitung von Jochen Becker (Universität Utrecht) und Martina Sitt (damals Leiterin der Gemäldesammlung im Düsseldorfer Museum) haben deutsche und holländische Studenten der Kunstgeschichte erstmals die Katalogisierung und die Neuordnung der niederländischen Gemälde der Sammlung sowie die Untersuchung der zweifelhaften Zuschreibungen Binders vorgenommen. Die Arbeit sollte zugleich der Beleuchtung der Person des Sammlers dienen.

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Im Band finden sich von den Projektleitern verfasste Erläuterungen zum Projekt, Bibliographien zu Binders Vita und zu dessen Schriften. Am umfangreichsten ist natürlich der Katalogteil, in dem eine Auswahl der Werke samt neuen - vorsichtigen - Zuschreibungen vorgestellt wird. Die Texte enthalten neben solchen Formalitäten wie Angaben zum Autor, Titel, Massen und Qualität des Bildträgers auch Literaturhinweise und kurze Beschreibungen der Darstellungsgegenstände, die das ganze Spektrum niederländischer Malerei aufweisen, von Historien über Landschaften, Seestücke, Porträts, bis zu Stillleben. Es tauchen hier wichtige Namen auf: Cornelis de Bisschop, Abraham Bloemaert, Allart van Everdingen, Pieter Lastman, Jan van Scorel.
Die Untersuchungen erheben jedoch keinen Anspruch auf Endgültigkeit, vielmehr - wie Martina Sitt im Vorwort betont - sollte diese Zusammenstellung lediglich als Aufforderung zur weiteren Erforschung dieser und anderer ungelöster Fälle anregen.

Bedauerlich schlecht sind die schwarzweißen Abbildungen in diesem Buch, die kaum größer erscheinen als manch eine Briefmarke, so dass man bei Betrachtung der Details schon auf eine Lupe zurückgreifen muss, und auch dann erkennt man nicht viel mehr. Es kann also mit solchen großen Katalogen, wie der über den holländischen Klassizismus (2000), nicht mithalten, ist aber dennoch beachtenswert, denn es regt wichtige Fragen an: Zur Kunstpolitik in bezug auf die Geschichte des Berliner Zeughaues wie auch zum Kunsthandel und Kunstsammeln in der Nazizeit -Themen, die künftig intensiv diskutiert werden müssen.

Bibliographische Angaben

Becker, Jochen (Hrsg.): Die Niederländischen Gemälde der Sammlung Moritz Julius Binder im museum kunst palast Düsseldorf. Hamburg 2002
ISBN-13: 978-3936406009


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