Buchrezensionen

Besprechung im Doppelpack: David Hockney und Martin Gayford sprechen über Kunst

Einen Namen gemacht hat sich der Brite David Hockney mit seinen Bildern junger Männer, aber stets war sein Œuvre breiter gefächert und in den letzten Jahren erregt er auch immer wieder mit monumental großen und äußerst kleinformatigen Werken Aufsehen. Martin Gayford dagegen kann wohl zu Englands bedeutendsten Kunstkritikern gezählt werden. In zwei Büchern sprechen die beiden über Kunst, die Malerei, über Landschaften, das Sehen und Bilder im Allgemeinen: Bereits 2012 erschien Martin Gayfords »A Bigger Message: Gespräche mit David Hockney«, erst vor kurzem dagegen »Welt der Bilder« als gemeinsamer Versuch einer Bildgeschichte. Stefanie Handke hat sich in die Bilderwelt der beiden begeben.

Heute eröffnet die Frankfurter Buchmesse! Und Hauptredner der inoffiziellen Eröffnung, der Pressekonferenz, ist dieses Mal – ein Maler! David Hockney wird passend zum neuen Themenschwerpunkt Kunst sprechen und ist zugleich eine ideale Wahl, haben Bild und Buch doch eines gemeinsam: Das Eindringen neuer digitaler Techniken ist unumstößlich und schafft neue Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten. Und mit Hockney spricht ein Künstler, dem die Nutzung neuester Techniken selbstverständlich ist – mit dem iPhone zeichnet er seit Jahren, als das iPad auf dem Markt kam, schuf er bald auch hier neue Werke und malte parallel dazu weiter an monumentalen Bildern auf Leinwand. Mit gleich zwei neuen Bänden kann man seine Sicht auf die Kunst näher kennen lernen. Beide Male befindet sich der englische Künstler im Gespräch mit dem nicht minder renommierten Kunstkritiker Martin Gayford und damit treffen zwei belesene und auf allen Gebieten der Kunst bewanderte Persönlichkeiten aufeinander, an deren Fachkenntnis und an deren Fähigkeiten nun wirklich niemand zweifeln kann.

In »A Bigger Message. Gespräche mit David Hockney«, erschienen im Piet Meyer Verlag, dokumentiert Gayford eine Reihe von Gesprächen, die er mit dem inzwischen wieder in England lebenden Maler, führte. Darin spricht Hockney vor allem über Landschaften und Bäume, über das Sehen und seine Sicht auf die Kunstgeschichte, die äußerst reflektiert ist. So verweigert sich Hockney nach eigener Aussage dem Paradigma mancher Kritiker, das Landschaften in der Gegenwart kein Bildsujet mehr sein können aus einer gewissen »Bockigkeit« heraus und betrachtet man als Leser die im Buch überaus zahlreich enthaltenen Bilder, so tritt Hockneys Kunst sogleich den Beweis an.

David Hockney liebt die Landschaften und er liebt Bäume, und diese Liebe lässt ihn mal mehr, mal weniger naturalistische Werke schaffen. Dabei sind dann auch gerne einmal Veränderungen der Natur ein Thema, die ein gelegentlicher Besucher gar nicht wahrnehmen kann und die er an den Orten wahrnimmt, die er jeden Tag in der englischen Landschaft besucht. Und: nun entstehen riesige Gemälde, die aus fünf, sechs, bis zu fünfzig Leinwänden bestehen, wie das monumentale und zugleich wunderbare »Bigger Trees near Warter«, das für seine 2007er Ausstellung in der Royal Academy of Arts entstand und das er im April 2007 seinen Freunden und Gästen in einer Lagerhalle präsentieren muss, da das eigene Atelier keinen Platz bietet. Mit seinen zwölf Metern Länge und viereinhalb Metern Höhe hat es also fast Lebensgröße, ist aber beileibe kein illusionistisches Werk, sondern schlichtweg ein riesiges, en plain air gemaltes Meisterwerk, das mit der Burlingten Hall vor Augen entstand. Das stellte den Künstler auch vor eine logistische Aufgabe, denn für seine Bilder zieht der auch schon mal mit einem Kleintransporter los, packt ein Spezialgestell ein, auf dem die große Zahl der Leinwände Platz findet, nutzt – wie bei » Bigger Trees near Warter« – im Winter die kurze Zeit, in der die Sonne scheint, aus, und muss auch Computertechnik und Digitalfotografie einzusetzen, um dieses riesige Bild in seiner Gesamtheit zu erfassen.

Überhaupt offenbart Hockney in den Gesprächen seine Begeisterung für moderne und digitale Technik: Zahlreiche iPhone-Zeichnungen sind seit dem Erwerb des Geräts entstanden und er ist einer der ersten, die sich ein iPad zulegen. Diese kleinen Geräte ermöglichen ihm eine neue Unmittelbarkeit des Zeichnens: »Das Tolle am iPad ist, dass es wie ein Skizzenblock ist, aber man hat ständig alles bei sich, mit allen gebrauchsfertigen Farben.« Und den Beweis treten Zeichnungen einer Mütze auf dem Tisch, des Malerfußes neben dem Hausschuh und unterschiedliche Ansichten des Hockney’schen Schlafzimmerfensters an. Zeichnen wird, so scheint es dem Leser, noch unmittelbarer mit dem Sehen verbunden: der Künstler sieht eine Szene, er zeichnet sie noch im selben Moment. Zugleich zieht er immer wieder Parallelen zur Arbeit Picassos, zu den steinzeitlichen Höhlenmalern und natürlich zahlreichen klassischen Künstlern.

Damit kann man als Leser dann wunderbar mit dem im Sieveking Verlag erschienenen »Welt der Bilder« nahtlos weiterschmökern, denn eigentlich führen Hockney und Gayford ihre Unterhaltung hier nur weiter. Das Thema bleibt ähnlich und ist lediglich ein weniger persönliches, sondern umfassender Natur. In dem großformatigen und ebenso reichhaltig bebilderten Band widmet sich in 18 Kapiteln zwei Fachleute auf nicht minder intelligente und zuweilen auch humorvolle Weise einer Geschichte nicht nur der Kunst, sondern des Bildes an sich. Der Kunstkritiker und der Maler blicken mit anderen Augen auf Malerei und Fotografie und unternehmen mit dem Leser einen Ritt durch die Kunstgeschichte, der nicht chronologisch, sondern querbeet verläuft. Da stehen sich Ingrid Bergman in »Casablanca« und Tizians »Büßende Maria Magdalena « gleichberechtigt gegenüber, eine Seite später offenbart sich uns eine Parallele zwischen dem Disney-Trickfilm »Pinocchio« und japanischen Holzschnitten und Caravaggio hat die Beleuchtung Hollywoods erfunden.

Das klingt fantastisch? Ist es aber nicht. Gayford und Hockney gehen vor allem von einem persönlichen Blick des Künstlers aus, der sich in seinen Bildern widerspiegelt und den mehr als nur der künstlerische Zeitgeist beeinflusst. Auch machen sie deutlich: »Die Geschichte der Bilder und die Geschichte der Kunst überschneiden sich, aber sie sind nicht dasselbe« (Martin Gayford) und erklären so, warum hier auch Zeichentrickfilme unweigerlich auftauchen müssen. Auch der folgende Satz David Hockneys wird wohl dem ein oder anderen zunächst sauer aufstoßen: »Die Kunst entwickelt sich nicht weiter.«, womit er eine ähnlich bedeutende These für die kommenden gut 300 Seiten setzt. Er sucht vielmehr nach Parallelen und Unterschieden in Ausdruck und Farbigkeit, Licht und Sujet usw. und erkennt Ähnlichkeiten, die Laien, aber auch manchen Kunsthistorikern nicht immer auffallen.

Auch in diesem langen, gelehrten Gespräch spielt das Sehen also eine große Rolle, denn dieses ist und bleibt maßgeblich für Maler, Zeichner, Fotografen und Filmemacher. Kein Wunder also, dass sich Parallelen zwischen den Schattenwürfen eines Caravaggio und der Beleuchtung des 40er-Jahre Kinos ziehen lassen. Und kein Wunder auch, dass verschiedene Künstler immer wieder auftauchen, etwa Jan van Eyck mit seiner Arnolfini-Hochzeit, die zugleich als Paradebeispiel für naturalistische Malerei und als Werk, das sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat, »herhalten« muss. Obendrein stellt sich David Hockney vor, dass van Eycks Atelier wie ein Filmstudio ausgesehen haben muss, in dem es von zahlreichen Mitarbeitern wimmelte – was dem Künstlerbegriff seiner Zeit durchaus entspricht.

Alles also stets die gleiche Suppe? Nein, natürlich nicht! Es gibt unterschiedlichste Herangehensweisen an ähnliche Sujets, es gibt reduzierte und üppige Zeichnungen, naturalistische und abstrakte Bilder, die sich in ihrer Wirkung, ihrer Intention und ihrer Ausführung deutlich unterscheiden. Ihnen allen ist aber eines gemein: Sie sind Ausdruck des menschlichen Sehens und so weisen sie Parallelen auf. Vor allem die Einführung der Fotografie stellt noch einmal einen Einschnitt in der Kunstgeschichte dar, doch selbst hier lassen sich Vorläufer ausmachen, nämlich die optischen Geräte, die bei Malern, aber seit den Zeiten der Camera Obscura auch schon im Alltag in Gebrauch war, wie das 1764 entstandene Bild Charles Amédée Philippe van Loos beweist, das eine Camera Obscura als inzwischen alltäglichen Gebrauchsgegenstand in Szene setzt und zugleich mit dem Thema der Projektion spielt. Es stößt eine Diskussion über die Verwendung solcher optischer Geräte, Kameras und Linsen an und dient zugleich als Grundlage für die Frage, wieviel Wahrheit in der Malerei, aber auch in der Fotografie zu finden ist.

Zwei famose Bücher sind es, die beide Verlage da vorlegen, und die man nur schwer aus der Hand legen kann. Die beiden Herren sind im besten Sinne vom »Bild an sich« begeistert und haben ihm ihr ganzes Leben gewidmet; der eine als Kritiker und Kunsthistoriker, der andere als Künstler, und beide verstehen sich so gut, dass es eine Freude ist, ihrem Gespräch quasi beizuwohnen. Sie lassen den Leser zuweilen anders auf vertraute Werke blicken und das ist ihr großes Verdienst. Zugleich geben sie Einblicke in ihr eigenes Empfinden und im Fall von »A Bigger Message« natürlich hinter die Staffelei David Hockneys. Die Ausstattung steht dem Inhalt dabei in keinster Weise nach: Reichhaltig bebildert sind sie beide, sodass die besprochenen Werke immer gegenwärtig sind, die Papierqualität schwer und schön. Was will man zu solchen Büchern noch sagen? Nichts! Außer: Am besten gemeinsam anschaffen und lesen!