Ausstellungsbesprechungen

Beckmann & Amerika, Städel Museum Frankfurt am Main, bis 8. Januar 2012

In Frankfurt endet das Jahr 2011 erst am 8. Januar und zwar mit der Max-Beckmann-Ausstellung im Städel Museum. Erstmalig ist das Spätwerk des Künstlers in einer umfangreichen Einzelausstellung zu sehen, die den Schaffens- und Lebensabschnitten aber auch -umbrüchen des Malers, Grafikers und Bildhauers nachfühlt. Diese spannende und faszinierende Ausstellung sollten Sie keinesfalls verpassen. Anett Göthe hat sich das "Must-see" für Sie angesehen.

Das zurückliegende Jahr stand in künstlerischer Hinsicht vor allem im Zeichen von Max Beckmann. Neben der Ausstellung im Baseler Kunstmuseum, die sich der Landschaftsbilder Beckmanns widmet und der Schau im Museum der Bildenden Künste Leipzig, die die Porträts dieses bedeutenden deutschen Künstlers in den Fokus rückt, zeigt das Frankfurter Städel Museum noch bis zum 8. Januar 2012 ein interessantes Ensemble von Beckmannschen Werken aus den letzten Schaffensjahren in Amerika. Damit ist zum ersten Mal das in Amerika entstandene Spätwerk des Malers Thema einer monografischen Sonderausstellung. Alle drei Ausstellungen ergänzen sich hervorragend und geben die Möglichkeit, das Gesamtwerk Beckmanns nahezu vollständig zu bewundern. In der Frankfurter Schau werden 41 von Beckmanns großen Gemälden – darunter das monumentale Triptychon »Die Argonauten« (1949/50, St. Louis, New York, Privatbesitz) – sowie eine Vielzahl an Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarellen gezeigt, die einen umfassenden Einblick in die letzten Schaffensjahre des Künstlers geben.

Die Ausstellung beginnt mit dem frühen Gemälde Beckmanns »Kreuzabnahme« aus dem Jahre 1917, das lange vor seiner Auswanderung nach Amerika entstand. Es ist insofern ein Schlüsselbild in dieser Ausstellung, als es einen weiten Rückblick auf die Stilentwicklung des Künstlers erlaubt und weil es darüber hinaus für das Städel von großer Bedeutung ist: Georg Swarzenski, der ehemalige Direktor des Städels und enger Freund Beckmanns, erwarb mit der »Kreuzabnahme« im Jahre 1919 das erste Gemälde Beckmanns. Diesem Bild gegübergestellt wird Beckmanns Tryptichon »Abfahrt/Departure«, das als eine Utopie der Freiheit verstanden werden kann. Im Mittelteil mag der Betrachter die heilige Familie erkennen, die in einem Boot dem weiten Horizont entgegenfährt. Man könnte meinen, dass dieses Tryptichon für seine im Jahre 1947 erfolgte Auswanderung nach Amerika steht. Doch das Werk entstand bereits Mitte der dreißiger Jahre und zwingt den Betrachter dazu, sich mit seinem Leben und Arbeiten auseinander zu setzen, wenn er denn die Bilder Beckmanns verstehen will.

Der im Jahre 1884 in Leipzig geborene Max Beckmann ließ sich nach den schrecklichen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges 1915 in Frankfurt nieder. Von hier aus begann er sich künstlerisch zu etablieren. Darüber hinaus war er in der Lehre tätig und leitete seit 1925 ein Meisteratelier an der Kunstschule des Städel-Museums. Er war auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens, als er im April 1933 von den Nazis fristlos aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule entlassen und seine Kunst als „entartet“ diffamiert wurde. Er verließ mit seiner Frau Mathilde „Quappi“ Beckmann Frankfurt und versucht bis 1937 in Berlin unterzutauchen. Als ihm das nicht mehr gelang, flüchtete Beckmann 1937 von Deutschland nach Amsterdam. Für Beckmann war es ein Abschied von Deutschland für immer. Bereits 1939 wollte er eine Lehrstelle in Chicago antreten, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte dies und er blieb in Amsterdam. Werke aus dieser schwierigen Zeit zeigen seine damalige isolierte und ausweglose Situation.

Erst 1947, nach dem Ende des Krieges, gelang Beckmann mit Hilfe des Kunsthändlers Curt Valentin die Auswanderung nach Amerika. Valentin stellte Beckmanns Gemälde aus den letzten Jahre und das druckgrafische Mappenwerk »Day and Dream« aus und bereitete damit das amerikanischen Publikum auf Beckmanns Bildwelten vor. Nach zehn langen Jahren im Amsterdamer Exil, die zwar äußerst produktiv waren aber den Künstler auch ein Stück weit verbitterten und an sich zweifeln ließen, wagte der inzwischen 63-jährige Beckmann einen Neuanfang in Amerika. Für Max Beckmann ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Er überquerte den Atlantik und reiste zum ersten Mal in seinem Leben nach Amerika. So kann die Freiheit des offenen Meeres in der mittleren Tafel des Tryptichons »Abfahrt/ Departure« durchaus sinnbildlich für den Aufbruch stehen, den Beckmann in seiner Arbeit und seinem Leben mehrmals wagte.

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In Amerika wurde Beckmann bereits erwartet und mit offenen Armen empfangen. So wie er es genoß, im Mittelpunkt vieler Ausstellungen und Empfänge zu sein, so sehr sehnte er sich von Zeit zu Zeit nach Alleinsein und Ruhe. Beckmann war ein Einzelgänger und fühlte sich zeitlebens keiner Künstlergruppe oder –strömung zugehörig. Zwar registriert Beckmann in Amerika die kunsthistorisch bedeutenden Impulse, die von Künstlern wie Jackson Pollock, Willem de Kooning oder Mark Rothko ausgingen und in der Geburt des Abstrakten Expressionismus mündeten. Sicherlich hat er sich hinsichtlich des Farbauftrages und der Komposition von dieser neuen Strömung beeinflussen lassen. Doch behauptete sich Beckmann in seinem neuen Umfeld als europäischer Künstler und blieb in seinen Bilder der figurativen Malerei bis zum Ende treu.

In Amerika blieben dem Künstler nur noch drei Jahre Lebenszeit, in denen er ein umfrangreiches und kraftvolles Werk schaffen konnte. Die in dieser Zeit entstandenen Arbeiten, etwa 90 Gemälde, sind weitaus umfangreicher, als es diese Ausstellung »Beckmann & Amerika« in Frankfurt zeigen kann.