Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Johannes Itten – Farbe ist das Leben, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart, bis 2. Februar 2013 und Itten/Klee – Kosmos Farbe, Kunstmuseum Bern, bis 1. April 2013

Farbe faszinierte beide. Johannes Itten widmete ihr Forschung und Lehre, Paul Klee all seine Bilder. Günter Baumann ist den Überlegungen der Künstler zu Farbeigenschaften und ihrer breit gefächerten Wirkungspalette nachgegangen.

»Farbe ist das Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint wie tot« (Itten) – »Die Farbe hat mich… Sie hat mich für immer, ich weiss das … ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler« (Klee).

Um 1914/15 beginnt sowohl für Paul Klee als auch für Johannes Itten die Karriere als Farbprophet – bei Klee in Tunis, bei Itten in Stuttgart: Das ist bezeichnend, denn Paul Klee brauchte wie Macke und Marc das Licht des Südens, Itten dagegen orientierte sich am theoretischen Ansatz seines Lehrers Adolf Hölzel. Mit unterschiedlichen Temperamenten ausgestattet, kamen beide später ans Bauhaus als Lehrer. Der bessere Theoretiker war sicher Johannes Itten, der mit seiner Farbkontrastlehre die Koordinaten sortierte und in einem zwölfteiligen Farbkreis entfaltete: Hell-Dunkel und Warm-Kalt dürfte geläufig gewesen sein, die anderen nicht minder, aber kaum so bewusst, wie sie sich hier formulierten: die Farbe an sich, darüber hinaus Merkmale der Quantität, Qualität, Komplementär-, Simultan- oder Sukzessivkontraste. Fortan lagen die Wege zur Kunst an objektivierbaren Wegmarken. Nie zuvor waren in der Kunst Theorie, Pädagogik und Praxis so dicht beieinander wie in den Hoch-Zeiten des Bauhauses, als Itten den sogenannten Vorkurs leitete.

Im Laufe der Zeit vergaß man über dem bedeutenden Lehrer und Theoretiker den Maler Johannes Itten – nicht zuletzt auch deshalb, weil der gebürtige Schweizer nach Streitigkeiten am Bauhaus eine alternative »Farbschule« gründete und durch die Wirren der Nazizeit zu einem unsteten Leben genötigt wurde, das erst in Zürich zur Ruhe kam. Dem widmet die Galerie Schlichtenmaier eine Ausstellung mit einer breit angelegten Auswahl an Arbeiten, von frühen, noch im Expressiven und sogar im Figurativen verankerten Tuschzeichnungen über das wichtige Werk seit den 1930er Jahren bis zu späten Bildern, die der Farbe oftmals ein Schwarz entgegensetzen, aber auch mit Landschaftsaquarellen neue Töne anschlagen. Die Galerieschau betont außerdem Ittens Interesse an fernöstlicher Philosophie, die er poetisch auf die europäische Moderne umzumünzen wusste. Zudem spricht aus den künstlerischen Positionen auch ein Gefühlsmensch, der Stimmungen als »sinnliche Schwingung« auf die Leinwand brachte. Nicht ohne Grund verband sich in seinem Werk Leben und Kunst zu einer Einheit.

Zusammen mit Paul Klee schickt das Kunstmuseum Bern Johannes Itten auf die Erkundung der Farbe. Dabei stützen sich die Ausstellungsmacher auf neue Erkenntnisse, da beiden Künstlern die selben kulturgeschichtlichen Quellen zur Verfügung standen. Während in Stuttgart der Maler Itten im Vordergrund steht, tritt er in Bern auch als der vertraute Theoretiker auf, zumal im Schulterschluss mit Paul Klee, der hier nun ausgiebig als Theoretiker vorgestellt wird. Die Beziehung der beiden Künstler ist erstaunlicherweise selten beleuchtet worden: Dass Itten seinen Landsmann ans Bauhaus holte, ist natürlich bekannt, aber dass Itten bei Klees Vater, einem Musiklehrer, das musisch-philosophische Rüstzeug auf den Weg bekam, ist schon eine nette Begebenheit, die nur das Leben schreibt. Die Wege der Künstler kreuzten sich in ihrem Leben mehrfach, was kaum je in einer Ausstellung Niederschlag gefunden hat.

Thema der Schau ist die Farbe, die als roter Faden die Verbindungen zu Esoterik, Aura und Harmonie, Abstraktion und Natur zieht. Sensationell ist die Erkenntnis über Ittens Beziehung zu esoterischen Quellen (»Einatmen, ausatmen«) und – weniger überraschend und ironisch gewendet – die von Klee (»Die Heilige vom innern Licht«). Dessen »Seiltänzer« spürt den Esoterikern (Itten) und den Rationalisten (Gropius) im Bauhaus nach. Andere Parallelen verfolgt die chronologisch durchinszenierte Schau von frühen Landschaftsstudien zur eigentlichen Entdeckung der Farbe und zur theoretischen Wende, die nahezu zwingend in die Abstraktion führte: ins Zentrum rücken Dynamik und Rationalisierung der Farben. In der Folge dringt wiederum das gegenständliche Motiv ins Bild, aber auch die Autonomisierung und die Elementarisierung der Farbe und der künstlerischen Mittel. Schlusspunkt der Ausstellung, im Inszenierungsraum als deren Herzstück konzipiert, ist der Kosmos Farbe, programmatisch verewigt in Ittens »Turm des Feuers« und in Klees »Ad parnassum«.

Weitere Informationen

Die Ausstellung »Itten-Klee. Kosmos Farbe« wandert im Anschluss nach Berlin, wo sie vom 25. April bis zum 29. Juli 2013 im Martin-Gropius-Bau besichtigt werden kann.