Ausstellungsbesprechungen

Berlin-Tokyo / Tokyo-Berlin. Die Kunst zweier Städte

Ein bisher eher unbekanntes Terrain, den Kunstdialog zwischen Japan und Deutschland, reflektiert derzeit eine Schau in Berlin mit 500 Exponaten unterschiedlicher Gattungen. Dass die beiderseitigen Einflüsse nicht nur marginal waren, zeigt schon ein kurzer Blick auf die 24 Kapitel, in die die Ausstellung gegliedert ist:

Der Querschnitt berührt die bedeutendsten und spannendsten Kunstströmungen und Gruppen der letzten 100 Jahre, darunter Brücke, Dada, Fluxus, Bauhaus, Mavo und Manga.

 

Anlässlich des Deutschlandjahres in Japan 2005/2006 war die Ausstellung Berlin-Tokyo / Tokyo-Berlin zunächst im Tokyoter Mori Art Museum zu sehen. Für die anschließende Präsentation in Berlin hätte man den Ausstellungsort wahrhaftig nicht besser wählen können. Ludwig Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie führt beispielhaft den Einfluss japanischer Kunst in Berlin vor Augen: Es waren die strengen, klaren Formen der japanischen Architektur, die die Bauhaus-Kunst von Anfang an prägten. Die Bauhaus-Bewegung wiederum übte einen starken Einfluss auf japanische Künstler aus.

 

Der nach außen sichtbare Teil von Mies’ Ausstellungsbau ist dem Thema Architektur und Leben im urbanen Raum gewidmet. Die Konzeption dieses Ausstellungsteils betreute der japanische Architekt Toyo Ito. Zusammen mit einer Gruppe von Künstlern und Architekten schuf er eine begehbare Hügellandschaft, die beinahe die komplette obere Halle einnimmt. In die Hügel eingebettet finden sich verschiedene Arten von Tokyo-typischen Minimalarchitekturen, die der Besucher erforschen und begehen kann. Tsuyoshi Ozawas Kombination einer puppenstubengroßen Hotel-Schlafkoje mit einer ähnlich dimensionierten Obdachlosenbehausung regt zum Nachdenken über soziale Parallelen an. Eine andere Art von Minimalarchitektur stammt aus dem Atelier Bow-Wow. Das Projekt Pet Architecture Museum zeigt Gebäude, die die architektonischen Nischen Tokyos nutzen und dadurch Inseln der Individualität schaffen.

 

Eine besonders fruchtbare Beeinflussung fand auch in der Malerei statt. Japanische Farbholzschnitte inspirierten die Brücke-Bewegung zu exotischen Gemälden, in denen der Japanschirm oder Kimono tragende Damen beliebte Motive waren. Vor allem Ernst Ludwig Kirchner war von fernöstlichen Sujets fasziniert. Viele seiner Drucke zeigen Bade- oder Liebesszenen, die unmittelbar von japanischen Blättern inspiriert sind.

 

Fluxus International brachte in den 1960er und 1970er Jahren japanische Aktions-Künstler wie Nam June Paik nach Berlin, der am 14. Juni 1965 seine „Robot Opera“ hier inszenierte. Die Ausstellung zeigt seinen Roboter Modell K 456 von 1963/66 sowie weitere Fluxus-Objekte wie Joseph Beuys’ „Sauerkrautpartitur“ von 1969. Fotografien dokumentieren zudem die damals in Tokyo, Westdeutschland und Berlin stattfindenden Happenings.

 

Den spektakulärsten Teil der Ausstellung bildet Yayoi Kusamas „Dots Obsession“ von 2004. Die Installation in Form eines Spiegelkabinetts ist mit überdimensionalen, vorwiegend phallischen Gummi-Objekten gefüllt. Der ganz in rot-weiß gehaltene und mit riesigen Punkten gesprenkelte Raum wirkt auf den ersten Blick bunt-fröhlich, strahlt nach dem Betreten aber etwas Bedrohliches aus. Eine verzweifelte, übersättigte Großstadtseele kommt hier zum Ausdruck.

 

Ähnlich mehrdeutig sind die in der Schau gezeigten Manga-Bilder der Künstlerin Chiho Aoshima, die zwischen 1999 und 2000 entstanden sind. Die niedlich wirkenden Mädchen-Figuren sind bei genauerer Betrachtung in schockierende, grausame Szenen eingebunden, die einen merkwürdigen Kontrast zu der gefälligen Kinderbuch-Kolorierung und den Schulmädchen-Motiven bilden.

 

Am augenfälligsten vereint aktuell ein Plakatentwurf von Hisashi Tenmyouya den Kunstdialog zwischen Berlin und Tokyo: das Plakat im Neo-Nihonga-Stil soll für die WM 2006 werben und zeigt kickende Samurai-Krieger.

 

Die Schau Berlin-Tokyo/Tokyo-Berlin füllt in ihrer Gesamtheit eine kunsthistorische Lücke aus und spricht durch die Vielfalt der Ansätze ein breites Publikum an. Zweifelsohne trägt sie dazu bei, Parallelen wie auch Unterschiede zwischen den beiden Großstädten zu erkennen und jenseits von Animé und Manga die bedeutenden Einflüsse japanischer Kunst zu erkennen.

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Öffnungszeiten

Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr
Mo geschlossen