Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Katalog und Ausstellung »Nude Visions. 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie«, Kunsthalle Erfurt, bis 27. November 2011

Gegenüber den alltäglich stumpfsinnig entblößten Leibern in Werbespots, Magazinen und auf Plakaten wirkt ein Blick zurück, in eine Zeit, in der das Nacktsein noch etwas Provokantes und Geheimnisvolles hatte, umso erfrischender. Rowena Fuß hat die unterschiedliche Handhabung des unbekleideten Körpers während der vergangenen 150 Jahre studiert.

Anhand von 250 Bildern, verteilt auf sieben Kapitel mit jeweils einführenden Texten zeigt die Ausstellung in der Erfurter Kunsthalle den Wandel der Aktfotografie parallel zum Wandel unseres Blicks auf das Nackte. Station 1 präsentiert so genannte Körpergucker, Aktfotos, die um 1850 in der privaten Atmosphäre des Ateliers entstanden. Vermieden wurde jeglicher Anschein des Pornografischen — denn dies hätte die Zensur auf den Plan gerufen. Die Fotos dienten als Studienvorlagen. Gleich neben dem Eingangstext finden sich dementsprechend eine Vielzahl von Hand- und Beinstudien von Hermann Heid (oder Louis Gout), die in Paris zwischen 1878/80 aufgenommen wurden. Ebenso zu sehen sind Fotografien, die Sumoringer oder einen tätowierten Südseebewohner zeigen sowie Interieuraufnahmen aus einem Badehaus in Istanbul, welches mehrere Männer auf einem Beckenrand präsentiert.

In Station 2 wird »Kunstfotografie um 1900 – Der piktorialistische Akt« gezeigt. Ebendort zitiert Fritz Witzel in seiner Fotografie »Küssendes Paar« (ca. 1919) beispielsweise Rodins Skulptur »Der Kuss« (1888). Weiter geht es mit der Nacktheit als reformpädagogische Maßnahme in einigen Bildern von FKKlern, die von der »Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre« gefolgt wird. Hier wird der Erscheinung das Physische entzogen, zugunsten abstrakterer Formen. Die Entfremdung des menschlichen Körpers wird in Albert Mentzels und Albert Rouxs Buch »Formes nues« deutlich: Die abgebildeten Frauenkörper scheinen zu zerfließen und auf der linken Buchseite wird der Kopf des weiblichen Models sogar auseinander gezogen.

Auf der ersten Etage grüßt den Besucher nun Marilyn Monroe und die Station »Glamour«. Fotografien dieser Art zeigen und bilden die Konstruktionen des unbekleideten weiblichen Körpers im Wandel der Moden, des männlichen Begehrens — übrigens auch sonst ein zentraler Begriff — und im kulturhistorischen Kontext ab. Skurril wirkt hier der C-Print »Paradise, TV«von Enno Kapitza, welcher eine japanische Frau mit einem knappen Höschen, ansonsten unbekleidet, zeigt, die sich in einer Fernsehshow Frühlingsrollen in den Mund stopft.

Dass es nicht immer weibliche Protagonisten in der Aktfotografie sein müssen, beweist ein Foto von Arnold Schwarzenegger auf der zweiten Etage, die sich dem männlichen Akt widmet. Sehr sinnlich präsentiert sich auch ein Jüngling mit Blütenkranz in der Aufnahme von Guglielmo Plüschow.

Auf der dritten Etage begegnet der Besucher schließlich den künstlerischen Positionen nach 1945. Dabei zeichnen sich die Bilder der 50er/60er durch eine große Natürlichkeit und Klarheit aus, wohingegen die Aufnahmen aus den 70ern im Kontext von Body Art und Performance stehen. Der Körper wird hier zum politischen Statement genutzt. So beispielsweise in einer Aufnahme von Stefan Moses. Diese zeigt den unbekleideten Friedensreich Hundertwasser flankiert von zwei ebenfalls unbekleideten Frauen, wie er 1967 vor Journalisten seine „Große Architekturrede“ in der Galerie Hartmann München hält. In seinen Nacktreden kritisierte Hundertwasser die Versklavung des Menschen durch das sterile Rastersystem der Architektur und durch die Serienfabrikation einer mechanisierten Industrie. Er rief zum Boykott dieser Architektur auf, forderte schöpferische Baufreiheit und das Recht zur individuellen Bauveränderung. — Was hätte zur Untermalung dieser Forderungen besser gepasst, als sie nackt vorzutragen?

Zuletzt sind auf dem hinteren Teil des Raumtrenners eine Reihe farbiger Pornoaufnahmen von Timm Ulrichs zu sehen, die in den ansonsten hauptsächlich schwarz-weiß gehaltenen Fotografien der Ausstellung deutlich hervorstechen. Damit schließt sich der Kreis zu den „Körperguckern“ um 1850. — Kunst und Pornografie lagen eben schon immer sehr nah beieinander.

Alle Werke der Ausstellung sind auch im Katalog abgebildet, so dass man auch ohne Gedränge und Geschubse alles in Ruhe noch einmal ansehen kann. In einem sehr handlichen Format sind zudem mehrere konzise Essays zu den einzelnen Stationen bzw. Spielarten der Aktfotografie untergebracht. Sie decken von der Aktfotografie zwischen Ideal und Wirklichkeit im 19. Jahrhundert, über Aktfotografie zwischen Provokation und Pornografieverdacht, über die Rückkehr zu den Ursprüngen bzw. einem Naturismus, bis zu (Selbst)Darstellungen des Körpers als Bekenntnis und der Glamourfotografie ein reichhaltiges Spektrum ab. Werklisten und Kurzbiografien der Fotografen komplettieren schließlich diesen vielseitigen Überblick. Wer sich also umfassend über Aktfotografie informieren möchte, dem seien Ausstellung wie Katalog empfohlen!