Buchrezensionen

Beer, Manuela: Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2005.

Manuela Beer, Kustodin am Museum Schnütgen in Köln, das wegen seiner imponierenden Sammlung mittelalterlicher Sakralkunst höchstes Renommee genießt, legt mit diesen 850 Seiten, die auf feinem, großformatigem Kunstdruckpapier immerhin 3 kg Buch ergeben, ein auch in dieser Hinsicht nicht leicht zu handhabendes Werk vor.

Es besteht aus zwei Teilen: Textteil und Katalogteil, und sucht nicht nur seinen Platz im Bücherschrank des betuchten Liebhabers wie im Budget der – in aller Regel weniger betuchten – Bibliotheken, sondern schließt auch eine Forschungslücke, die kein geringerer als Reiner Haussherr festgestellt hatte, als er im Stuttgarter Stauferkatalog (Bd. 5, 131) 1977 schrieb: „Die Geschichte des ‚Gerätes‘ Triumphkreuz und seiner Ikonographie ist nicht ausreichend erforscht.“ Nunmehr hat, so will es scheinen, dieser Mangelzustand sein Ende gefunden. Denn die Materialfülle, die dem sich überwältigt verneigenden Leser von der Autorin dargebracht wird, hat ohne jede Frage das Prädikat „erschöpfend“ verdient.

Die Arbeit war 2003 bei der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn als Dissertation eingereicht worden und wird nun von Schnell & Steiner ausweislich des Vorworts der Autorin (S. 9) „nur geringfügig überarbeitet“ verlegt. Und genau hierin liegt die, sit venia verbo, Crux des ganzen Unternehmens: Nicht all die Dinge, die im Falle einer akademischen Qualifikationsschrift lobenswert, erwünscht und unerlässlich sind, sind es in gleicher Weise auch dann noch, nachdem der Text den Inner circle der Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler verlassen und damit seine Funktion gewechselt hat. Denn die von der Verlagsankündigung umworbene breitere Leserschaft („unentbehrliches Nachschlagewerk zur mittelalterlichen Skulptur in Deutschland und den europäischen Nachbarländern“) möchte ja weniger die Kompetenz der Autorin prüfen als vielmehr das Nötige, Wichtige und ggf. Neue über den Gegenstand erfahren; hier über das keineswegs leicht zu bearbeitende Feld der mittelalterlichen Triumphkreuze.

Fortsetzung von Seite 1

Bevor er sich aber an das Studium des vierhundertseitigen Textteils begibt, ist der interessierte Laie wohl zunächst einmal gut beraten, wenn er einen Blick in den Katalogteil wirft, um sich anhand der auf weit mehr als 200 Schwarzweißabbildungen – nebst bewunderungswürdig präzisen und gehaltreichen Begleittexten zu jedem einzelnen der Stücke – vorgestellten 121 Objekte einen Überblick über Erscheinungsformen und Verbreitung der Triumphkreuze (zwischen 1150 und 1300 vornehmlich auf deutschem Gebiet) zu verschaffen. Und es dürfte ebenfalls kaum schaden, sich dabei zur ersten Begriffsvergewisserung der Gegenstandsdefinition zu erinnern, die Haussherr 1972 im LCI (Bd. 4, 356) gegeben hatte und die vermutlich auch dem Gegenstandsverständnis Manuela Beers als eine Art Arbeitshypothese zugrunde gelegen haben dürfte: „Als Triumphkreuz bezeichnet man monumentale Kruzifixe oder Kreuzigungsgruppen, die zwischen Laienkirche und Chor, zum Langhaus gewandt, hoch oben über Chorschranke oder Lettner angebracht sind, entweder auf einem Querbalken (trabs) montiert oder hängend. Die Benennung Triumphkreuz ist mittelalterlich [crux triumphalis] ... . Auch wo dieser Name nicht auftaucht, ist der Gedanke des Sieges Christi bestimmend.“

Freilich gibt eine derartig komprimierte Bestimmung Grund zu einer Reihe von Fragen, deren extensive Beantwortung Manuela Beer sich vorgenommen hat. Ab welchen Maßen etwa ist ein Kreuz resp. Kruzifixus „monumental“? Beers Antwort: Nicht die absolute Größe ist ausschlaggebend, sondern die Relation zum Kircheninneren, so dass in einem sehr kleinen Kirchenraum auch ein unterlebensgroßes Bild des Gekreuzigten monumental wirken konnte.

Ferner richten sich minuziöse Analysen der Autorin auf die typische Struktur des Auflagekreuzes als Kombination aus zumeist drei- oder vierpaßförmiger crux gemmata (Gemmenkreuz) und lignum vitae bzw. arbor vitae (Astkreuz/Lebensbaum). Ebenso gründlich und kenntnisreich wird die Platzierung der Triumphkreuze im Kirchenraum (in medio ecclesiae) wie auch ihre funktionale und inhaltliche Verbindung zu anderen immobilen Gegenständen wie Lettner und Kreuzaltar (Laienaltar) diskutiert. Diese Verbindung ist es in erster Linie, die dem theologischen Gehalt der Triumphkreuze sein eigentümliches Gepräge als das eines sakralen Repräsentationsbildes mit einem höchst vielschichtigen, aber charakteristischerweise dezidiert eucharistischen (Bezug auf das Kreuzesopfer) und eschatologischen (Bezug auf das Richteramt Christi) Programm verleiht.

Fortsetzung von Seite 2

Dieses ikonographische Programm, und das ist ein weiteres Spezifikum der Gattung der Triumphkreuze, kann erweitert werden durch die einer Kreuzigungsgruppe regelmäßig beigesellten Assistenzfiguren Maria und Johannes sowie durch zusätzliche Figuren, zumeist Engel (Cherubim) wie im Halberstädter Dom. Die dortige um 1210-1215 entstandene Triumphkreuzgruppe, die nicht zufällig auch den Buchumschlag ziert und der die ausführlichsten und intensivsten Betrachtungen der Autorin gelten, ist „die früheste vollständig erhaltene Triumphkreuzgruppe mit erweitertem Bildprogramm nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa“. (S. 196) In ihr fand ein „seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert offenbar konsolidierter und weit verbreiteter Bildkanon [...] eine letzte monumentale Formulierung, die in Qualität und theologischer Komplexität ohne direkte Nachfolge bleibt“. (S. 195)

Findet sich im Halberstädter Dom, also ein außergewöhnlich hochrangiges Kunstwerk mittelalterlicher Sakralkunst, das nach den Erkenntnissen Beers den Höhe- und Endpunkt einer europäischen Entwicklung markiert, so ändert sich ab den 1230er Jahren das Bildprogramm grundsätzlich, und neue Stileinflüsse lassen vor allem die Gestalt des Gekreuzigten selbst völlig verändert erscheinen: Nun tritt der Christus patiens zunehmend an die Stelle des bis dahin dominierenden rex triumphans. Dornenkrone und „Dreinageltypus“ signalisieren das Leiden des göttlichen Menschensohnes und appellieren an das Mitleiden (compassio) des frommen Betrachters. – Um 1300 schließlich ist die hohe Zeit der klassischen Triumphkreuze beendet. Aus dem ehemaligen Kult- und Repräsentationsbild wird das Andachtskruzifix, dessen prominenteste Vertreter in der Form der großen Gabelkreuze begegnen.

Während mithin die Haupt- und Spätphasen der Entwicklung nach den beispielhaften Recherchen Manuela Beers wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns liegen, wird man das gleiche von den frühmittelalterlichen (karolingischen) Anfängen kaum sagen können. Fatal ist, dass von der Situation der Monumentalskulptur in den „dunklen Jahrhunderten“ zwar verstreute Schriftquellen zeugen, deren Zuverlässigkeit man bezweifeln darf, dass aber aus diesem obskuren Zeitraum zwischen Spätantike und Ottonik kein einziges Stück auf uns gekommen ist. Beers resigniertes Fazit zu diesem bemerkenswerten Sachverhalt: „Die Wurzeln des Typs Triumphkreuz sind eng verbunden mit den Anfängen der abendländischen Monumentalskulptur, dessen Entstehungsvoraussetzungen bisher kontrovers diskutiert werden.“ (S. 409)

Fortsetzung von Seite 3

Mit Nachdruck wendet die mutige Autorin sich auch in dieser Hinsicht gegen Spekulationen und Simplifikationen, indem sie etwa angesichts des aktuellen Disputs über die – gewiss vorschnell vorgenommene – Karolingisierung des Enghausener Triumphkruzifixus (so im Jahr 2005 im Freisinger Ausstellungskatalog „Kreuz und Kruzifix“: „um 900“) als gewissenhafte Kunsthistorikerin davor warnt, naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden (hier C-14-Untersuchung) blind zu vertrauen, wenn stilkritische Beobachtungen deren Befunden gröblich widersprechen.

Zum Abschluss ist der immensen Forschungsleistung größter Respekt zu zollen, die sich im besprochenen Band sedimentiert hat. Sehr bald wird sich in Fachkreisen herumgesprochen haben, dass ein grandioses neues Standardwerk vorliegt. Der weniger avancierte und nicht so vorinformierte Leser hat sich jedoch darauf einzustellen, Erkenntnisgewinne mit Geduld, Mühe und ein paar guten Nachschlagewerken zu erlangen. Per aspera ad astra.

 

Bibliographische Angaben

 

 

 

Manuela Beer: Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert. Mit einem Katalog der erhaltenen Denkmäler, Schnell & Steiner, Regensburg, 2005.
846 Seiten, 460 s/w-Abbildungen
Preis €118,00, ISBN-13: 978-3795417550