Buchrezensionen

Bergvelt, Ellinoor,u.a.: Kabinetten, galerijen en musea. Het verzamelen en presenteren van naturalia en kunst van 1500 tot heden. Red.: Ellinoor Bergvelt, Debora J. Meijers, Mieke Rijnders. Waanders Uitgeverij Zwolle, 2005.

Die Auseinandersetzung der Kunstgeschichte mit sich selbst kann den Gedanken in mehrere Richtungen führen. Zwei Hauptwege aber sind dabei vorgegeben: Entweder man widmet sich der Theorie des Faches, also seinen wissenschaftshistorischen Rahmenbedingungen.

Oder man kümmert sich um ihr Einwirken auf die Praxis. Wählt man den letztgenannten Blickwinkel, so bekommt ein Bereich ganz selbstverständlich Relevanz, die Geschichte des Museums. Genauer: die Geschichte des Sammelns. Und noch genauer (und hier kommt die wissenschaftliche Disziplin ins Spiel): des Kategorisierens und Präsentierens.

Vor wenigen Jahren hat – eine unter vielen beispielhaften Studien – der Amerikaner James J. Sheehan seine allgemeinverständliche „Geschichte der deutschen Kunstmuseen“ (München 2002) vorgelegt. Jetzt bringt der renommierte niederländische Verlag Waanders eine Textsammlung in großem Format heraus, die sich nicht erst mit dem Museum im modernen Sinne seit dem 18. Jahrhundert befasst. Der Band führt bis in den Manierismus zurück, jene Zeit, in der an vielen europäischen Fürstenhöfen so genannte Kunst- und Wunderkammern eingerichtet worden waren: Institutionen, die als früheste direkte Vorläufer der Museen verstanden werden können – jedoch noch ohne die später durch die positiven Wissenschaften vollzogene Trennung der naturwissenschaftlich-technischen, geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen. Die Wunderkammern umfassten ein zumeist unbegrenztes Sammelsurium von Gegenständen aller Art, Form, Herkunft, Zahl und Bedeutung. Expansiv waren sie angelegt, ebenso wie der Wissensdurst der Mäzene und Forscher. Es ging darum, den damals bekannten Kosmos und seine Gesetze zu bannen, Stellvertreterobjekte für die gesamte Welt in einem Raum zu vereinen und sich selbst als Souverän in diesen Kosmos einzureihen. Diese herrschaftslegitimierende Instrumentalisierung – die sich nicht nur bis ins 19. Jahrhundert verfolgen lässt, sondern auch da mitschwingt, wo um das apologetische Potential der „Sammlung Flick“ gerätselt wird – ist daher auch der Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes.

Das Werk versteht sich explizit als Einführung, denn es ist die Stoffsammlung der so genannten „Openbare Universiteit“, eines jedermann offenen Lern- und Fortbildungsprogramms, das man hierzulande etwa unter dem Begriff „Volkshochschule“ kennt. Die Texte sind daher logisch aufgebaut, einfach strukturiert, sie argumentieren klar und nehmen aufeinander Bezug – ein bisschen wie die Begleitliteratur zu Telegkollegsendungen. Ein Nachteil springt jedoch dem ausländischen Leser sofort ins Auge: die Texte sind durchweg niederländisch! Dies ist insofern ein (behebbares) Ärgernis, als dass dadurch die Leserschaft zwangsläufig auf einen relativ kleinen Interessentenkreis beschränkt bleibt und ein Grundlagenwerk nicht die durchaus angemessene Verbreitung über die Sprachgrenzen hinaus finden kann. Dabei sind die Themen und Beispiele des Bandes durchaus breit gefächert und international angelegt, denn die Perspektive umfasst geographisch gesehen ganz Europa seit 1500.

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Durch die enzyklopädische Ausrichtung manieristischer Wunderkammern und ihren ganzheitlichen Ansatz, bot sich eine thematische Aufweitung an. Nicht allein die Entwicklung jener Sammlungen, die sich auf Kunst spezialisiert haben, werden nachgezeichnet, sondern auch naturhistorische, völkerkundliche und Kunstgewerbemuseen.

Dennoch steht am Ende, Triumph der klassischen Kunstgeschichte, das Kunstmuseum zentral: seine Abhängigkeit von fürstlicher Gnade, akademischer Tradition, von den labyrinthischen Verästelungen der Wissenschaft, deren Theorien immer auch die Präsentationen und Konzeptionen in der Praxis beeinflussten. So wird am Beispiel des Alten und Neuen Museums in Berlin deutlich, wie unterschiedliche Auffassungen des Historismus auf permanente Kunstausstellungen projiziert wurden. Der Nationalisierung – also der Vereinnahmung ehemals fürstlicher Privilegien durch das Bürgertum – wird am niederländischen Beispiel gezeigt. Schließlich verhandeln zwei weitere Beiträge, wie sich das Museum am Beginn der Moderne im Zuge der Reformbewegungen wandelte und sich nach 1945, jetzt maßgeblich beeinflusst durch Amerika, immer neuen Formen der Kunstproduktion anpassen musste; auch, dass Künstler dezidiert Museumskunst produzieren, die allein für den Kontext des kulturell sanktionierten Schauhauses geschaffen wird, ist ein Phänomen, das die Autoren in diesem Zusammenhang streifen.

Wenngleich, dem avisierten Leserkreis geschuldet, bisweilen die niederländische Perspektive deutlich vorherrscht, wünscht man dem Band die Übersetzung in eine weitere Sprache: Zur englischen Tradition der Einführungsliteratur (allen voran sei die Serie „World of Art“ aus dem Hause Thames und Hudson genannt) würde das Werk bestens passen; in Deutschland wäre es hervorragendes Beispiel, wie Wissenschaft mit einem populären Ansatz verbunden werden kann. Mit dem Literaturverzeichnis bietet der Band zudem umfassende Referenz an die Forschung, die sich bisher mit der Kunstgeschichte auseinandergesetzt hat. Dass diese Beschäftigung mit dem vorliegenden Buch weitere Anregung erhält, davon darf man ausgehen. Denn hinter dem historischen Interesse scheint bei sämtlichen Autoren auch immer die Neugierde zu stehen, was Museen als „kulturelle Gedächtnisse“ heute noch leisten können und sollen – die Frage der Forschung wird damit auch immer neu für die Gegenwart akut.

Bibliographische Angaben

Kabinetten, galerijen en musea. Het verzamelen en presenteren van naturalia en kunst van 1500 tot heden.
Red.: Ellinoor Bergvelt, Debora J. Meijers, Mieke Rijnders. Waanders Uitgeverij Zwolle, 2005. 478 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, €  39,95.

 

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