Ausstellungsbesprechungen

Benin in Berlin

Zur Zeit sind in Berlin gleich zwei Ausstellungen zu sehen, die die hochentwickelte und alte Kultur des Königreichs Benin vorstellen. Das Ethnologische Museum Berlin-Dahlem zeigt mit über 300 Objekten die bislang umfassendste Sammlung. Die andere, in der Galerie Peter Herrmann, präsentiert mit über 60 Bronzen die bislang größte Schau außerhalb eines Museums. Neben lebensgroßen Köpfen, Platten mit Kriegs- und Palastszenen sowie figürlichen Darstellungen aus Bronze bzw. Messing in beiden Ausstellungen, sind im Ethnologischen Museum zusätzlich Korallenhemden und -kappen, Terrakottaköpfe, eine bronzene Kanone sowie geschnitzte Löffel aus Elfenbein zu sehen.

Dass diese bedeutende und großartige Kultur, die manchmal als afrikanische Antike bezeichnet wird, endlich würdige Plattformen bekommt, ist ebenso löblich wie die ausgiebige Forschungsarbeit, die uns in Form eines Ausstellungskataloges vorliegt (Vgl. Rezension). Sechs Jahre Arbeit stecken in der Dahlemer Ausstellung »600 Jahre höfische Kunst aus Nigeria«. Die Ausstellung profitiert von vielen Förderern und von 23 internationalen Leihgebern, darunter bekannte Museen aus Amerika, Europa und Afrika. Dementsprechend aufwändig ist die Präsentation: von perfekter Beleuchtungstechnik, über großzügige Glasvitrinen und ausführliche Infotafeln zu verschiedenfarbigen Raumelementen, deren  Farben im großen Ausstellungsraum jeweils die einzelnen Jahrhunderte markieren. 

Sie startete in Wien mit dem Titel »Benin - Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria«, war danach in Paris zu sehen und eröffnete nun am 7. Februar 2008 unter neuem Namen und mit kleinen konzeptuellen Veränderungen in Berlin. Mit dem neuen Titel »Benin – 600 Jahre höfische Kunst aus Nigeria« entschieden sich die Kuratoren nach verstärkter Kritik von außen für einen sachlicheren Titel und gegen einen, der Afrika erneut mythologisiert und überholte Klischees bedient. Auf das Wort Rituale zu verzichten, ist schon allein deshalb sinnvoll, da insbesondere die Kunst aus Benin größtenteils zu repräsentativen Zwecken und weniger zu rituellen Praktiken entstanden ist. Auch Beleuchtung und Inszenierung schienen in Wien den Eindruck des Magischen betonen zu wollen. Diese dramatische Inszenierung wurde in Berlin etwas zurückgenommen und durch die leuchtenden Farben der Stellwände aufgelockert.

 

Wesentliches Ziel der Ausstellung scheint zusammen mit dem Katalog die Rekonstruktion der Geschichte Benins und die Kontextualisierung der Objekte zu sein. Die Kunst in Benin  ist sehr eng mit dem kollektiven Gedächtnis verbunden. So heißt »sich erinnern« in Benin wörtlich übersetzt »etwas in Bronze gießen«.

Wie groß der Forschungsbedarf ist und wie ungenau unsere Sprache, zeigt allein der Fakt, dass die Organisatoren in Wien und in dem Katalog von Bronze sprachen und in der jetzigen Pressemitteilung von Messing. Bei Behauptungen, wie »die Ausstellung zeigt zum ersten Mal eine repräsentative Auswahl von Meisterwerken aus Benin, die infolge der Kolonialeroberung weltweit zerstreut wurden.« wird der Eindruck erweckt, inhaltliche Ungenauigkeiten werden bewusst forciert. Etwas kritischer formuliert heißt das, sie zeigen genau die Objekte, die 1897 durch eine britische Militärexpedition als Kriegsbeute geraubt und anschließend entsprechend günstig versteigert und an die verschiedenen Museen verkauft wurden. Berlin hat nur deshalb die »weltweit größte Sammlung von Werken höfischer Kunst aus dem Königreich Benin«, weil der damalige Direktor Felix von Luschan geistesgegenwärtig zahlreich Objekte erwarb.

Trotz allem muss die in der Pressemitteilung beschriebene Tatsache, dass die Stücke »nun erstmalig im Kontext zusammengehöriger Ensembles gezeigt und nach neustem Forschungsstand interpretiert werden können« als lobens- und bemerkenswert anerkannt werden.

Eine weitere Ergänzung und Vergleichsmöglichkeit bietet die Ausstellung in der Galerie Peter Herrmann. Während die Schau in Dahlem nach historischen Kriterien geordnet ist - beginnend mit den Anfängen Benins als Handelsstadt im 15. Jahrhundert und abschließend mit Rezeption und der Rolle der Gießerkunst im 20. Jahrhundert - sind die Objekte in der Brunnenstraße 154 nach ästhetischen Kriterien präsentiert. Peter Herrmann hat neben den gezeigten 60 eine beachtliche Menge von insgesamt 85 Bronzen auf dem freien Markt zusammengetragen. Sie alle sind im Netz unter http://www.galerie-herrmann.com/arts/art3/Ife_Benin/index.htm einsehbar und mit Begleittexten und Literaturangaben kontextualisiert.


Gerade im direkten Vergleich wirft diese Ausstellung erneut interessante Fragen auf. Allein der im Kontext von Dahlem provokante Titel »1000 Jahre Benin-Bronzen« zeigt, dass hier von ganz anderen Theorien und Methoden ausgegangen wird. Wie alt sind die ältesten Objekte aus Benin also wirklich? Und woher kommen die unterschiedlichen Altersangaben? Wie die Dahlemer Kuratorin Paola Ivanov bestätigte, bestimmt das Museum das Alter seiner Objekte an Hand von Quellen und stilistischen Einschätzungen, da es nach ihrer Meinung keine vertrauenswürdige wissenschaftliche Methode zur Alterbestimmung gibt. Die Galerie Herrmann arbeitet dagegen eng mit dem Labor Raph Kotalla zusammen, das mit der Thermoluminiszenz-Methode das Alter des in den meisten Objekten noch fragmentarisch erhaltenen Tonkerns bestimmt. Warum diese bei Terrakottaobjekten so anerkannte Methode in Bezug auf die Bronzen noch derart umstritten ist, kann der Galerist nicht nachvollziehen und vertraut nach langer Prüfung und Beobachtung weiterhin darauf.

Eine andere wesentliche Frage ist die nach der Menge der Objekte, die bislang auf 4000 geschätzt wird. Kann es noch so viele Objekte jenseits des Palastraubs geben, wo doch die Briten damals sicher waren, die gesamten Palastschätze mitgenommen zu haben? Peter Herrmann und seine Ausstellung beantworten die Frage mit ja. Denn mit vielen der Bronzen ist über Jahrhunderte gehandelt worden und vor allem sind sie nicht ausschließlich für den Palast entstanden, sondern auch für vermögende Notable, deren Familien sie nun offenbar weiterverkaufen.

Benin in Berlin, Ethnologische Museum Berlin-Dahlem bis 25. Mai 2008 sowie Galerie Peter Herrmann bis 22. März 2008



Von Dorina Hecht


 

Erschienen am 04. März 2008

Zur Zeit sind in Berlin gleich zwei Ausstellungen zu sehen, die die hochentwickelte und alte Kultur des Königreichs Benin vorstellen. Das Ethnologische Museum Berlin-Dahlem zeigt mit über 300 Objekten die bislang umfassendste Sammlung. Die andere, in der Galerie Peter Herrmann, präsentiert mit über 60 Bronzen die bislang größte Schau außerhalb eines Museums. Neben lebensgroßen Köpfen, Platten mit Kriegs- und Palastszenen sowie figürlichen Darstellungen aus Bronze bzw. Messing in beiden Ausstellungen, sind im Ethnologischen Museum zusätzlich Korallenhemden und -kappen, Terrakottaköpfe, eine bronzene Kanone sowie geschnitzte Löffel aus Elfenbein zu sehen.

 

Dass diese bedeutende und großartige Kultur, die manchmal als afrikanische Antike bezeichnet wird, endlich würdige Plattformen bekommt, ist ebenso löblich wie die ausgiebige Forschungsarbeit, die uns in Form eines Ausstellungskataloges vorliegt (Vgl. Rezension). Sechs Jahre Arbeit stecken in der Dahlemer Ausstellung »600 Jahre höfische Kunst aus Nigeria«. Die Ausstellung profitiert von vielen Förderern und von 23 internationalen Leihgebern, darunter bekannte Museen aus Amerika, Europa und Afrika. Dementsprechend aufwändig ist die Präsentation: von perfekter Beleuchtungstechnik, über großzügige Glasvitrinen und ausführliche Infotafeln zu verschiedenfarbigen Raumelementen, deren  Farben im großen Ausstellungsraum jeweils die einzelnen Jahrhunderte markieren. 

Sie startete in Wien mit dem Titel »Benin - Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria«, war danach in Paris zu sehen und eröffnete nun am 7. Februar 2008 unter neuem Namen und mit kleinen konzeptuellen Veränderungen in Berlin. Mit dem neuen Titel »Benin – 600 Jahre höfische Kunst aus Nigeria« entschieden sich die Kuratoren nach verstärkter Kritik von außen für einen sachlicheren Titel und gegen einen, der Afrika erneut mythologisiert und überholte Klischees bedient. Auf das Wort Rituale zu verzichten, ist schon allein deshalb sinnvoll, da insbesondere die Kunst aus Benin größtenteils zu repräsentativen Zwecken und weniger zu rituellen Praktiken entstanden ist. Auch Beleuchtung und Inszenierung schienen in Wien den Eindruck des Magischen betonen zu wollen. Diese dramatische Inszenierung wurde in Berlin etwas zurückgenommen und durch die leuchtenden Farben der Stellwände aufgelockert.

 

Wesentliches Ziel der Ausstellung scheint zusammen mit dem Katalog die Rekonstruktion der Geschichte Benins und die Kontextualisierung der Objekte zu sein. Die Kunst in Benin  ist sehr eng mit dem kollektiven Gedächtnis verbunden. So heißt »sich erinnern« in Benin wörtlich übersetzt »etwas in Bronze gießen«.

Wie groß der Forschungsbedarf ist und wie ungenau unsere Sprache, zeigt allein der Fakt, dass die Organisatoren in Wien und in dem Katalog von Bronze sprachen und in der jetzigen Pressemitteilung von Messing. Bei Behauptungen, wie »die Ausstellung zeigt zum ersten Mal eine repräsentative Auswahl von Meisterwerken aus Benin, die infolge der Kolonialeroberung weltweit zerstreut wurden.« wird der Eindruck erweckt, inhaltliche Ungenauigkeiten werden bewusst forciert. Etwas kritischer formuliert heißt das, sie zeigen genau die Objekte, die 1897 durch eine britische Militärexpedition als Kriegsbeute geraubt und anschließend entsprechend günstig versteigert und an die verschiedenen Museen verkauft wurden. Berlin hat nur deshalb die »weltweit größte Sammlung von Werken höfischer Kunst aus dem Königreich Benin«, weil der damalige Direktor Felix von Luschan geistesgegenwärtig zahlreich Objekte erwarb.

Trotz allem muss die in der Pressemitteilung beschriebene Tatsache, dass die Stücke »nun erstmalig im Kontext zusammengehöriger Ensembles gezeigt und nach neustem Forschungsstand interpretiert werden können« als lobens- und bemerkenswert anerkannt werden.

Eine weitere Ergänzung und Vergleichsmöglichkeit bietet die Ausstellung in der Galerie Peter Herrmann. Während die Schau in Dahlem nach historischen Kriterien geordnet ist - beginnend mit den Anfängen Benins als Handelsstadt im 15. Jahrhundert und abschließend mit Rezeption und der Rolle der Gießerkunst im 20. Jahrhundert - sind die Objekte in der Brunnenstraße 154 nach ästhetischen Kriterien präsentiert. Peter Herrmann hat neben den gezeigten 60 eine beachtliche Menge von insgesamt 85 Bronzen auf dem freien Markt zusammengetragen. Sie alle sind im Netz unter http://www.galerie-herrmann.com/arts/art3/Ife_Benin/index.htm einsehbar und mit Begleittexten und Literaturangaben kontextualisiert.


Gerade im direkten Vergleich wirft diese Ausstellung erneut interessante Fragen auf. Allein der im Kontext von Dahlem provokante Titel »1000 Jahre Benin-Bronzen« zeigt, dass hier von ganz anderen Theorien und Methoden ausgegangen wird. Wie alt sind die ältesten Objekte aus Benin also wirklich? Und woher kommen die unterschiedlichen Altersangaben? Wie die Dahlemer Kuratorin Paola Ivanov bestätigte, bestimmt das Museum das Alter seiner Objekte an Hand von Quellen und stilistischen Einschätzungen, da es nach ihrer Meinung keine vertrauenswürdige wissenschaftliche Methode zur Alterbestimmung gibt. Die Galerie Herrmann arbeitet dagegen eng mit dem Labor Raph Kotalla zusammen, das mit der Thermoluminiszenz-Methode das Alter des in den meisten Objekten noch fragmentarisch erhaltenen Tonkerns bestimmt. Warum diese bei Terrakottaobjekten so anerkannte Methode in Bezug auf die Bronzen noch derart umstritten ist, kann der Galerist nicht nachvollziehen und vertraut nach langer Prüfung und Beobachtung weiterhin darauf.

Eine andere wesentliche Frage ist die nach der Menge der Objekte, die bislang auf 4000 geschätzt wird. Kann es noch so viele Objekte jenseits des Palastraubs geben, wo doch die Briten damals sicher waren, die gesamten Palastschätze mitgenommen zu haben? Peter Herrmann und seine Ausstellung beantworten die Frage mit ja. Denn mit vielen der Bronzen ist über Jahrhunderte gehandelt worden und vor allem sind sie nicht ausschließlich für den Palast entstanden, sondern auch für vermögende Notable, deren Familien sie nun offenbar weiterverkaufen.

Weitere Informationen

Ethnologisches Museum Berlin-Dahlem
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 10 - 18 Uhr
Samstag und Sonntag 11 - 18 Uhr

Galerie  Peter Herrmann
Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 14.00 - 19.00
Samstag 11.00 - 16.00

 

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