Buchrezensionen

Besprechung im Doppelpack: Die Autobiografie und die Gefängnisbriefe von Helene und Wolfgang Beltracchi, erschienen im Rowohlt Verlag 2014

Mit ihrer Autobiografie sowie der intimen und ursprünglich nicht für fremde Augen bestimmten Gefängniskorrespondenz gewähren Helene und Wolfgang Beltracchi uns Einblick in ein facettenreiches, rasantes Leben. Zwei Bücher voller bildgewaltiger Abenteuer und Zeugnisse einer unzerbrechlichen Liebe, die die Gefangenschaft kraftvoll überdauerte. Verena Paul hat die Bände gelesen.

Zugegebenermaßen war ich bei Beginn der Lektüre der von Helene und Wolfgang Beltracchi verfassten Bücher skeptisch. Denn ich habe mich gefragt: Wenn jemand mit dem Pinsel die Menschen derart versiert hinters Licht zu führen versteht, wird er es dann vielleicht auch mit seiner Feder tun? Oder anders formuliert: Kann man den Worten eines der wohl brillantesten Fälscher und seiner ihn stets unterstützenden Ehefrau überhaupt Glauben schenken? Auch nachdem ich beide Bücher gelesen habe, weiß ich diese Frage nicht mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten. Aber darum geht es überhaupt nicht. Fest steht, dass das »Selbstporträt« ebenso wie der Band »Einschluss mit Engeln«, der den in vierzehnmonatiger U-Haft geschriebenen Briefwechsel des Ehepaares Beltracchi enthält, einen besonderen Lesegenuss darstellen. Denn hier gewähren uns die Autoren spannende Einblicke in eine Parallelwelt, bestehend aus idyllischem Familienleben und abenteuerlichem Wirken eines Kunstfälschers. Darüber hinaus werden die bizarren ökonomischen Auswüchse sowie die Scheinheiligkeit des Kunstmarktes vorgeführt und entlarvt. Infolgedessen möchte Wolfgang Beltracchi sich – angelehnt an Picasso – nicht »als Künstler im großen Sinne des Wortes« betrachten: »Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen«, schreibt er.

Beltracchi ist sich seines Vergehens bewusst und versucht nicht über irrwitzige Umwege sein Tun zu beschönigen. Seine Fälschungen haben jedoch »die Idee des autonomen Kunstwerks, des Originals und seiner Einmaligkeit in Frage gestellt«. Ob dies, wie er schreibt, »notwendigerweise« geschehen ist, sei einmal dahingestellt. Aber durch sein Tun entstand eine »Verunsicherung der Marktteilnehmer«, die uns »ans wirkliche Sehen, also an die Kunst« heranführte. Seine Gemälde sind keine tumben Kopien, sondern sie füllen bisweilen, wie er selbst betont, »Leerstellen« im Werk eines Malers oder gehen gar über ein vorhandenes Werk hinaus: einfühlsam, geistreich und derart detailverliebt, dass der ein oder andere Maler möglicherweise selbst ins Wanken geraten wäre, hätte er über Original oder Fälschung befinden müssen. Was zunächst wie Hybris anmutet, ist bei näherer Betrachtung eine beeindruckende künstlerische und gleichermaßen spirituelle Fähigkeit. Beim Lesen wird rasch deutlich, dass neben der Kunst auch das zutiefst Menschliche eine wichtige Rolle spielt. Und so bekennt Wolfgang Beltracchi auf einer der letzten Seiten der Autobiografie: »Kann sein, ich habe die Gabe, Bilder zu erkennen und wahrhaftig zu sehen: aber erst Lenes Liebe hat mich sehend gemacht.« Insofern wird in diesem Band einerseits der Kunstbetrieb in die Mangel genommen und einer überaus kritischen Prüfung unterzogen, andererseits finden sich hier einige der wohl schönsten Liebeserklärungen formuliert – etwa wenn Wolfgang Beltracchi, der vor der Begegnung mit seinem »Lenchen« einen ausschweifenden Lebensstil pflegte, gesteht: »Nie mehr habe ich das Verlangen nach einer anderen Frau [als nach Helene] verspürt. Ich liebe es, die Frauen anzuschauen, ihre Schönheit, ihre Jugend zu sehen und ihren Duft zu riechen – all das bezaubert mich noch immer. Aber berühren möchte ich nur meine Geliebte; unverändert trage ich ihr Bild seit der ersten Begegnung in mir.«

Fortsetzung von Seite 1

Kaleidoskopartig zusammengefügte Anekdoten aus Kindheit und Jugend ergeben im »Selbstporträt« die Basis eines Lebens, das viele Umwege gegangen ist und doch immer wieder an einem Ziel angelangte: dem aus dem künstlerischen Schaffensprozess resultierenden Gefühl von Freiheit oder einer großen Liebe. Wir schauen einem Kunstfälscher über die Schulter wie er Werke, beispielsweise von Campendonk, Ernst, Macke, Meidner oder Pechstein, auf der Leinwand »weiterdenkt«, wie er sich exzessiv Leben und Werk der von ihm kopierten Künstler anliest und dergestalt über jedes noch so kleine Detail informiert ist. Dabei zeichnet vor allem der Schreibstil Wolfgang Beltracchis ein interessantes Spannungsverhältnis aus: Neben einfühlsamen und zugleich bemerkenswert ausdruckstarken Beschreibungen von Kunstwerken stehen Vulgarismen des in jungen Jahren zelebrierten wilden Lebens: »Es wurde diskutiert, gekifft, getanzt und gevögelt.« Als Helene im vierten Kapitel als Schreiberin hinzukommt und sich die beiden Autoren abwechseln, entsteht ein harmonischer Gesamteindruck, als habe Helene ihren Mann nicht nur im Leben, sondern auch im Schreiben in ruhiges Fahrwasser geleitet.

Und die Briefe? Sie sind Spiegel einer Welt schmerzlicher Erfahrungen, voller Isolation, Einsamkeit und Sehnsucht sowie einer sich über das räumliche Getrenntsein erhebenden Liebe. Dadurch erleben wir, wie Martin Walser schreibt, »die Geburt der Literatur aus dem Geist der Einsamkeit.«

Resümee: Die beiden im Rowohlt Verlag erschienenen Bände bestechen mit einer atemberaubend spannenden Geschichte zweier Menschen, deren Liebe sie schwere Hürden – wie Krankheit und Freiheitsentzug – überwinden ließ. Nicht zuletzt wird das Faszinosum Kunstfälschung, das durch umfangreich beigefügtes Bildmaterial und zeichnerische Interventionen visualisiert wird, die LeserInnen in den Bann ziehen und sie gleichzeitig zum kritischen Nachdenken animieren. Nach anfänglichem Argwohn muss ich nun gestehen, wie erhellend und insgesamt bereichernd diese Lektüre war, so dass meiner uneingeschränkten Empfehlung beider Bücher nichts mehr im Wege steht!