Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Meisterklasse Neo Rauch, Kunstverein Wilhelmshöhe, Ettlingen, bis 2. Januar 2011 und Franziska Degendorfer, Städtische Galerie Karlsruhe, bis 9. Januar 2011

Wer glaubt aus der Klasse von Neo Rauch kommen Künstler, die ihren prominenten Lehrer nur kopieren, wird in der Ettlinger Ausstellung eines Besseren belehrt. Dass man nicht in Leipzig studiert haben muss, um gute Kunst zu machen zeigt die gebürtige Ulmerin Franziska Degendorfer. Günter Baumann hat sich mit großen Augen alles angeschaut.

Es reichte, dass Neo Rauch nur als Festtagsredner im Kunstverein von Ettlingen auftrat, um das Polizeiaufgebot vor den Museumstüren ansteigen zu lassen: Sieben Meister- und Gastschüler des hochbejubelten Leipziger Malers stellen über den Jahreswechsel im Badischen aus. Das hat man freilich nicht alle Tage, und es kommt noch besser: Wer dachte, aus der Rauch-Schule kämen ohnehin nur »kleine« Rauchs, wird erstaunt sein über die Vielfalt und Klasse der gezeigten Positionen.

Wie die jungen Protagonisten der Neuen Leipziger Schule, Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, den Weg nach Ettlingen gefunden haben, wird ein Geheimnis bleiben, hängt vielleicht mit der so bestechenden wie simplen Idee zusammen, jedes Jahr einer Kunsthochschule das Parkett (und die Wände dazu) zu überlassen - wie auch immer, die Schau selbst ist spektakulär genug, um ein Fähnlein für die ins Kunstgeschehen eintretende Generation zu schwenken. Die mit einer Ausnahme in den 1980er Jahren geborenen Künstler(innen), die Rauch nach seiner Verabschiedung aus dem offiziellen Lehrbetrieb sozusagen nebenher unter seine Fittiche genommen hat, sind Sebastian Burger, Stefan Guggisberg, Carolin Knoth, Mandy Kunze, David O’Kane, Kristina Schuldt und Robert Seidel.

Gemeinsam ist den Arbeiten der figurative Ansatz, der bevorzugt erzählerisch die Grenzen zum Surrealismus abtastet – soweit spielt freilich die Ideenwelt von Neo Rauch mit hinein. Doch spricht es für die Souveränität des Professors, dass er seine Schüler über sich hinauswachsen lässt: nicht dass sie ihn überflügelten, sondern dass sie ihren eigenen Weg suchen, indem sie sich an seinem Stil reiben. Das sieht man schon daran, dass manche Künstler gleich mehrere Pfade betreten: Kristina Schuldt etwa zeigt mal ein Menschenbild zwischen légerartiger Roboter und Schaufensterpuppe, mal gemalte, abstrakt-farbige Zauber-, Glücks- oder Überraschungskästen bzw. -würfel, wenn sie sich nicht in Röhrensysteme hineinziehen lässt. In allen formalen Sprachen weist sie eigene Akzente auf, so dass man gespannt sein darf, welche Bahn die in Moskau geborene Malerin letztlich einschlagen wird. Am eigenwilligsten und ganz unbe-raucht scheint Robert Seidel zu sein, der mit schwarzem Humor collagenhafte Raumszenarien entwirft oder die gesellschaftliche Seelenlage auf schneidigen, wenn auch sachlich-nüchternen Motorrädern transportiert. Faszinierend sind die geheimnisvollen Arbeiten von Mario Carolin Knoth, deren narrativen Strukturen tagespolitische und/oder abenteuerliche Züge tragen. Bei der Betitelung scheint das großformatige, ergreifend schöne Bild »Plankton« mit dem wohl kleinformatigeren, in der Ausstellung nicht zu sehenden »Dazwischen« verwechselt worden zu sein (auch der ansonsten gründlich gearbeitete Katalog schafft hier keine Abhilfe, was die Formate angeht). Von David O’Kane, mit seinem Geburtsjahr 1985 der jüngste Beiträger, wünscht man sich jetzt schon mehr – er ist ein starker, schon erstaunlich gefestigter Künstler, der technische Brillanz und fantastische Neugier miteinander vereint. Der Schweizer Stefan Guggisberg überrascht mit hochsensiblen Blei- und Buntstiftzeichnungen, die ihren Gegenstand bis zur Kenntlichkeit verwischen, während sein Kollege Sebastian Burger Nebel- und Wolkenschwaden aufziehen lässt, um den Gegenstand umso exponierter in Szene zu setzen. Gespenstisch ist die Dramaturgie von Mandy Kunze, die eine symbolfreudig-schaurige Bühne für den Bergmann oder den König Merlin schafft – leider ist sie in der Ettlinger Schau mit eher unauffälligen Arbeiten vertreten.

So grundverschieden diese Positionen sind, decken sie doch – wie sollte es in der Leipziger Schule à la Rauch anders sein – in erster Linie die Malerei ab. Dass man auch ganz andere Wege begehen kann, zeigt Franziska Degendorfer in einer Schau, die in der Städtischen Galerie in Karlsruhe zu sehen ist. Die gebürtige Ulmerin macht nicht nur deutlich, dass man nicht in Leipzig studiert haben muss, um trotzdem gute Kunst zu machen, sondern auch, dass auch die abstrakt-konkrete bzw. abstrahiert-gegenständliche Künstlerfärbung denselben Nerv treffen kann wie die diversen Realismen, die grade en vogue sind. Wären die meinungsbildenden Magazine nicht in Hamburg oder Berlin ansässig, sondern auch im Süden der Republik, stünde Degendorfer schnell öffentlichkeitswirksam in der Rubrik »Wer uns aufgefallen ist«. Immerhin wurde der 30-jährigen Künstlerin 2010 der Kunstpreis der Werner-Stober-Stiftung verliehen, der Anlass für die beachtliche Ausstellung in der Städtischen Galerie ist. 2009 bekam sie bereits einen Neu-Ulmer Kunstpreis und ein Stipendium zuerkannt.

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Franziska Degendorfer geht, was ihre thematische und formale Bandbreite angeht, weiter als beispielsweise Kristina Schuldt. Die zwei wichtigsten Werkgruppen unterscheiden sich nicht nur materiell: einmal dominieren die plastischen, ein anderes Mal die malerischen Elemente, sondern auch thematisch: wie Schuldt streift sie gegenständliche Motive genauso wie abstrakte Formen. Auch sie neigt zu surreal-narrativen Inhalten, geht damit aber noch freier um – hier mag es ein Bonus sein, dass kein dominierender Lehrmeister wie Neo Rauch im Raume steht, der – wie sehr er sich auch zurückhält – den Druck auf die sich entfaltende künstlerische Sprache der Schüler erhöht. Degendorfers junges Werk lässt Anklänge an Pia Fries und mehr noch an Leni Hoffmann erkennen, aber die individuelle Ausprägung ist klar erkennbar. Selbstbewusst kombiniert sie Zeitungspapier mit samtenem Stoff, näht flach gefüllte Kissen mit allerhand Stoffen, Kartons, Leinwand, färbt diese mit Pigmenten oder Tuschen ein, setzt gezielt Acrylfarbe hinzu, spielt darüber hinaus mit verschiedenen Wirklichkeitsebenen – mittels Videoprojektionen vermag die multimedial versierte Objektmalerin Illusionsräume aufzubauen, gegen die ›echte‹ Blätter wie künstliche Stoffe erscheinen. Außerdem geht sie über die Grenzen zur Abstraktion hinaus, indem sie in einer zweiten Werkgruppe geometrische Farbfelder schafft, die nicht nur eine vom Stoffüberzug herkommende Leuchtkraft aufweisen, sondern auch spielend in plastische Objekte übergehen, von denen sie wieder elegant einen Weg zur gegenständlichen Bildwelt findet: Keramikvasen bestückt sie mit ›künstlichen‹ Materialien wie mit ›natürlichen‹ Palmblättern. Neben den vernähten Bildteilen, faltet und klebt sie collagenhafte Wunderwelten, die sich letztlich im Ausstellungstitel »Mittendrin im Erdbeerbaum« ironisch brechen: Selten lagen Geometrie und Kitsch so unterhaltsam, aber auch so konstruktiv und schlüssig beieinander wie im Werk dieser Künstlerin. So finden sich in einer Arbeit die idyllisch verschneite Dolomitenwelt, ein lapidarer Zeitungsuntergrund und signethafte abstrakte Muster, die im autopersonalisierten weißen Kleeblattmotiv auf rotem Minikissen kulminieren.

Karlsruhe und das benachbarte Ettlingen bilden im deutschen Südwesten eine Art Kreativschmiede für junge Kunst. Was etwa im schwäbischen Stuttgart nur in einigen durchaus renommierten Galerien und in der wunderbaren »Frischzelle« des dortigen Kunstmuseums stattfindet, hat auf der badischen Seite über die Galerien hinaus auch so große und wichtige Anlaufstellen wie eben die Städtische Galerie in Karlsruhe oder den Kunstverein Ettlingen. Dazu kommt die rege Öffentlichkeitsarbeit der Karlsruher Akademie. So kommt es, dass so interessante künstlerische Positionen wie die der Rauch-Schule den weiten Weg von Leipzig nach Ettlingen schaffen, und dass so viel versprechende Künstlerinnen wie Franziska Degendorfer, die ja nicht nur in Karlsruhe, sondern auch in Stuttgart studierte, eine beachtliche Einzelausstellung in der Städtischen Galerie bekommen, so dass man nur hoffen kann, dass Degendorfers Strahlkraft auch bald über den badischen Raum hinauswirkt.