Buchrezensionen, Rezensionen

Bernhard Maaz: Skulptur in Deutschland zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg, Deutscher Kunstverlag 2010

In diesem außerordentlich facettenreichen und großzügig bebilderten Epochenüberblick erwächst ein einzigartiges, ausdifferenziertes, kulturgeschichtlich untersetztes Panorama zur deutschen Skulptur zwischen Goethe und Wilhelm II., zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg, zwischen Aufklärung und Skeptizismus à la Nietzsche. Günter Baumann hat sich den Wälzer für PKG gern vorgenommen.

Mit einem Kraftakt sondergleichen hat Bernhard Maaz gegen ein – nicht völlig unberechtigtes – Vorurteil angeschrieben: dem Vorurteil, die deutsche Skulptur des 19. Jahrhunderts sei der Forschung bislang »zu komplex oder zu kompliziert … oder aber zu marginal« (Vorwort) erschienen. Der langjährige Mitarbeiter der Nationalgalerie in Berlin, der nicht nur als Betreuer des einschlägigen Skulpturenbestands 2006 einen konkurrenzlosen Gesamtkatalog mit 1500 Nummern vorlegte, sondern zwischen 2003 und 2009 vom Leiter der Alten Nationalgalerie und Stellvertretenden Direktor der Nationalgalerie in Berlin schließlich zum Direktor der Dresdener Gemäldegalerie Alte Meister wie auch des dortigen Kupferstich-Kabinetts emporgestiegen ist, war gut gewappnet. Diese Dresdener Ernennung war nicht unumstritten, wohl aber die unverkennbaren Verdienste. Maaz’ Opus magnum – wenn man einem gerademal 50 Jahre alten Wissenschaftler ein solches Band überhaupt umhängen mag – könnte dieses singuläre Werk zur deutschen Plastik im 19. Jahrhundert sein.

Es sei dahingestellt, ob die Kunsthistorikerzunft den Gegenstand wirklich je als zu komplex oder kompliziert angesehen hat, der Vorwurf der relativen Marginalität steht allerdings im Raum. Freilich, Maaz entkräftet ihn durch seine fulminante Kenntnis und auch durch den schieren Umfang der Arbeit – mit über 750 dichten Seiten wird der Leser beinahe erschlagen. Wer sich »fast ein Vierteljahrhundert … mit stets ein- und demselben Gegenstand« befassen konnte und unterm Strich nichts weniger als das Standardwerk dazu geschrieben hat, hat auch gewichtige Gründe bei der Hand. Zudem führt er mit Reinhold Begas, Adolf von Hildebrandt, Christian Daniel Rauch, Ernst Rietschel, Gottfried Schadow und Ludwig Schwanthaler auch allseits bekannte Größen ins Feld, die keinen Vergleich scheuen müssen. Allerdings kann man die Plastik nicht nur im nationalen Kontext bewerten, was die Arbeit von Maaz schon im Untertitel auch selbst nahelegt: Die Eckdaten der Französischen Revolution und des Ersten Weltkriegs markieren die europäische Dimension. Da drängt sich ein Vergleich mit Frankreich auf, das im Laufe des 19. Jahrhunderts das Konzept deutlich in die Hand nimmt. Während sich der Klassizismus in Deutschland, der in der so genannten Goethezeit blüht, scheinbar nicht recht weiterentwickelt und im Deutschen Reich eine monumentalisierte Variante den Ton angibt – Parallelen kann man auch im Nachbarland erkennen –, so tauchen doch zukunftsweisende Namen auf, die zur Moderne überleiten, denen sich die späteren Künstler im deutschsprachigen Raum wie etwa Max Klinger allenfalls noch anschließen können: Émile-Antoine Bourdelle, Jean-Baptiste Carpeaux, Camille Claudel, Honoré Daumier, Jean-Antoine Houdon, Aristide Maillol, Auguste Rodin, Medardo Rosso, Francois Rude und andere mehr. Da fallen die deutschen Bildhauer weit ab. Wenn man noch ins zweite Glied schaut, liest man manche Namen zum ersten Mal. Der Plastik geht es da nicht anders als der Literatur, deren Schöpfer übrigens neben den Herrscherfiguren in schönen Bildnissen vertreten sind.

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Trotzdem oder gerade darum ist die Arbeit von Bernhard Maaz unverzichtbar. Eine Überblicksschau hat es bisher nicht gegeben – dagegen erinnert man sich gut an die zweiteilige Ausstellung zur französischen Plastik in der Karlsruher Kunsthalle –, und es ist wahrhaftig eine Kernerarbeit, die Funktionen und Anwendungsbereiche der Skulptur im Hinblick auf die Denk- und Grabmalkultur, die Brunnen- und Parkplastik und sogar auf die Medaillenkunst zu präsentieren. Die restaurative Kraft und die Ironisierung im »endlosen Ende des Denkmals« sind nur zwei durchaus fruchtbare Momente. Maaz klopft alle Facetten an Bildprogrammen und Bauschmuckformen akribisch ab, belegt dies mit Hunderten von Abbildungen, die auch Verschollenes und Verlorenes dokumentieren. Schade nur, dass keine farbigen Bildbogen beigegeben wurden, die den Aspekt der Farbe in der Plastik hätte beleuchten können. Wohl widmet der Autor dem Verhältnis der Skulptur zur Zeichnung ein Kapitel, das nicht zu unterschätzen ist. Den größten Gewinn des Werks kann man aus den hinteren Teilen beziehen, die weit über Anhänge hinausgehen, weite Passagen des zweiten Bandes umfassen: Die Bildhauerbriefe mögen wohl eher Spezialisten ansprechen, aber die Entwicklungsgeschichte des Bildgusses bietet spannende Einblicke hinter die Kulissen der Bildhauerei, und das Lexikon der Gießer und Ziseleure erspart dem Interessierten mühsame Recherchen. Angesichts vieler unbekannter Künstlernamen verwundert es allerdings, dass den Gießern der Vorzug vor den Bildhauern gegeben wurde – doch ohne Frage hätte das jeden Rahmen gesprengt. Grandios ist schließlich das Glossar der Fachbegriffe, das naturgemäß die Plastik insgesamt behandelt.

Bernhard Maaz hat mit seiner zweibändigen Arbeit zur Plastik im 19. Jahrhundert Maßstäbe gesetzt, die dem Autor und dem Verlag viel Mühe abverlangt hat; im Eifer der Schlussredaktion sind vor allem im Vorwort ärgerliche Fehler stehen geblieben, die jedoch in einer weiteren Auflage leicht zu beheben sind. Das schmälert die hochgradig fundierte Arbeit jedoch in keiner Weise.

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