Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Giacometti. Die Spielfelder, Hamburger Kunsthalle, bis 19. Mai 2013 und Alberto Giacometti. Begegnungen, Bucerius Kunstforum Hamburg, bis 20. Mai 2013

Hamburg präsentiert den Schweizer Weltstar in zwei Ausstellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und gibt so einen Überblick über das Gesamtwerk. Susanne Gierczynski nahm die Gelegenheit wahr, sich Giacometti zu nähern.

Die Hamburger Kunsthalle hat sich mit »Giacometti. Die Spielfelder«, der Werkgruppe der Platz-Skulpturen des Künstlers angenommen. Es geht dabei um Zwischenräume. Um den Raum, der zwischen den Dingen und den Figuren untereinander in ihrem Beisammensein entsteht. Eigentlich also um den nicht-greifbaren Raum, der die Verhältnismäßigkeit der Figuren untereinander eklatant bestimmt.

Annabelle Görgen-Lammers, Kuratorin der Ausstellung, betont Giacomettis Vorreiterrolle für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Verständnis der Skulptur als Platz, bei dem der Betrachter aktiv Zugang erhält, habe Giacometti bereits 1930 den environment-Gedanken der 1960er Jahre vorweggenommen.

Zunächst einmal beginnt Giacometti in seinen frühen surrealistischen Arbeiten die Skulptur von der Vertikalen in die Horizontale zu holen. Auf horizontalen Platten entwickeln sich merkwürdig spannungsreiche Objektinszenierungen, wie in »Fleur en danger« von 1932 oder in »Main prise« aus demselben Jahr. Daneben entstehen dezidierte Platz-Modelle.

Erstmals wird in dieser Schau nicht nur das frühe surrealistische Werk Giacomettis in Deutschland gezeigt, es wird auch eine konzise Vergleichbarkeit der Arbeiten jener Jahre unter dem Motto des „Spielfeldes“ ermöglicht. Görgen-Lammers hat nicht weniger als über 200, zum Teil als Raritäten im Ausstellungswesen zu bezeichnende Arbeiten zusammengetragen. Zeichnungen, Ölgemälde, Fotografien und über 40 Skulpturen lassen in der ersten Etage der Galerie der Gegenwart ein konzentriert vorgetragenes Werkthema erstehen, das zugleich alle Themen des gesamten Œuvres in sich trägt.
Eine stehende Frau, ein schreitender Mann und ein blickender Kopf in einem bestimmten Verhältnis zueinander gesetzt, bilden den Schlusspunkt in Giacomettis Platzprojekten.

Das Bucerius Kunstforum fokussiert hingegen Giacomettis Porträtmalerei. Unter dem Titel »Alberto Giacometti. Begegnungen« wird über 44 Plastiken, 10 Gemälde und 65 Zeichnungen Giacomettis Auseinandersetzung mit dem Bildnis seines Gegenüber reflektiert.

Anschaulich ist die Reihung dreier Porträtköpfe des Künstlervaters von 1927. Giacometti hat den Kopf in Granit, Bronze und Marmor gefasst. Während die Grundform des Kopfes erhalten bleibt, verändert der junge Künstler die physiognomischen Merkmale des Vaters in jeder Materialfassung: vom abbildhaften Realismus in Bronze, über abstrahierte Züge in Granit bis kurz vor dem Verschwinden begriffenen in Marmor.
Einen didaktisch ansprechenden Vergleich ergibt eine Reihung von kleinsten Giacometti-Figürchen auf unterschiedlichen Sockelmotiven.

Die Kuratoren der Ausstellung, Michael Peppiatt und Eva Hausdorf, umkreisen und nähern sich Giacomettis Porträtverständnis von mehreren Punkten herkommend an: Sowohl das kleine Format, der Bezug zum Existentialismus, künstlerische Vorbilder als auch Porträts von Zeitgenossen reflektieren das Thema.

Wie wenig repräsentativ Giacometti beim Porträtieren gedacht hat und wie sehr er stattdessen an der eigenen Fragestellung orientiert war, zeigen die völlig unprätentiösen Zeichnungen auf Buchseiten oder losen Zetteln. Porträts, oder besser: Giacomettis „Begegnungen“ mit seinem Gegenüber, sind von der Suche nach der Wiedergabe der Präsenz des Menschen geprägt. Ob Rimbaud, Louis Aragon, Jean-Paul Sartre und andere, Giacometti umkreist mit dem Stift in immer wiederkehrender Setzung das Gesicht des Motivs. Verdichtungen finden im Augenbereich statt, dort wo der Blick des Menschen verortet ist.

Um einen Überblick über das Werk dieses Ausnahme-Künstlers des 20. Jahrhunderts zu bekommen, sollte man diese, zumal in Deutschland, einmalige Gelegenheit nutzen. Giacomettis Werk ist groß und legitimiert Superlative. Und das drückt sich wahrhaftig nicht allein in der Versicherungssumme von rund 300 Millionen Euro für die Werke der Hamburger Kunsthalle aus oder in der Tatsache, dass zwei renommierte Hamburger Museen zeitgleich Giacomettis Werke zeigen.