Buchrezensionen

Berg, Roland: Die Ikone des realen. Zur Bestimmung der Photographie im Werk von Talbot, Benjamin und Barthes, Wilhelm Fink Verlag, 2001 München.

Im Wilhelm Fink Verlag veröffentlichte Ronald Berg seine bei Prof. Dietmar Kamper (Berlin) entstandene Dissertation "Die Ikone des Realen. Zur Bestimmung der Photographie im Werk von Talbot, Benjamin und Barthes".

Im wesentlichen handelt es sich um die weitgehend kommentarfreie Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Positionen der drei Referenz-Koryphäen, von denen Talbot selbst ein aktiver Pionier der (künstlerischen) Photographie war. Berg motiviert seine Forschungsarbeit mit dem augenscheinlichen Schwinden der "alten" Photographie im Angesicht einer digitalen Bilderflut; jenes Schwinden beschere der Photographie nach 150jähriger Mediengeschichte den Status einer im wörtlichen Sinne "vorübergehenden" Erscheinung und lasse den Augenblick gekommen sein, im Rückblick eine Theorie dieser Kulturtechnik zu entwickeln, die sich als das Medium der Moderne schlechthin bewährt habe. Das Problem einer solchen Theorie besteht nach Berg in der Interdisziplinarität des Forschungsgegenstands Photographie, der u.a. technische, ästhetische, politische und psychologische Aspekte so vereine, dass noch am ehesten Abhilfe seitens der allgemeinen Kulturwissenschaft zu erhoffen sei.

Die Auswahl der benannten Autoritäten Talbot, Benjamin und Barthes begründet Roland Berg damit, dass drei Zeitalter, drei Kulturen, drei verschiedene Ansätze und Intentionen augenscheinlich würden. William Henry Fox Talbot demonstrierte in seinen theoretischen Schriften zur Photographie v.a. die Vorzüge des seinerzeit noch jungen Bildmediums gegenüber der älteren, zeitaufwendigen Malerei. Die Natur selbst bilde sich in der neuartigen Lichtschrift gleichsam selbst ab (Photographie als Pencil of Nature), was die unüberbietbare "Wahrheitstreue" der Photographie ausmachte. Einerseits trat das Medium somit in Konkurrenz zu den Künstlern; allerdings begriff Talbot selbst seine Arbeit durchaus nicht als künstlerisch, sondern bestimmte sie vielmehr "wissenschaftlich"; die Klärung, ob Photographie überhaupt als Kunst anzuerkennen sei, sollte einer der umstrittensten Diskussionspunkte im 19. Jahrhundert bleiben. Als Gegenargument wurde u.a. die Tatsache ins Feld geführt, dass der Photographie keine künstlerische Handschrift abgelesen werden könne, denn die "Hand des Künstlers" galt als unbeteiligt am Herstellungsprozeß einer Photographie.

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Walter Benjamin reflektierte die medienspezifischen Eigenschaften der Photographie. In seiner "kleinen Geschichte der Photographie" machte er etwa darauf aufmerksam, dass es das Medium in seiner ersten Blütezeit um 1850 versäumt habe, aus dem Schatten der Malerei herauszutreten. Indem die künstlerischen Mittel der Malerei imitiert wurden, verleugnete das 19. Jahrhundert den technischen Charakter der Neuheit und ließ sich so die Gelegenheit entgehen, sich gerade über den technischen Fortschritt zu definieren und zu legitimieren.

Unter dem Stichwort des "Neuen Sehens" fasste er eine Veränderung der Wahrnehmung durch die neuartigen Medien, die die Wirklichkeit selbst in einem neuen Licht erscheinen lasse. In der Photographie habe eine Entwicklung ihren Anfang genommen, die Mensch und Technik zu einem Amalgam verschmelze. (Ein Seitenblick auf die aktuelle Mensch/Maschine-Debatte hätte sich hier durchaus gelohnt.
Bekannt wurde Benjamin aber vor allem durch seine Verwendung des Begriffs Aura, den Roland Berg sehr einleuchtend erörtert. Als "Anwehung einer unnahbaren Ferne" blieb die Aura in den technisch unvollkommenen frühen Photographien erhalten; nach ihrem Verschwinden aus den Bildern von größerer technischer Präzision, das Benjamin im "Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" beobachtete, wurde diese Spur durch die digitale "Simulation" ersetzt. Einigermaßen unaufgeklärt bleibt leider die problematische Ineinssetzung von Photographie und photomechanischer Reproduktion im sogenannten Kunstdruck, der ein Bildwerk massenhaft verbreitet (dabei handelt es sich aber nicht im eigentlichen Sinne um Photographie!).

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Roland Barthes schließlich beschäftigte sich mit der semantischen Komponente von Photographien und ihren psychologischen Wirkungen auf die Rezipienten. Er liest in Photographien einen "dritten Sinn" in Gestalt einer "subjektiven Betroffenheit", die er als "poetische Erfassung" umschreibt. Selbst in Reklameaufnahmen lasse sich eine "Rhetorik des Bildes" ausmachen, eine Verschachtelung von verschiedenen Codes und Ebenen von Botschaften, die bis ins Mythische reichen können.

Roland Berg trägt sein Material besonnen und kenntnisreich zusammen. Für den Leser entsteht eine Art "Reader" zur Theoriegeschichte der Photographie, denn die ausgewählten Autoren haben zweifellos Stellvertreterqualitäten, um die Entwicklung der Mediendiskussion exemplarisch zu beleuchten. Etwas mehr Mut, die referierten Texte (gerne auch kritisch) in einen kultur- und/oder mentalitätsgeschichtlichen oder auch wissenschaftshistorischen Kontext zu stellen, hätte die Lektüre zweifellos spannender machen können. Als Einstieg in die Thematik dürfte sich aber Berg einen Platz in den Arbeitsapparaten von Photohistorikern und interessierten Amateuren dauerhaft erobert haben, auch wenn das gut gestraffte Resümee recht lapidar den "roten Faden" der Textanalyse im Verhältnis der Photographie "zum Realen" bestimmt.

Düpiert wird der Leser durch das überaus nachlässige Lektorat, das den Verdacht aufkommen lässt, er und der Autor seien dem Verlag die Mühe sorgfältigerer Korrekturen nicht wert gewesen.

Bibliographische Angaben

Berg, Roland: Die Ikone des realen. Zur Bestimmung der Photographie im Werk von Talbot, Benjamin und Barthes, Wilhelm Fink Verlag, 2001 München.
353 Seiten, ISBN: 978-3-7705-3553-8.

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