Buchrezensionen

Bering, Cornelia: Konzeptionen der Kunstdidaktik. Dokumente eines komplexen Gefüges.

Das Erfassen neuer Bilderwelten durch die elektronischen Medien stellt neue Anforderungen an die Kunstdidaktik, da nicht nur Alltagserfahrung sondern infolgedessen auch das Wirklichkeitsverständnis stark beeinflusst wird.

Die Sammlung von Dokumenten zur Kunstdidaktik, herausgegeben von Cornelia und Kunibert Bering, stellt dazu Lösungsansätze vor. Der Frage, wie Kunstpädagogen dieser veränderten Wahrnehmung begegnen können, nähern sie sich anhand von ausgewählten Texten, die Kunsttheorien von der wilhelminischen Zeit bis heute beispielhaft wiedergeben. Dabei richten sie sich gezielt an Studierende und Referendare.

Der Einstieg mit Beiträgen von Conrad Fiedler, Konrad Lange, Alfred Lichtwark, August Julius Langbehn und Johannes Richter blickt zurück auf die Kunstwissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Neben eher allgemein-theoretischen Konzepten, wurde schon vor gut hundert Jahren direkt der Unterricht kritisiert. Bei der Auseinandersetzung mit der Lehrbarkeit von Kunst, lehnten beispielsweise Lange und Lichtwark antizipative und kunsttheoretische Unterweisungen in der Schule ab.

Bei der weiteren Zeitreise werden Gedanken von Wilhelm Bode und dem Reichskunstwart Edwin Redslob zu den Aufgaben der Kunsterziehung vorgestellt. Doch die Weimarer Republik barg mit Konzeptionen der Bauhaus-Mitarbeiter auch völlig neue Ansätze. So entwarf Walter Gropius 1919 das Programm des Bauhauses in Weimar. „Architekten, Bildhauer, Maler, wir müssen alle zum Handwerk zurück!“, lautete seine Maxime. Weitere Aufsätze von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Johannes Itten deuten die vielschichtigen theoretischen Tendenzen der Bauhausmeister an.

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Unter dem NS-Regime stand auch in der Kunst das so genannte „Arische“ im Vordergrund. Traditionsbewusst wurden nationale Neigungen früherer Autoren den Ideologien des Nationalsozialistischen gebeugt und Mutterboden, Ordnung und Leitbild hervorgehoben. Zur Funktion der Kunst äußerte sich neben Erich Parnitzke und Bernhard Rust auch Adolf Hitler.

1937 hielt Erwin Panofsky seine bahnbrechende Vorlesung zu „Ikonographie und Ikonologie“, die zwei Jahre später in Buchform in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde. Seine Differenzierung von Bildgegenstand und Form gehört bis heute zum kunsttheoretischen Unterricht. Dieser Ansatz wurde jedoch in der Fachwelt nicht nur unkritisch reflektiert. Gut vierzig Jahre später entwickelten etwa Oskar Bätschmann und Max Imdahl weiter gehende Thesen.

Aber auch die Ideen des „Recklinghauser Kreises“ fanden seit den 1960er Jahren ein großes Echo. Diese Impulse wurden von den Vertretern der Visuellen Kommunikation, wie der Frankfurter Adhoc-Gruppe, aufgegriffen, die nicht nur Fotografie und Fernsehen, sondern auch Werbung und Comics mit in ihre Überlegungen einbezogen. Weitere  Berichte behandeln etwa Semiotik und Kybernetik, Determinanten kunstpädagogischen Handelns, Positionen der Postmoderne, Kunst und neue Medien und führen die Diskussion in das Jahr 2000.

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Was die zweite überarbeitete – und erfreulicherweise wesentlich erweiterte – Auflage des vorliegenden Sammelbandes interessant macht, sind aktuelle Forschungen zur Kunstdidaktik. So äußert sich der Documenta11-Macher Okwui Enwezor zur postkolonialen Nachwirkung der Globalisierung auf die Kunst. An die aktuelle Debatte über den Stellenwert von Computern im Kunstunterricht knüpft der Text von Johannes Kirschenmann an und Jens Thiele entdeckt das Einzelbild in unserer von Fernsehen bis Multimedia durchwirkten Welt. Auch der Herausgeber Kunibert Bering mischt sich in die gegenwärtige Diskussion ein und Hans Dieter Huber fragt zu Beginn des 21. Jahrhunderts „Wie verstehen wir, was wir sehen?“

Die vorwiegend chronologisch präsentierten Beiträge beleuchten immer wieder direkt die Kunstdidaktik von Schule und Museum. Zur zeitgeschichtlichen Einordnung des Geschriebenen sind zweckmäßig Kurz-Viten der Autoren angefügt. Ebenfalls hilfreich sind die – oft allerdings sehr knappen – Einführungen zu den jeweiligen Theorien. Verständlich ist, dass sich die ausgewählten Textpassagen in Form eines Taschenbuches nur in gekürzte Fassung publizieren lassen. Doch dieser Aspekt mahnt gleichzeitig zur Vorsicht, da die Fragmente aus ihrem Sinnzusammenhang gerissen wurden. So wurde etwa Panofskys „Ikonographie und Ikonologie“ von 14 auf drei Seiten reduziert. Positiv sollte vermerkt werden, dass stets versucht wurde, Grundlegendes wiederzugeben.

Die Sammlung ist trotz dieser Kritik als „Appetithäppchen“ sinnvoll. Sie ist aber keineswegs Ersatz für die Lektüre der Originalliteratur, die schon allein aufgrund der fehlenden Anmerkungen hinzugezogen werden sollte. Nach den Vorlagen muss zum Glück nicht lange gesucht werden, da die Herausgeber die entsprechenden Literaturangaben immer vollständig wiedergegeben haben.

Bibliographische Angaben

Bering, Cornelia: Konzeptionen der Kunstdidaktik. Dokumente eines komplexen Gefüges.
ATHENA Verlag 2003, 2. Aufl., 208 Seiten
ISBN-13: 978-3898961660

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