Ausstellungsbesprechungen

Ben Willikens – Licht und Dunkel

Der Tisch ist abgeräumt, die Menschen verschwunden. Angesichts der fiktiven Räume stellt sich die Frage: Waren sie je da? Noch mehr kommt es einem jedoch vor, als sei bei keinem Künstler der abwesende Mensch so spürbar wie bei Ben Willikens (geb. 1939 in Leipzig). Die zwei Bildgruppen, die im Kunstmuseum Stuttgart präsentiert werden, machen das deutlich:

Während in der »Abendmahl«-Serie der im Grunde sterile Raum noch die Zusammenkunft Jesu mit seinen Jüngern imaginiert, die man sich verhalten, gefasst vorstellen könnte, zeigt Willikens in der zweiten Gruppe Nazi-Bauten, denen ein fast schmerzhaftes Pathos anhaftet. Werner Spies spricht im Katalog von einem »gespenstischem Theater der Abwesenheit«. Tatsächlich sind die vorgestellten Orte gemalte Kulissen, die ihren Sinn schließlich daraus beziehen, dass sie um ihrer Bevölkerung willen gemacht sind. Die Leere wird aber auch deshalb inszeniert, um sich diesen Akt der Belebung fern zu halten: Das »Abendmahl«, bei dem Jesus Abschied von seinen Jüngern nimmt und den Vorwurf des Verrats ausspricht, hat ausschließlich metaphorischen Gehalt – dass sich das allzu bekannte Motiv in der Kunst verselbständigt hat, zeigen die säkularisierten Beispiele bei Salvador Dalì (der ein luzides kristallines Nichts daraus macht, Andy Warhol (der das einmalige Ereignis zum Multiple versachlicht) und Horst Wackerbarth (der die Szenerie für eine Jeanswerbung benutzt). Willikens rettet die Erhabenheit des Themas durch den Verzicht auf Statisten – und sichert so die würdevolle Präsenz in der Abwesenheit. In der Sache unterscheidet sich dies nicht von der zweiten Bildgruppe, die die Theatralität im negativen Sinne vorführt. Die Titel lassen keinen Zweifel an den konkreten Orten – der Raum des »Abendmahls« ist anonym – und an deren Geschichtsträchtigkeit: »Berlin, Reichskanzlei«, »Nürnberg, Zeppelinfeld« usw. Doch wenn auch diese Orte genauso kulissenhaft daher kommen wie der Abendmahl-Raum, treten andere Gespenster auf: Hier wird keine Initialszene christlicher Religiosität evoziert, hier macht sich der Schrecken der einmal ganz und gar realen – und Gott sei Dank überwundenen – Naziherrschaft breit.

In Zeiten virtueller Bildlichkeit macht die Weitsicht Ben Willikens nachdenklich. Denn in den Parallelwelten des Internet gehen derartige Räume ineinander über. Es ist nämlich völlig irrelevant, ob sich dort künstliche Figuren treffen, die sich Brot reichen und Wein trinken oder einander massakrieren. Als Spielfeld bereiten die Räume den Boden für beides. Ohne dass Ben Willikens es darauf abgesehen hat, faszinieren seine Arbeiten heute gerade wegen dieser medialen Nuancen: Anders als die »parallelen« Welten (die, krass ausgedrückt, ruckzuck aus einem Jesus einen Hitler und umgekehrt machen kann, die Denunziantenrolle passt eh schon hier wie da), legen sich die fiktiven Welten weitgehend fest bzw. spielt der Künstler mit den Möglichkeiten des totalen und des totalitären Raums. Es ist zumal entscheidend, dass Willikens keine fotographischen Arbeiten zeigt, sondern gemalte Räume, die allein durch die – meisterhafte – Behandlung von »Licht und Dunkel« entstehen, um den Titel der Stuttgarter Schau zu benennen. Hier begegnet er seinen »Kollegen« der Renaissance (und anderer Epochen), die sich dem Hell-Dunkel genauso widmeten wie der Perspektive, um Räume zu erzeugen, deren Figurenpersonal, theoretisch gesehen, formal-kompositorische Aufgaben erfüllten.

Die Lesbarkeit in Zeiten medialer Beliebigkeit macht die Ausstellung reizvoll. Sie ist aber darüber hinaus auch ein ästhetisches Vergnügen. Das wird vor allem deutlich, wenn wir die Göppinger Willikens-Schau mit berücksichtigen, die mehr ins Biographische reicht. 70 Aquarelle werden dort präsentiert, die mit einer fast intimen Räumlichkeit überraschen. Wer die großen menschenleeren Bilder des Malers schon vor 20, 30 Jahren kennengelernt hat, erinnert sich heute daran, dass er mit persönlicher Erinnerungsarbeit begann: Die Krankenhausatmosphäre leerer Flure und schnöder Bahren musste der junge Willikens am eigenen Leib erfahren, worauf er seine monochrome Farbigkeit bzw. Nichtfarbigkeit entwickelte. Die Aquarelle, die erst in den letzten Jahren entstanden, sind davon weit entfernt, doch geben die Serien (»Atelier-Interieurs«, »Exterieurs«, »Kornspeicher«, »Beoglu«) den Blick frei auf einen warmherzigen Realisten, der an der Kälte sei es der metaphysischen Idealräume oder der pseudoklassischen Machtarchitekturen leidet. Was das »Abendmahl«-Zitat nach Leonardo angeht, kann man angesichts beider Ausstellungen, die Willikens\' Vielfalt in der minimalistischen Form erkennen lassen, zu der Einsicht kommen, dass dieses Bild weit weniger radikal wirkt als die oben erwähnten Kollegen-Beispiele. Vielmehr ist der Maler ein genauer Beobachter, der sich seiner selbst vergewissert in der Kopie der eigenen Arbeiten, welche die Distanz zum zitierten Vorbild in der Potenz vergrößern. In der jahrelangen Auseinandersetzung mit Leonardo hat Willikens die Intensität seines bestechend klaren Raumempfindens emanzipatorisch gefestigt. Mit seinem Gesamtwerk hat sich der Künstler in der Gegenwart neu positioniert.
 

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