Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Katalog und Ausstellung »Waldeslust – Bäume und Wald in Bildern und Skulpturen der Sammlung Würth«, Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall, bis 15. April 2012

Der Begriff Wald ist zuweilen mit trivialen Vorstellungen von Idylle, Banalität, Mythos und Kitsch verknüpft. Dass er als Folie für eine subjektive Weltschau dient, zeigt die Ausstellung mit rund 100 markanten künstlerischen Positionen. Günter Baumann hat den Mythos Wald in Bild und Text erforscht.

2011 war das Internationale Jahr des Waldes – es verklang so leise wie manch anderes nominierte Jahr, wenn man es überhaupt bewusst als solches wahrnahm. Im Fall der Wälder gab es jedoch ein erstaunliches Angebot der sinnlich-ästhetischen Auseinandersetzung in Form von zwei Ausstellungen: »Unter Bäumen« im Deutschen Historischen Museum in Berlin sowie »Waldeslust« in Schwäbisch Hall. Die erstgenannte Schau ging bereits Anfang März zu Ende, die andere Ausstellung mit rund 150 Arbeiten aus der Sammlung Würth sowie einigen Leihgaben hat seine Türen noch bis Mitte April geöffnet.

Der unerschöpfliche Fundus an Kunstwerken im Hause Würth macht die präsentierte »Waldeslust« tatsächlich zu einem ausgesprochenen Augenschmaus – vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart reihen sich die Bilder und Plastiken aneinander –, oder anders gesagt: Die Sinnenfreude am Wald verbreitet sich in Schwäbisch Hall in erster Linie zum optischen Genuss, denn der Wald selbst wird hier nicht grundsätzlich thematisiert, sondern ist oft Hintergrund oder im Hinblick auf Skulpturen Materiallieferant. Man mag es also als Manko ansehen, dass man in der Würthschen Kunsthalle weniger den Wald erlebt als großartige Kunstwerke, deren Zusammenhang zwar lose über Bäume und Wälder gehalten wird; doch ließe man den Anlass der Ausstellung außer Acht, bliebe ein offenes ästhetisches Vergnügen übrig. Das ist auch gut so, denn dadurch gerät man nicht in die Gefahr, mit dem erhobenen Zeigefinger aufzutreten und den Wald als bedrohtes Naturgebiet zu durchforsten. Natürlich ist der Mythos Wald spürbar präsent wie das Waldsterben auch, das wird jedoch nicht wie aus dem Lehrbuch herausgeschält, sondern als Kulisse hervorgeholt: für die Schöpfung, für magische Erfahrungen, für ein spezifisch deutsches Gefühl, als Ausflugsziel oder Spiel mit Licht und Schatten. Getragener Ernst trifft auf Kitschiges, die Idylle auf Banalität – immer als subjektive Erfahrung, als hundertfache Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur.

Einer der Höhepunkte der Schau ist Christos eingepackter Baum, den der Künstler als Projektarbeit eigens für die Ausstellung nach Schwäbisch Hall brachte – das war 1994; und fast 20 Jahre danach kann man sich der Kraft des nunmehr vollendeten Werks nicht entziehen. Eingespannt zwischen den spektakulär großen, hyperrealistisch-bedrohlichen Graphitzeichnungen Robert Longos, weist Christos Welt über den konzeptionellen Ansatz weit über seine Zeit hinaus. »Bäume sind extrem skulptural«, meinte Christo dazu, »die Art, wie die Äste wachsen … Äste besitzen unberechenbare und reiche Bewegungen in alle Richtungen. Bei den verpackten Bäumen benutzen wir diese natürlichen Formen und heben ihre Dynamik hervor. Das besitzt eine ganz klassische skulpturale Qualität«.

Bedauerlich ist es, dass David Hockneys jahreszeitliche »Three-Trees«-Serie zum Ausstellungsende hin verliehen und durch Reproduktionen ausgetauscht werden musste. Aber Trost darüber findet man ja in der anwesenden Starparade: Lucas Cranachs »Adam und Eva« macht ebenso auf sich aufmerksam wie die riesige »Wiese 2« von Alex Katz, Doppelbegabungen wie Hermann Hesse oder Günter Grass sind ebenso vertreten wie wiederzuentdeckende oder junge Positionen – man nehme etwa Paul Baum, Herbert Brandl, Hugo Peters oder Elisabeth Wagner. Darüber hinaus stehen manche Namen stellvertretend für das hohe Niveau der Wälderschau: von Abramnowicz, Ackermann, Antes oder Armando über Balkenhol, Beckmann, Corinth, Hausner, Kiefer, Liebermann, Lüpertz bis hin zu Willikens, Wintersberger, Woodrow oder Zimmer. Erfreulich ist, dass hier auch (relativ gesehen) jüngere, noch nicht fest etablierte Künstler zu Ehren kommen: Katharina Ismer, Jahrgang 1973, und Chirstopher Lehmpfuhl, Jahrgang 1972, sind die durchaus schon renommierten ›Nesthäkchen‹ der Schau, in den 1960er Jahren geboren sind Reinhold Braun, Lester Campa, Joan Costa, Thomas Diermann, Oliver Dorfer, Alfred Haberpointner und Alexis Rockman.

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Begleitet wird die Schau in Schwäbisch Hall von einem schwergewichtigen Katalog, der neben etlichen poetischen Texten Beiträge von Werner Spies, Beate Elsen-Schwedler u.a. enthält. Hier kann man nun außerdem noch auf den Katalog der jüngst beendeten Berliner Ausstellung »Unter Bäumen« verweisen. Mit beiden Büchern ist dieses Thema vollauf bedient. Die UNO hatte den Wald als solchen im Jahr 2011 in seiner ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedeutung gewürdigt. Die künstlerische Auseinandersetzung steht eindeutig im Mittelpunkt der Würth-Ausstellung und des dazugehörigen Katalogs, erschienen im Swiridoff-Verlag, der mit dieser bilderreichen Publikation die anspruchsvolle Messlatte noch höher gehängt hat. Ganz andere Intentionen verfolgen Ursula Breymayer und Bernd Ulrich mit ihrem Projekt »Unter Bäumen«, einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, zu der eine sehr beachtliche Publikation im Dresdner Sandstein Verlag erschienen ist.

Schon die Bandbreite geht im Berliner Projekt weit über die Kunst hinaus, die freilich gerade im deutschen Blick auf einen stets auch symbolisch aufgeladenen Wald nicht fehlen darf. So gliedert sich der Band in Essays zur Waldwirtschaft, Waldkunst und zur Waldpolitik. Der sogenannte »Katalog« umfasst zwar nur ein Verzeichnis der über 450 in der Ausstellung gezeigten Exponate und Dokumente, deutet aber auf die Feingliederung hin, die dem Thema seine Dynamik und Spannung gibt: Mit dem vorangestellten Bezugswort setzt die Palette Marken auf die Wald-Kultur, -Künste, -Auftritte, -Gewalt, -Heimat, -Freizeit, -Rettungen, -Tatorte und -Blicke. Anselm Kiefers »Hermannschlacht«, zudem romantische Arbeiten von Ludwig Richter, Moritz von Schwind, Carl Spitzweg, Joseph Anton Koch, Carl Blechen sowie naturverbundene Werke von Max Slevogt, Ferdinand Georg Waldmüller, Walter Leistikow oder Otto Dix ergänzen nicht nur die Künstlerliste des »Waldeslust«-Buchs, sondern legen den Grundton noch deutlicher auf den Wald als Mythos und als Ideenkonstruktion.

Die Berliner Wald-Beschau kommt unweigerlich nicht um Klischees herum, bemüht sich aber erfolgreich um eine intelligente Differenzierung: Waldromantik ja, aber auch Forstwirtschaft; der Wald als (Friedhofs-)Ort der Toten, aber auch als Tatort für Verbrechen; der Wald als Thema der Volkskunde, aber auch der Pflanzenökologie (von der Musikpädagogik oder der Literaturwissenschaft ganz zu schweigen). Der über 300-seitige Katalogband vereint Experten der Kunst-, Kultur-, Umwelt- und der allgemeinen Geschichte. Es ist die pure Ironie, als Titelbild des Buchs einen grün unterlegten röhrenden Hirsch zu präsentieren, während der Gehalt des Themas viel in der forstwirtschaftlichen »Nachhaltigkeit« seinen Ausdruck findet. Dass dabei der romantische Topos nicht zu kurz kommt, sieht man im Kontext mit der Literatur: Joseph von Eichendorff, die Brüder Grimm und Ludwig Tieck kommen zur Sprache, während im Vergleich dazu – und bezeichnenderweise – im Katalog der Schwäbisch Haller Ausstellung neuere Autoren wie Harald Hartung zitiert werden.

Dass beide Publikationen die Überhöhung des Waldes im Nationalsozialismus nicht aussparen, liegt auf der Hand, ist sie doch eine Konsequenz aus der deutschen Naturfühligkeit. In Schwäbisch Hall reduziert sich dieser Aspekt auf die Hitlergruß-Persiflage von Anselm Kiefer, in Berlin war der Wald als Ort der Macht und ihrer Inszenierung deutlich herausgearbeitet worden – entsprechend ist der Widerhall in den entsprechenden Publikationen. Dass der Wald darüber hinaus auch ein Ort der Erinnerungs- und Trivialkultur ist, macht der Katalog der Berliner Schau deutlich. Trefflich war man sich in den Medienberichten einig, dass der Wald in Deutschland mehr sei als die Summe seiner Bäume. Zwei Ausstellungen und ihren Publikationen ist es zu verdanken, dass dem Wald in Zeiten seiner größten Bedrohung ein Denkmal gesetzt wurde.