Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Katalog und Ausstellung: Franziskus. Licht aus Assisi, Diözesanmuseum Paderborn, bis 6. Mai 2012

Das kunst- und kulturhistorisch angelegte Ausstellungsprojekt widmet sich einer der wirkmächtigsten und bis heute populärsten Heiligengestalten des Mittelalters: Franziskus von Assisi (1181/82–1226). Neben Werken der frühen italienischen Tafelmalerei und spätmittelalterlicher Freskenfolgen sind Glanzleistungen der Buchkunst ebenso zu sehen wie barocke Meisterwerke und Gerätschaften aus dem Alltag in den Ordensgemeinschaften nördlich der Alpen. Walter Kayser hat sich Katalog und Ausstellung für PKG vorgenommen.

Paderborn ist nicht eben der Nabel der Welt. Das war es auch nie, denn dafür hat nachdrücklich und anhaltend der Cherusker Arminius gesorgt, nationales Idol bornierter teutonischer Rückständigkeit.

Was jedoch die Präsentation kulturgeschichtlicher Höhepunkte des Mittelalters und seiner Kunst angeht, so hat sich das Paderborner Diözesanmuseum unter der Ägide seines Leiters Christoph Stiegemann in den letzten Jahrzehnten Mal um Mal einen Namen gemacht. Man erinnere sich an so spektakuläre Ausstellungen wie die über Karl d. Gr. »799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit« im Jahre 1999, an die Schau über »Byzanz- das Licht aus dem Osten « (2002) oder »Canossa – 1077 « im Jahre 2006. Jetzt also Franziskus.

Dieser Giovanni di Pietro di Bernardone, wie Franziskus eigentlich hieß, bedarf zu keiner Zeit einer Aktualisierung. Denn seine Geschichte ist 800 Jahre her, aber seine Botschaft ist zeitlos. Die Unmittelbarkeit des poverello, jenes schmächtigen Tuchhändlersohnes, ist für jede Generation ein Vorbild in seiner Mischung aus Demut und Dickköpfigkeit, Armut und Allverbundenheit, Öko und Ökumene. Seine provokative Aktion, mit der er sich 1206 auf dem Marktplatz entkleidet und die feinen Kleider seinem reichen Papa vor die Füße wirft, hat sich längst ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt. Ebenso die Vogelpredigt, der Albtraum des Innozenz von der einstürzenden Lateransbasilika, die Stigmatisierung, der Sitzstreik des Heiligen auf dem Dach von San Damiano, als die von ihm eingesetzte Ordensleitung sich zu zerfleischen begann.

Und als Franziskus am 16. Juli 1228, gerade einmal zwei Jahre nach seinem Tod, heilig gesprochen wurde, blickte man auf ein Leben zurück, das als Aneinanderreihung von „Happenings“ erscheinen konnte, wie man das vor nicht allzu langer Zeit gesagt hätte. Heute bemüht man gern die Anspielung an die Occupy-Aktionisten der Wallstreet, nicht ganz zu Unrecht, denn es bräuchte keinen Augenblick des Nachdenkens, um sich vorzustellen, wie sich Franziskus zu Broker-Luftnummern und Boni geäußert hätte. Die Zeitumstände waren den heutigen nicht ganz unähnlich: Bevölkerungswachstum, Verstädterung, sozial auseinander driftende Gesellschaftsschichten, Immobilienspekulation und internationale Finanztransaktionen sind auch Erscheinungen des 12. Jahrhunderts in Mittelitalien. Auch die Bruchlinien zwischen individueller Heilssehnsucht und religiösen Institutionen ist nach wie vor brennend, zwischen dem, was der ehemalige Eichstätter Mediävist Gert Melville in seinem Katalogbeitrag über die religiösen Bewegungen vor Franziskus die »Normsetzungen des Amtes und den Botschaften des Charismas« nennt.

Fortsetzung von Seite 1

Cimabue und Giotto, den illustresten Namen der Kunstgeschichte, sei Dank, dass die Aura und Körperlichkeit des „kleinen Franzosen“ mit dem großen Herzen so unmittelbar in eine Wirkmächtigkeit der Bilder überging wie wohl bei keinem anderen Heiligen des Mittelalters. Die Transformation von Leibhaftigkeit in die bildliche Inszenierung und Medialisierung ist ein ungewöhnlich markantes Phänomen dieser Hagiografie: »Im Vergleich zu den konkurrierenden Bettelorden der Dominikaner und Augustiner-Eremiten, die sich ebenfalls im 13. Jahrhundert etablierten und gleichermaßen innerhalb der Städte wirkten, haben die Franziskaner ohne Frage das am stärksten ausgeprägte Interesse für die spezifischen Möglichkeiten von Bildern entwickelt «, so Dieter Blume im Katalog.

Der Ausstellungstitel »Franziskus - Licht aus Assisi « greift eine Metapher auf, die schon in den ersten Viten zu finden ist, wo von dem „neuen Stern“ gesprochen wird. Dreißig Jahre nach der letzten großen Ausstellung über den Ordensgründer der „minderen Brüder“ (OFM) dürfte diese Schau wie auch der vorzügliche Katalog des Hirmer Verlages für die kommenden Jahrzehnte den Maßstab setzen. Da die Initiative zu dieser Ausstellung von der Fachstelle für Franziskanische Forschung in Münster ausging, ist es den Beteiligten keineswegs darum zu tun, die Wirkung des Franziskus sozusagen museal zu archivieren, sondern seine Strahlkraft über die Gegenwart hinaus sichtbar werden zu lassen. »Unser Kloster ist die ganze Welt« heißt deshalb folgerichtig der zweite Teil der Schau im Franziskanerkloster, mitten in der Fußgängerzone Paderborns.

Ein Geheimnis aller Paderborner Ausstellungserfolge liegt sicherlich in der ganz persönlichen Fähigkeit Christoph Stiegemanns, unterschiedlichste Vertreter und Koryphäen zusammenzubringen und so für „synergetische Effekte“ zu sorgen, wie das im heutigen Unternehmerdeutsch heißen würde. Der Paderborner Museumsdirektor holte mit seiner Sachkompetenz, Begeisterungsfähigkeit und diplomatischen Geschicklichkeit Ordensobere, universitäre Fachleute und diözesane Kräfte ins Boot. Die 350-jährige Wiederkehr einer von den Franziskanern initiierten Wallfahrt zum Gnadenbild der Maria in Werl mag ein Anstoß gewesen sein. Die unweit von Paderborn aus der Wiesenkirche in Soest überführte Gottesmutter stellt im Westfälischen einen Anziehungspunkt dar wie vergleichsweise das „Käppele“ über Würzburg in Franken oder Altötting in Niederbayern. Doch dieses regionale Ereignis von 1661, das im Zeitalter der gegenreformatorischen Konfessionalisierung Besondere, wird geschickt mit dem Weltgeschichtlichen verknüpft.

Wenn man den kulturgeschichtlichen Teil der Ausstellung in dem Museumsbau von Gottfried Böhm unmittelbar zu Füßen des gewaltigen Domturms betritt, ist man zunächst einmal von der sehr wirkungsvollen Inszenierung beeindruckt. Der im belgischen Brügge lebende amerikanische Schrift- und Konzeptkünstler Brody Neuenschwander, konnte von Museumsdirektor Stiegemann zum zweiten Mal gewonnen werden. Seine Installationen aus großen Schrifttüchern machen den Sinn der franziskanischen Texte auch in ihrer sinnlichen Schönheit erfahrbar. Der »Sonnengesang« des Heiligen dient beispielsweise als ein lichtdurchflutetes-luftiges Gebilde, das in senkrechten Bahnen alle Etagen des Baus und somit auch Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Dann wieder bilden die kalligrafischen Kunstwerke meditative Haltepunkte neben den Ausstellungsvitrinen, die immer auf den spirituellen Geist hinter den Buchstaben der vielen illuminierte Handschriften und Folianten verweisen.

Fortsetzung von Seite 2

Wie in einem Schneckenhaus schraubt sich der Besucher die 14 thematischen Stationen Halbetage um Halbetage hinauf und durchwandert die Zeiten der Wirkungsgeschichte des Ordens von den zentralen Gründungsfiguren Franziskus und Klara bis an die Schwelle der Gegenwart. Mehr als beachtlich sind die exquisiten Leihgaben, die gewonnen werden konnten. Herausragende Werke der italienischen Tafelmalerei, eine der ersten Darstellungen des hl. Franziskus etwa, gemalt von Margaritone d‘Arezzo aus dem 13. Jahrhundert, oder Fra Angelico, und, ganz oben, die Mystifikation und posthume Apotheose des kleinen Franzosen in der imitatio, den „Fußstapfen“ Jesu: barocke Meisterwerke von Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck oder Georges de la Tour, die allein den Besuch lohnen.

Der Einband des sorgfältig und schön gestalteten Kataloges zeigt den Heiligen in einer Art von mystischer Hochzeit, wie es für viele seiner Zeit typisch war. Franziskus wird auf dem Fresco im Vierungsgewölbe der Unterkirche von S. Francesco, das etwa 1320 entstanden sein dürfte, von Christus selbst mit der Frau Armut zusammengeführt. Das Buch ist viergeteilt: Maßgebliche Autoren widmen sich im ersten Abschnitt mit kleinen Essays der geschichtlichen Entstehungsbedingungen des ordo novus. Im zweiten Abschnitt verfolgt man die Ausstrahlung in den Bereichen Bildung, Kunst und Liturgie. Neben Santa Chiara, der Gefährtin aus Assisi, fühlten sich ja schon sehr bald bedeutende Personen („Heilige“ ist irreführend, da nicht alle aufgelisteten Personen heilig gesprochen wurden) wie Bernhardin von Siena, Johannes Duns Scotus, Wilhelm von Ockham, Roger Bacon, Päpste wie Julius II., Sixtus V. und Clemens XIV., oder auch der große Antonius von Padua, Berthold von Regensburg und Elisabeth von Thüringen als Gelehrte, Prediger oder „Tertiare“, also Mitglieder des weltlichen „Dritten Ordens“, ganz dem franziskanischen Geist verpflichtet. Immer wieder gab es Versuche, in aller Radikalität den Geist wiederzubeleben, den der „kleine Franzose“ mit dem übergroßen Herzen und dem aberwitzigen Freimut, die ganze Welt als Spiegel Gottes zu betrachten, verkörpert hatte.

Im dritten Abschnitt folgen dann Untersuchungen zum franziskanischen Wirken in der Neuzeit, bevor schließlich der wie das Ganze vorzüglich gestaltete Katalogteil mit seinen exakt 185 Nummern den Band beschließt.