Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Rolf-Gunter Dienst – Geschriebene Malerei, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart, bis 1. Dezember 2012 und I’ll just keep on, Städtische Galerie Fruchthalle, Rastatt, bis 13. Januar 2013

Bereits mit zwanzig Jahren entwickelte Rolf-Gunter Dienst seinen eigenen künstlerischen Stil. Die Reihung von ganzseitig mit skriptiven Kürzeln geschriebenen Zeilen mit und ohne Farbe machte er sich zum Markenzeichen. Jetzt widmen ihm die Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier und die Städtische Galerie Fruchthall in Rastatt zu seinem 70. Geburtstag jeweils eine Ausstellung. Günter Bauman hat beide besucht.

Neben Peter Dreher, dem das Augustinermuseum in Freiburg zur Zeit eine große Schau zum 80. Geburtstag eingerichtet hat, ist Rolf-Gunter Dienst gegenwärtig der beeindruckendste Serien-Minimalist im Südwesten. Zu seinem 70. Geburtstag zeigen die Galerie Stuttgart und die Städtische Galerie Fruchthalle in Rastatt hochkarätige Ausstellungen. Ist Dreher ein Meister auf der Klaviatur der »hinhaltenden« Figuration, so steht Dienst im Lager der seriellen Abstraktion in einer herausragenden Position. Diese Vorrangstellung ist bei beiden darin begründet, dass sie in ihrem Genre keineswegs vergattert werden können: Drehers Dauerserie des ewig gleichen Glases wie auch seine kleineren Kelch-, Blumen- u.a. Serien sollen gerade die Bedeutung des Sujets negieren, während die »Momentetagebuch«-Arbeiten oder die Farbstreifenbilder von Dienst zum einen die Vielfalt in der Einheit demonstrieren und zudem eine Konkretion erfahren, die den Begriff der Abstraktion ad absurdum führen. Beiden gemein ist: Egal, was sie darstellen, es geht ihnen um die Malerei an sich und es geht um die brisante Frage, wo die Identität aufhört und die Differenz beginnt und vice versa. Man mag die Malerei im langen Arbeitsleben der zwei Künstler schon vielfach totgesagt haben, im Fall von Dreher und Dienst ist sie bis heute so frisch und mannigfaltig wie eh und je, und das in einer schlichten, aber zutiefst packenden Bildsprache.

Der 1942 in Kiel geborene Rolf-Gunter Dienst ist auch theoretisch und literarisch/sprachlich gut aufgestellt. Bereits in den 1960ern war er die Leitfigur der Literaturzeitschrift »Rhinozeros«, arbeitete später als Kunstkritiker für »Das Kunstwerk« und als F.A.Z.-Feuilletonist – manchem ist sein Name eher von dieser Warte aus geläufig. Um diesem eventuellen Manko entgegenzuwirken, kommen die zwei großen Ausstellungen in Stuttgart und Rastatt zwar spät, aber mit solcher Nachdrücklichkeit, dass kein Zweifel mehr bleibt: Dienst ist einer der großen Maler – und man mag hinzufügen: auch oder sogar insbesondere ein großer Zeichner – unserer Zeit. Etliche Lehraufträge und Gastdozenturen bzw. -professuren spiegeln dies wider, es verwundert allenfalls, dass er erst recht spät, 1992, einen Ruf als Professor nach Nürnberg erhielt. 2007 erhielt er den Großen Landespreis für Bildende Kunst Baden-Württemberg, gemeinsam mit Silvia Bächli.

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Sprache, Schrift und Literatur sind die auf den zweiten Blick auffallenden Konkretionen – die erste Wahrnehmung ist die einer gewagten Farbigkeit, die sich über alle Harmonien hinwegsetzt und doch in der Gewichtung der Farbfelder sowie in der Psychologie ihrer chromatischen Wirkung absolut fesselt, den Betrachter in seinen Bann schlägt. Das mag auch die Voraussetzung sein, auf das jeweilige Bild zuzugehen, um die innere Struktur und insbesondere die skripturalen Inschriften zu erkennen, in denen sich Rolf-Gunter Dienst als akkurater, minutiöser Handwerker erweist. Der informellen Anlage legt der Maler ein Pop-Art-buntes Gewand über und schiebt einen konzeptionellen Subtext unter. In Rastatt prangt das monumentale Bild »Les Voyelles«, das von einem Sonett Arthur Rimbauds inspiriert ist; die Galerie Schlichtenmaier präsentiert Arbeiten, die etwa dem Beatnik William S. Burroughs gewidmet sind. Die Inhalte sind nicht entscheidend, aber die sich personifizierende Spur hebt das Werk über bloß abstrakte Befindlichkeiten deutlich hinaus. Allein der vermeintliche Buchstabe bzw. die Schriftspur oder auch nur die chiffrierten Kürzel von Schrift als untergehobenes System lässt die Farbe vibrieren, noch bevor man die Malerei als geschrieben wahrnimmt. Der Stuttgarter Ausstellungstitel gibt diesem Phänomen die Richtung, während das Motto in Rastatt auf den seriellen Charakter abzielt, wo ohnehin das zeichnerische Werk deutlicher hervorgehoben ist als in Stuttgart, wo immerhin eine Handvoll der grandiosen Filigran-Zeichnungen zu sehen sind. Malerei wie Zeichnung wird bei Rolf-Gunter Dienst zu einer exerzitienhaften Prozedur, die wahnsinnig viel Zeit kosten muss – Zeit, die im fertigen Bild stillzustehen scheint. Die feinsinnige Koinzidenz wurde längst erkannt und die vierte Dimension in der Rezeption nicht als Zeit, sondern als Stille benannt. In den aktuellen Ausstellungen wird dies einmal mehr deutlich.

Ein anderes, was – wenn man so will: bei einem dritten Blick auf das Oeuvre – als inhaltliche Konkretion zum Vorschein kommt, bleibt mehr im Bereich der Ahnung verhaftet, als dass sie wirklich deutungsrelevant würde. Gottfried Böhm beschrieb es als »Idee des konkreten Bildes«, verknüpft »mit dem Prozess der bildlichen Erinnerung«. Klang und Poesie schwingen mit, dazu kommen Assoziationen wie die in der Studie für die Bildreihe »Pfefferkornvogel«: Man muss wissen, dass der Künstler hier Erinnerungsfetzen von einer Fahrt durch eine bewaldete Gegend verarbeitet, bei der immer wieder das Licht durch das grüne Laub blitzte. Mit nahezu traumwandlerischer Detailtreue bleibt ein Teppich aus Farbe und Licht übrig, in dem man wonnig versinken könnte. Ob Schriftkürzel oder Erinnerungsmuster, Rolf-Gunter Dienst entwickelte daraus eine ureigene Bildsprache, die ihresgleichen sucht. Vegetatives dominiert im früheren Werk auf andere Weise das Bild – amöbenhaft-ornamental oder geometrisch füllen hier noch große Formen an der Schwelle zwischen Makro- und Mikrokosmos die Leinwand, die sich immer weiter in kleinteilig-kalligraphischen Musterbögen auflösen. Die Farbigkeit entlehnte Dienst der Pop Art, wodurch seine Malerei als abstrakter Sonderweg dieser Bewegung angesehen werden kann. Dass ihm Farbe zum Ereignis gerät, ist Absicht, wenn auch nicht Selbstzweck, denn die Zeichnungen zeigen, dass dieser Zauberer einer einzigartigen Farbwelt allein mit dem Stift einen kaum weniger spannenden Kosmos erschaffen kann.