Ausstellungsbesprechungen

Berlin – St. Petersburg 1800–1860. Macht und Freundschaft

»Edler als jeder preisgekrönte Hengst«. Die zwei »Rossebändiger« vom russischen Pferdebildners Pjotr Clot von Jürgensburg sind bereits am 26. Februar 2008 in den Gropiusbau eingeritten. Unsanft aus ihrem 50-jährigen Dornröschenschlaf im Schöneberger Kleist-Park gerissen, wurden die Hengste von der Berliner Schwerlastenfirma Stoppel & Barros zum Ausstellungsort gefahren.

Acht Firmenmänner führten diesmal die Pferde. Vom Kran vorsichtig vor der Museumstür herabgelassen, sind sie in Millimeterarbeit durch den schmalen Glaseingang hindurch balanciert, fröhlich in das Treppenhaus eingeritten und haben sich auf Podesten im Lichthof positioniert: Hauptattraktion der Ausstellung.

 

Die späte Rückkehr der Vergessenen verrät das gewandelte Interesse an der Geschichte einer Freundschaft. In der DDR haben wir nie zur Kenntnis nehmen wollen, was auf der Königsebene spielt. Nur Historiker aus der Akademie der Wissenschaften gingen mit dieser Geschichte um. Erinnerten aber Kunsthistoriker in Museen an Kunstwerke von deutschen Künstlern für den Zarenhof, so blieb die Sache intern. Ausstellungen dazu kamen nicht zustande. Eins nach dem anderen stellt sich heraus, dass auch die 68er und ihre Nachfolger im Westen die schönen Pferde wie vieles andere vergessen haben. Niemand wusste, woher sie stammen.

 

Deutsch-Sowjetische Freundschaft, organisiert in der Gesellschaft für DSF, war in der DDR ein Dauerbrenner, aber langweilig bis dorthinaus. In ihrem Mittelpunkt standen Politik, Verteidigung und Wirtschaft, auch Kultur, überwiegend propagandistisch. Wie sich jetzt aber herausstellt, war deutsch-russischer Kulturaustausch im 19. Jahrhundert lebendig fundiert.

 

Nun breitet die Ausstellung »Macht und Freundschaft« Beziehungen zwischen dem Zarenreich und Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleich auf zwei Bühnen aus. Die eine lässt europäische Politik aufleben, die andere dynastische Verbindungen zweier Herrscherhäuser, Freundschaft und Kunstprojekte. Napoleons aggressive Eroberungspolitik, sein Einmarsch in Preußen und Russland gab Anlass für Annäherungen zwischen diesen beiden Ländern. Das Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise befreundet sich mit Zar Alexander I., der 1815 die »Heilige Allianz« ins Leben ruft. Mit dem Dreierbündnis zwischen Russland, Preußen und Österreich beabsichtigen die Unterzeichner, ihre Politik nach Grundsätzen von Liebe, Gerechtigkeit und Frieden auszurichten. Auch gemeinsame Manöver (1835 in Kalisch) lassen sie zusammenwachsen.

 

Doch der vom Polen-Aufstand 1831, der 1848er Revolution und dem Krimkrieg erzeugte Druck zehrt das edle Konzept der Herrscher bald aus. Freiheitliches Denken erstickt. Folge: Restauration der alten Verhältnisse. 

 

Mittelpunkt dieser Ausstellung sind St. Petersburg und die umliegenden Sommersitze der Zarenfamilie: Peterhof, Zarskoje Selo und Puschkin. Der Knäuel aus komplizierten Verhältnissen wird auseinander gefitzt. So zeigt sich die Verquickung von Aufbegehren und Repression, mit der die russischen Künste (bildende Kunst, Literatur, Musik) in atemberaubendem Tempo an die Schwelle der Weltkunst heranprallen. – Diese Nähe von Fortschritt und Rückschritt, Tradition und Moderne haben wir im Sozialismus nie wahrhaben wollen. Falsch war schon die Scheidung des einen vom anderen. – Die Strömungen laufen miteinander auf verschlungenen Wegen. Aufregend ist daher der Ankauf des Riesenbildes von Blaise Raymond de Baux’ »Napoleon auf der Flucht aus Russland« (1834): 

 

Preußischer und Zarenhof unterhalten enge familiäre und künstlerische Kontakte. Schwer begreifbar war in der DDR die Herkunft von Zarin Alexandra Fjodorowna als Tochter des preußischen Königspaares. 1817 heiratet der russische Kronprinz Nikolai Pawlowitsch (ab 1825 Zar Nikolaus I.) Prinzessin Charlotte. Zum russisch orthodoxen Glauben konvertiert, änderte sie ihren Namen. Die Schwäger, Nikolaus der I. und Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. (ab 1840 König), haben gemeinsame Kunstinteressen. Sie fördern die Künste. Friedrich Wilhelms Skizzenbücher von seiner Rußlandreise (1817) sind ausgestellt. Endlich dringen auch die in der Plankammer der Potsdamer Schlösser- und Gärten lange zurückgehaltenen Dekorationen für die berühmten Hoffeste, das Indienfest »Lolla Rookh« (1821) und »Zauber der Weißen Rose« (1829) an das Tageslicht. Ganze Kunstbände füllen sie.

 

Die ersten preußischen Künstler Schinkel, Stüler, Tieck, Franz Krüger und Eduard Gärtner statten den Zarenhof reich aus. Gleichzeitig erhält St. Petersburg von den russischen Architekten Carlo Rossi und Wassily Stassow seine markante spätklassizistische Silhouette. In den Wohnungen der Zarenfamilie und des Adels breitet sich – wie überall in Europa – bürgerlicher Lebensstil aus.


Auch in Russland folgt der Trennung von »öffentlich« und »privat« ein Biedermeier. Russische Künstler der ersten Jahrhunderthälfte stehen uns noch immer zu fern. Bis 1860 erlebt Russland seine Renaissance, sein Siglo d’Oro. In dieser Zeit leistet es seinen Beitrag zur europäischen Kunst. Nach dem Vorreiter Wassili Shukowski (1783-1852) geht der Stern von Alexander Puschkins auf, dem Schöpfer der russischen Nationalliteratur. Michail Glinka steuert Russland die Nationaloper bei mit »Ein Leben für den Zaren« und »Ruslan und Ludmila«. Träger dieser neuen Nationalkultur sind fast brückenlose Inseln, die Residenzen in Preußen und Russland: das Cottage, der Zarinnen-Pavillon in Peterhof nach dem Vorbild der Römischen Bäder in Potsdam; der Alexander-Palast in Zarskoje Selo; die russische Siedlung Alexandrowska in Potsdam mit der Alexander Newski-Kirche.

 

Sanssouci und Peterhof tauschen miteinander Skulpturen. Nikolaus I., ein Pferdenarr, schenkte seinem Schwager Bronzeabgüsse der beiden »Rossebändiger« von der Petersburger Anitschkow–Brücke (1841). Über den Bildhauer Peter Clot hat Nikolaus geäußert: »er schüfe edlere Pferde als jeder preisgekrönte Hengst«. Die Vier-Meter-Pferde – einst standen sie vor dem Portal IV des Berliner Stadtschlosses – können im Lichthof ihre Monumentalität voll entfalten. Die zwei Meter Porzellanvasen aus der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur mit militärischen Ereignisbildern – einst im Sternensaal von Schloss Babelsberg – passen genau dazu: Russische Monumentalität des 19. Jahrhunderts. Fünf Exemplare von weiteren 15 Monumentalvasen sind restauriert. Die anderen liegen seit ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion 1958 noch als Scherbengut in Kisten.

 

Das »Milchmädchen« von Pawel Sokolow hat seinen Platz im Glienicker Pleasureground nie verlassen. Aus den Panoramabildern (Peter-Pauls-Festung, Wassili-Insel, 1841), Schlossensembles, Parkensembles, Festumzügen, Malachitarbeiten,  den Ganzfiguren-Porträts und Büsten der Eliten scheint der Glanz einer vergangenen Welt wie im Märchen auf. Gestatten wir uns deshalb für diesmal unser Weh und Ach über die bekannten Geschichten zu vergessen von den sozialen Widersprüchen der russischen Gesellschaft unter Zar Alexander I., seiner Rolle als »Gendarm Europas« und seinem Beharren auf der Leibeigenschaft. Es gab eben auch andere Seiten dieser Gesellschaft.

 

150 Leihgaben aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg, dem »Museumsreservat« der Sommerschlösser, fünf weiteren russischen und internationalen Museen führen den hohen Lebensstils einer bisher wenig erforschten Epoche vor. Dieses Ereignis gestattet uns, erneut von deutsch-russischer Freundschaft zu reden.

 

Eine Ausstellung der Stiftung Potsdamer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, gefördert durch Kulturstiftung des Bundes und die Gazprom Germaia GmbH, unterstützt durch Dussmann AG  &Co. KGaA, Deutsche Kreditbank AG, Wall AG, Kuhn & Bülow Versicherungsmakler GmbH und Gothaer Versicherungen.
 

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