Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: »Rheinromantik. Mythos und Marke« und »Belvedere - Warum ist Landschaft schön?«, Arp Museum Rolandseck, Remagen, bis 4. März 2012

Der ästethische Blick auf die Natur stellt das zentrale Thema der Doppelausstellung des Arp Museums Rolandseck in Remagen dar. Die zwei Ausstellungen offenbaren und hinterfragen die Mechanismen der ästehtischen Stilisierung der Natur im künstlerischen und kulturellen Bewusstsein. Rainer K. Wick hat sich die Ausstellungen »Rheinromantik« und »Belvedere - Warum ist Landschaft schön?« für Sie angesehen.

Nach einem halben Jahr ging am 16. Oktober in Koblenz die diesjährige Bundesgartenschau mit einem Rekordergebnis (mehr als 3,5 Millionen Besucher) zu Ende. Über das Kunstprogramm dieser Großveranstaltung hatte das Portal Kunstgeschichte am 31.07.2011 berichtet; am 27.08.2011 folgte ein Beitrag über die Ausstellung »Die letzte Freiheit« im Koblenzer Ludwig Museum, die in sinnvoller Ergänzung zur Bundesgartenschau die Land Art der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand hatte. Über das Ende dieser beiden Koblenzer Ereignisse hinaus zeigt nun das am nördlichsten Zipfel von Rheinland-Pfalz gelegene Arp Museum in Remagen-Rolandseck im Rahmen seines diesjährigen Themenschwerpunktes »Natur & Landschaft« zwei Ausstellungen, die - gleichsam als Ausklang des BUGA-Jahres - historische Formen und aktuelle Positionen der Wahrnehmung und künstlerischen Gestaltung von Landschaft vorführen.

Beiden Ausstellungen - der einen im Gebäude des historischen (und stilgeschichtlich historistischen) Bahnhofs Rolandseck, der anderen im lichtdurchfluteten Museumsneubau Richard Meiers – ist die Erkenntnis gemein, dass das, was gemeinhin als Landschaft wahrgenommen wird, ein komplex durch Geschichte, Kultur und künstlerische Traditionen determiniertes mentales Konstrukt ist. So bedeutete Landschaft für die Menschen des Altertums etwas gänzlich anderes als für die des Mittelalters. Mit der legendären Besteigung des provenzalischen Mont Ventoux durch Petrarca im Jahr 1336 begann, um nur ein Beispiel zu nennen, die neuzeitliche Landschaftsschau, die über Jahrhunderte hinweg nachwirkte.

Was das Rheintal zwischen Drachenfels und Loreley anbelangt, so ist unsere Landschaftsschau bis heute vorzugsweise eine des vorletzten Jahrhunderts. Das heißt, wir sehen die Landschaft mit einem vorindustriellen Blick romantischer Verklärung. Es ist ein historisch geprägtes, längst verinnerlichtes und tief im Bewusstsein verankertes Bild, das die industriellen Spuren in der Lebenswirklichkeit bewusst ausblendet: der eminente moderne Schienen- und Individualverkehr an beiden Ufern, die Existenz der großen Containerschiffe, die den Strom befahren, und die gelegentlichen Industrieanlagen und Gewerbeansiedlungen. Die Schau »Rheinromantik« geht den Ursprüngen dieser Vorstellung auf die Spur und findet ihr Material vor allem im 19. Jahrhundert.

Im Mittelpunkt der thematisch in vier Sektionen gegliederten Ausstellung steht der „künstlerische Blick“. Insbesondere der Blick derjenigen Maler aus den 1830er Jahren, die in einer Zeit sehnsuchtsvoller Naturbegeisterung und grassierender Burgeneuphorie die Rheinlandschaft zur idealen Projektionsfläche ihres romantischen Strebens machten. Die ausgestellten, meist kleinformatigen Gemälde von Künstlern wie Andreas Achenbach, Stanfield Clarkson, Anton Ditzler, Johann Caspar Nepomuk Scheuren, Andreas J. Müller und anderen vermögen, die charakteristische Rhein- und Ruinenromantik jener Zeit sehr treffend zu vermitteln. Allerdings hätte sich der Besucher der Ausstellung doch das eine oder andere Blatt des großen William Turner gewünscht, der den Rhein in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mehrmals bereist und mit seinen Aquarellen und Zeichnungen maßgeblich die Reiselust der Engländer angefacht hat.

Die drei anderen Sektionen der Ausstellung, der „sagenhafte Blick“, der „nationale Blick“ und der „touristische Blick“, fallen leider etwas mager aus. So ist die literarische Verarbeitung des Rhein-Mythos in Form von Volkssagen nur schwach dokumentiert. Auch die politische Instrumentalisierung des Rheins nach dem Ende der Napoleonischen Zeit durch Preußen und das 1871 gegründete Kaiserreich hätte pointierter herausgearbeitet werden können. Ein Highlight in dieser Sektion ist der original erhaltene, in Kupfer getriebene Kopf des 1897 am Deutschen Eck in Koblenz errichteten Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmals, das im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört und erst 1993 durch eine Kopie ersetzt werden konnte. Der in der vierten Sektion thematisch angerissene „touristische Blick“ und der Aspekt der Vermarktung der Rheinromantik durch die Tourismusbranche ist zweifellos von außerordentlichem Interesse, ließe sich in einer zukünftigen, breiter angelegten kulturgeschichtlichen Ausstellung aber sicherlich erheblich vertiefen. Originell ist das Arrangement von circa hundert Bowletöpfen mit rheinromantischen Motiven, vielfach von Burgen, die im Eingangsbereich den Auftakt der Ausstellung »Rheinromantik« bilden.

Damit zur Ausstellung »Belvedere« im hoch über dem alten Bahnhof thronenden, gläsernen Richard Meier-Bau mit seiner „schönen Aussicht“ auf den Rhein. Sie entfaltet nicht das übliche Panorama der Landschaftsmalerei der letzten hundert Jahre, sondern fragt, wie Künstler auf einer intellektuellen Metaebene mit dem Topos der „schönen“ oder gar „idealen Landschaft“ umgehen. Als Programmwerk der Ausstellung haben die Kuratorinnen Christine Heidemann und Anne Kersten ein Bild des Malers Félix Vallotton aus dem Jahr 1900 ausgewählt, das einen Künstler an der Staffelei zeigt, der in einem geschlossenen Innenraum ohne Blick nach außen eine Landschaft malt. Landschaftskunst, so die Schlußfolgerung, muss nicht zwingend unmittelbar anschauungsgebunden sein. Es kann sich, wie in diesem Fall, auch um eine imaginäre Landschaft, um ein inneres Bild von Landschaft, handeln – so wie ja auch das Bild vom romantischen Rhein mit der heutigen Realität dieses Stroms keineswegs deckungsgleich ist.

Landschaft als Konstrukt ist in der neueren Kunst nicht selten das Resultat der Wirkungsmacht medialer Filter, wie KP Bremers spröde Arbeit »Farbmusterbuch Ideale Landschaft« von 1968, Gerhard Richters von einer fotografischen Bildvorlage übernommener »Regenbogen« von 1970 oder Roy Lichtensteins von der Comicstrip-Ästhetik geprägtes Bild »Painting in Landscape« von 1984 zeigen. Zum Teil nur unterschwellig, manchmal aber auch schonungslos offen, wird das Ideal der romantischen Landschaft demontiert: Sei es, dass Inge Rambows Fotografien vermeintlich schöner Landschaften aus den 1990er Jahren bei genauerem Hinsehen die Verwüstungen des Tagebaus in der ehemaligen DDR dokumentieren; sei es, dass Rachel Reupke in ihrem Videofilm »Infrastructure« von 2002 mit Hilfe von Montagetechniken auf die „große Landzerstörung“ (übrigens ein Begriff, der auf eine Werkbund-Tagung des Jahres 1959 zurückgeht) durch den grassierenden Alpentourismus hinweist. Und Guy Allotts surreale, in mancher Hinsicht an Magritte erinnernde Bilder von 2008/09 zeigen dicke Baumstämme mit riesigen Löchern, die Durchblicke auf heterogenste Landschaftsausschnitte freigeben und mithin die Vorstellung einer integralen, intakten Natur dezidiert unterminieren.

Insgesamt präsentiert das Arp Museum in der Ausstellung »Belvedere« Arbeiten von fünfundzwanzig Künstlerinnen und Künstlern, darunter so prominenten Protagonisten eines avancierten Kunstbegriffs wie Mark Dion, Hamish Fulton, Thomas Ruff oder Lawrence Weiner. So unterschiedlich sich ihre Positionen darstellen, so reizvoll ist diese Ausstellung gerade wegen der enormen Bandbreite ihrer Ansätze und künstlerischen Formulierungen. Nähere Auskunft über die einzelnen Beiträge gibt ein handlicher Katalog, der sich in seiner äußeren Aufmachung - flexibler Einband mit durchsichtigem Plastikumschlag - nicht zufällig an die derzeitig handelsüblichen Baedeker-Reiseführer anlehnt.