Ausstellungsbesprechungen

Bernhard Heiliger, Licht – Bild – Skulptur

Der fotografische Blick auf die Skulpturen Bernhard Heiligers wird derzeit im Renaissancesaal der Kunsthalle Erfurt präsentiert. Er stellt chronologisch gesehen eine Fortsetzung der ebenfalls bis Anfang September laufenden Ausstellung »Von Renoir bis Feininger« dar.

Gewährt uns die eine Ausstellung mit Werken von Heckel, Kirchner, Nolde, Marc, Beckmann, Dix und vielen anderen Künstlern einen hochkarätigen Einblick in die Klassische Moderne, steht im Mittelpunkt der anderen Ausstellung das Werk eines Künstlers, das nach 1945 entstanden ist und das unter einem ganz speziellen Aspekt betrachtet wird: Die Ausstellung »Licht – Bild – Skulptur« beleuchtet das selten thematisierte Spannungsverhältnis von Skulptur und Fotografie.

 

Bei keiner anderen Gattung der bildenden Kunst hat die Fotografie einen so entscheidenden Anteil an der öffentlichen Wirkung wie bei der Skulptur. Ist uns ein solches Kunstwerk oft durch seine Abbildung präsenter als durch die Anschauung des Originals, sind es seine Definition im Raum und seine Eigenschaft der Dreidimensionalität, die dem Fotografen einen fast unbeschränkten Spiel- und Interpretationsraum eröffnen. Die Wahl der Perspektive, des Blickwinkels, der Lichtführung, des umgebenden Raumes, spezieller technischer Verfahren sind Entscheidungen, die der Fotograf trifft und die eine doppelte Autorenschaft an der Sichtbarkeit der Kunstwerke entstehen lassen.

 

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Rodin nutzte als erster dieses Medium systematisch zur Verbreitung seiner bildhauerischen Arbeiten – dem Amateur Eugène Druet und dem erfolgreichen Edward Steichen vertraute er die Ablichtung seiner Werke an. Giacomettis Skulpturen wurden durch Ernst Scheidegger interpretiert und Constantin Brancusi griff selbst zur Kamera.

 

Die Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt zeigt Fotografien der Skulpturen Bernhard Heiligers (1915-1995), der neben Karl Hartung und Hans Uhlmann zu den bedeutendsten westdeutschen Bildhauern der Nachkriegszeit gehört. Heiligers Werk spiegelt die Entwicklung von der figurativen Darstellung zur Abstraktion wider. Der künstlerische Durchbruch gelang ihm mit Portraitbüsten (u. a. Walter Gropius, Boris Blacher, Karl Hofer), die in ihrer faszinierenden Mischung aus starker Vereinfachung und detailgenauer Wiedergabe von charakteristischen Gesichtszügen eine außerordentliche Intensität im Ausdruck besitzen.

 

Ab den 1960er Jahren folgten zunehmend Aufträge für Skulpturen im öffentlichen Raum. Das Figurative ist zugunsten der vegetabilen und geometrisch abstrakten Formen gewichen. Nicht nur sein Stil, ebenso die Vorliebe für bestimmte Materialien hat sich im Laufe seines Schaffens gewandelt. Anfänglich entstanden Arbeiten aus Zement und Bronze mit rauen, schrundigen oder teilweise polierten Oberflächen, später stand das Experimentieren mit Aluminium und industriell geformten Eisenstücken im Vordergrund.

 

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Heiligers Schaffen wurde durch eine Vielzahl von namhaften Fotografen begleitet. Es sind Architektur-, Presse- und Sachfotografen wie Ewald Gnilka, Reinhard Friedrich, Max Jacoby, Gerda Schimpf und Werner Eckelt, aber auch künstlerisch ausgebildete Fotografen wie Edmund Kesting und Stefan Moses.

 

Für den Besucher gut überschaubar präsentiert die Ausstellung in verschiedenen Themenkomplexen –  von reiner Sach- bzw. Dokumentationsfotografie bis zur künstlerischen Fotografie – ganz unterschiedliche Sichtweisen und Ansätze auf Heiligers Werk. Kurztexte vermitteln zusätzlich den kunsttheoretischen Hintergrund der jeweiligen Thematik.

 

Die »Köpfe« zeigen sich bei Stefan Moses als inszenierte Fotografie - Boris Blacher hält sein Portrait wie eine Maske vor das eigene Gesicht –, als kubo-futuristische Bildgestaltung bei Kesting und als Dokumentation des Schaffensprozesses bei Lücking. Bei Letzterem führt die Aufnahme zu einer Potenzierung des Portraits, das plastische Abbild von Gropius wird mit seinem Modell und dem Künstler erneut –  dieses Mal fotografisch – portraitiert.

 

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Die Einblicke in die »Künstlerwerkstatt« stellen sich bei Harder als ein zum Stillleben gewordenes Raumdetail dar, Eschen und Orgel-Köhne hingegen erfassen den Raum als Ort der künstlerischen Produktion in seiner Dimension und aus verschiedenen Perspektiven. Die »Ausstellungen« sind Thema in den Arbeiten von Jacoby und Friedrich. Eine eigenständige künstlerische Auseinandersetzung mit Detailformen findet sich in den »Fotostudien«, z. B. in Friedrichs »Auge der Nemesis«. Zwei Dokumentarfilme, in deren Mittelpunkt die Genese einzelner Projekte steht, ergänzen den fotografischen Blick auf die Arbeiten Bernhard Heiligers.

 

Damit zeigt die von Janos Frecot und Andreas Kaernbach mit großer Sorgfalt kuratierte Ausstellung, wie differenziert das Spektrum der bildlichen Aussagen ist, das zwischen den Polen Dokumentation und Interpretation bei der Fotografie von Werken der Bildhauerei liegt. Sie erfüllt mit ihrer Auswahl an fotografischen Arbeiten nicht nur den Anspruch das Verhältnis Skulptur und Fotografie zu hinterfragen und die Sicht auf die mediale Vermittlung von Kunstwerken zu erweitern. Sie eröffnet dem Kenner von Heiligers Skulpturen auch einen anderen Blick auf sein Œuvre und weckt vor allem Interesse, die Originale in Augenschein zu nehmen. Abgesehen von einigen Qualitätsmängeln der Abzüge, die dem Alter der Fotografien geschuldet sind, ist es alles in allem eine kleine, aber sehr sehenswerte Ausstellung.

 

 

 

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr

Donnerstag 11 – 22 Uhr

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