Buchrezensionen

Berg, Michael / Holtsträter, Knut / Massow, Albrecht von (Hrsg.): Die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst: Ästhetisches und politisches Handeln in der DDR, Böhlau Verlag, Köln 2007.

„Zeitgenossenschaft - Künste und Kunstwissenschaften in der DDR“ - so lautete eine interdisziplinär orientierte Vortragsreihe, die sich im Wintersemester 2003/04 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena das Ziel setzte, „Fragen nach der Vergleichbarkeit oder Unterschiedlichkeit der kulturellen oder kulturpolitischen Entwicklung der Künste und Kunstwissenschaften in der DDR interdisziplinär aufzuwerfen und die ideologischen und ästhetischen Kontrollinstanzen innerhalb des SED-Regimes kritisch zu reflektieren.“

Als zweiter Band der Reihe „Klang-Zeiten“ fasst der 2007 bei Böhlau erschienene Band mit dem passenden Titel „Die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst: Ästhetisches und politisches Handeln in der DDR“, nun die Vorträge der einzelnen Referenten der Fachrichtungen Geschichte, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Film- und Musikwissenschaft mit dem Ziel zusammen, ein differenziertes Bild der Künste, der Kunstideologie und der Kunstpolitik der DDR zu entwickeln.

Gleichsam als Einführung skizziert der Beitrag von Christoph H. Werth die deutsch-deutschen Beziehungen zwischen 1969 und 1989 und umreißt so den politischen Rahmen, in dem sich auch die Kunstentwicklung abspielte. Es schließen sich drei Aufsätze zur Literaturwissenschaft an, die sich der Heinerezeption in der Literatur und Literaturwissenschaft der DDR (Gerhard R. Kaiser), der alternativen Wortkunst der 1980er Jahre (Gisela Horn) sowie Heiner Müllers Antikenstücken (Wolfgang Emmerich) widmen.

Den ersten Beitrag zur Kunstgeschichte leistet Edwin Kratschmers Aufsatz mit dem Titel „Kunst im Clinch oder Kunst zwischen Apologetik und Selbstbehauptung – Ein Abriss mit 14 Exkursen“. Vom so genannten „deutsch-deutschen Bilderstreit“ ausgehend, der heftige und teils stark emotional gefärbte Diskussionen um die Kunst (in) der DDR und ihren Wert mit sich brachte, versucht der Aufsatz zunächst eine Gliederung der Kunstentwicklung und skizziert im Folgenden – im Grunde analog zu Lothar Lang (Malerei und Graphik in Ostdeutschland. Leipzig: Faber & Faber 2002) und Karin Thomas (Zweimal deutsche Kunst nach 1945. 40 Jahre Nähe und Ferne. Köln: DuMont 1985) - die wesentlichsten Phasen der Kunstentwicklung. Die zeitlineare Darstellung wird dabei von Kratschmers knappen Exkursen unterbrochen, die sich teils einzelnen Künstlern, teils bestimmten Einzelproblemen widmen. Insgesamt bietet der Aufsatz einen kurzen Überblick zur Entwicklung DDR-Kunst, wobei den Leser bisweilen das Gefühl beschleicht, hier schwingt latent noch der alte Verteidigungsgestus aus den Zeiten des Bilderstreits mit.

Fortsetzung von Seite 1

Im Anschluss analysiert der kurze Beitrag von Achim Preiß „Über die Kunst der DDR“ das Problem der Modernität der DDR-Kunst im kunsttheoretischen Sinne vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Bedingungen und hinterfragt zugleich die Ursachen der trotz aller Restriktionen nach wie vor populären DDR-Kunst.

Den letzten Beitrag zur Kunst liefert Paul Kaiser, der sich den „Malerfürsten“ im „Kunstkombinat“ sowie dem Zusammenhang zwischen Kunstsystem und Künstlerrolle in der bildenden Kunst der DDR widmet. Der interessante Aufsatz, der auf weiteren einschlägigen Forschungen Kaisers basiert, thematisiert zunächst das Problem der Künste als Sonderraum in einer Konsensdiktatur, um nach dieser Skizzierung institutioneller Rahmungsprozesse die Strukturprinzipien des so genannten „Kunstkombinats“ (so bez. von Eckhard Gillen) zu erörtern. In einem weiteren Abschnitt widmet sich Kaiser kritisch der Malern der „Viererbande“, also Tübke, Mattheuer, Heisig und Sitte, die als „Malerfürsten“ eine gleichsam historische Künstlerrolle innehatten, um abschließend, fokussiert auf konkrete Künstlerpersonen, noch einmal auf das Problem der Ab- und Aufwertung ostdeutscher Kunsterscheinungen im Zuge der deutsch-deutschen Bilderstreitdebatte einzugehen.

Den Beiträgen zur Kunstgeschichte folgen noch zwei Arbeiten zur Filmgeschichte, welche sich mit dem Film zwischen Kunst und Propaganda (Konrad Weiß) sowie dem Pathos im frühen DEFA-Film (Viktoria Piel) beschäftigen. Den Abschluss des Bandes bilden drei Aufsätze zur Musikwissenschaft, welche sich den Problemen einer humanistischen Legitimation von Kunst (Albrecht von Massow), der Restriktiven Ästhetik als kreative Chance (Michael Berg) sowie der musikästhetischen Argumentation in der DDR (Michael Holtsträter) widmen.

Doch zurück zur Kunstgeschichte: Seit der letzten großen Ausstellung zur DDR-Kunst im Jahr 2003 in Berlin scheint endlich Ruhe eingekehrt in die schier ebenso endlose wie emotionale Bilderstreitdebatte, so dass nun auch von Seiten der Wissenschaft ein sachlicherer Blick auf die Kunstentwicklung der DDR möglich ist. Einen Schritt in diese Richtung geht dieses Buch, wohl eines von nur wenigen, die im Vorfeld des so wichtigen Jubiläums 20 Jahre Mauerfall erscheinen.