Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Andy Denzler - Distorted Moments und SEO - Das Gefühl in meinem Inneren, Ludwig Museum Koblenz, bis 18. Januar 2015

Gleich zwei Ausstellungen spannender moderner Künstler präsentiert derzeit das Ludwig Museum. Andy Denzlers an VHS-Videostills erinnernde Bilder sowie die Wandskulpturen und eine meditative Installation der Künstlerin SEO. Susanne Braun hat sich in den Räumen umgesehen.

Sie changieren zwischen Schärfe und Unschärfe, filigranem und pastosem Farbauftrag sowie detaillierter Bildkomposition und fragmentarischem Charakter, die Bilder von Andy Denzler. Indem sie abstrakte und figürliche Kompositionselemente enthalten, geben sie bei der Betrachtung und Interpretation bestimmte Wege vor und lassen gleichzeitig viel Raum für unterschiedlichste Deutungen. In dieser Hinsicht weisen sie viel Ähnlichkeit mit den »Kalten Landschaften« von SEO auf, die aus verästelten Aluminiumteilen eine frostig schimmernde Märchenlandschaft aus Licht und Schatten heraufbeschwört.

»Auf manchen Bildern stelle ich reale Personen aus meinem Umfeld dar, auf anderen bilde ich Inszenierungen beispielsweise mit Schauspielern ab«, fasst der 1965 in Zürich geborene Andy Denzler zusammen, »Es ist eine Kombination aus authentischer Umgebung und nachträglich eingefügten Attributen«. Bei den Porträts ist der Bildhintergrund im Allgemeinen sehr sparsam gestaltet, der Fokus liegt fast vollkommen auf den Gesichtszügen oder der Körperhaltung der dargestellten Personen. Andere Bilder lenken den Blick mehr auf das komplexe Interieur der Räume als auf die Personen darin. »The Forgotten Palace« beispielsweise zeigt mit vielen farblich abwechslungsreich gestalteten Details zwei Frauen in einer früheren Luxusvilla am Lago Maggiore. Einst ein Ort, an dem sich der europäische Hochadel traf, ist die Villa heute abbruchreif und lässt die beiden Frauen wie vergessene Relikte aus einer fast untergegangenen Welt wirken. »Ich möchte weg von der Hochglanzästhetik. Das Unperfekte, Krude, Gelebte hat mich interessiert«, kommentiert Andy Denzler.

Alle Bilder Andy Denzlers weisen einen fragmentarischen Charakter auf. Manchmal gewähren unfertige Passagen Einblicke in die Kompositionstechnik der Bilder, dann ist die Ölfarbe wellenförmig verwischt und legt erstaunlicherweise gerade dadurch Details in geradezu fotografieähnlicher Perfektion frei. »Es ist, als ob eine Bildstörung, wie man sie eigentlich aus dem Fernsehen kennt, über das Bild läuft«, beschreibt Andy Denzler eine mögliche Wirkung. An anderer Stelle sollen die Verzerrungen auf die Hüllkurve oder Frequenz eines Tons hinweisen und damit Parallelen zur Musik nahe legen. Gedeckte Farben verleihen der Szenerie auf dem Gemälde »Distorted Moments« etwas morbides, das zwei tanzende Raver in dem mittlerweile zum Museum ausgebauten Wohnzimmer des Komponisten Franz Liszt in Budapest zeigt, die in Teilen mit dem Hintergrund verschmelzen. »Das Bild habe ich gemalt, als ich Artist in Residence in Budapest war“, erklärt Andy Denzler, »Die Malerei ist nahe bei der Musik. Man spricht ja auch von Farbklängen und Klangfarben«.

Fortsetzung von Seite 1

Generell kombiniert Andy Denzler eine Vielzahl von medialen Elementen wie Malerei, Druckgrafik, Skulptur und Zeichnung. Hinsichtlich seines Malstils sieht Andy Denzler sich wesentlich durch Caravaggio, Tizian oder Velàzquez beeinflusst. Auf dem Bild »Incredibility of St. Thomas« greift er direkt eine Szene aus dem Bild »Der ungläubige Thomas« von Caravaggio auf. Bei Andy Denzler improvisieren Schauspieler das Motiv, in dem ebenso wie bei Caravaggio der ausgestreckte Zeigefinger des heiligen Thomas die dominierende Rolle spielt. Doch der helle Hintergrund nimmt dem Bild die mystisch-düstere Atmosphäre des Originals, auch wenn die Personen durch den pastoseren Farbauftrag in Teilen nur schemenhaft zu erkennen sind. »Das Fragmentarische ist wie ein Filter, der sich über die Figur legt. Insgesamt ist es freies Theater und die Bildgestaltung sehr intuitiv, sie soll etwas auslösen beim Betrachter, ihn fesseln«.

Die koreanische Künstlerin SEO thematisiert Parallelen zwischen östlicher und westlicher Kultur im Museum Ludwig. 1977 in Gwangju geboren, hat sie zunächst an der Chosun-Universität in Korea traditionelle Tusche-Malerei studiert und danach ein Studium bei Georg Baselitz an der Universität der Künste in Berlin aufgenommen. Den Ausstellungsraum dominieren überlebensgroße silberne Glocken, in denen sich die »kalten Landschaften« aus Aluminium an den Wänden spiegeln. »Mir war es wichtig, die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme in Asien und Europa zu zeigen«, erklärt SEO. »In Korea leben wir in einer ‚wir‘-Gesellschaft, es gibt nur ganz wenige Momente, in denen wir allein sind. Der Klang der Glocke steht bei uns für das Einfühlen in sich selbst und die Meditation, also das Alleinsein. Deutschland hingegen ist eine ‚ich‘-Gesellschaft und der Klang der Glocke ist eher ein Aufruf zur Geselligkeit«.

Tatsächlich hilft der in regelmäßigen Abständen ertönende Gong, Ruhe zu finden und die komplexen Verästelungen an den Wänden mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu betrachten. Katharina Arimont attestiert SEO im Katalog zur Ausstellung, dass sie »eine Art visuelle Poesie« kreiert, die »uns in ihren abstrakten Werken plötzlich etwas erkennen lässt«. Mit diesem Arbeiten knüpft SEO sowohl an die große ostasiatische Tradition der Landschaftsmalerei an, als auch an die Naturdarstellungen der europäischen Maler der Romantik, die ebenfalls Ausdruck innerer Empfindungen sein sollten. Die filigranen mehrdimensionalen Verästelungen aus Aluminium zaubern nicht nur ein komplexes Spiel von Licht und Schatten an die Wand, sie regen vor allen Dingen die individuelle Fantasie des Betrachters an. Nach und nach lassen sich in den collagenartigen Gebilden viele schemenhaft angedeutete mystische Gestalten und ungeahnte Strukturen entdecken, ein wahrhaft meditatives Erlebnis.