Buchrezensionen, Rezensionen

Besprechung im Doppelpack: Stefan Borchardt / Bernhard Rüth (Hg.): Der obere Neckar. Bilder einer Landschaft, Belser Verlag 2011 und Stefan Borchardt (Hg.): Nützliche Natur. Die Landwirtschaft im Blick der Kunst, Beuroner Kunstverlag 2011

Die Ausstellung geht zu Ende, das freudige Lesen beginnt. Jüngst sind zwei Bildbände zu der Ausstellung »Der obere Neckar. Bilder einer Landschaft« im Kunstmuseum Hohenkarpfen erschienen. Günter Baumann hat sich diese für Sie angesehen.

Seit einem Vierteljahrhundert betreibt die Kunststiftung Hohenkarpfen e.V. – d. i. der Kunstverein Schwarzwald-Baar-Heuberg – das Kunstmuseum Hohenkarpfen: 1986 wurde es in einem historischen, denkmalgeschützten Meierhof gegründet. Es muss ein Liebhaberstandort sein, denn man muss es suchen – ziemlich abgelegen liegt es in Hausen ob Verona im südwestdeutschen Kreis Tuttlingen. Aber die Fahrt dorthin lohnt allemal: Wo sonst ist die regionale Kunst so dicht und vielfältig in wechselnden Ausstellungen vertreten wie hier?

Freilich haben etliche städtische Galerien in diesem engmaschigen Kulturraum ein Auge auf die geografischen, aber auch inhaltlichen Schnittstellen der Kunstlandschaft, die man oftmals übersieht, wenn es um große Stile und Meister geht. Aber hier ist die Region Programm. So zeigt das Haus etwa Kunst aus dem selbsternannten „Zwischen-Raum“, umschrieben mit der geopolitisch unscharfen Behelfskonstruktion »Oberer Neckarraum«, der für gewöhnlich im Schatten entweder des Schwarzwalds oder der Schwäbischen Alb liegt. In Kooperation mit dem Landkreis Rottweil, insbesondere mit dem Kultur- und Museumszentrum Schlos Glatt, zeigte und zeigt das Museum in Hohenkarpfen »Bilder einer Landschaft«. Die gleichnamige Schau, die zum 25. Geburtstag des Hauses ausgerichtet worden ist, stellt die jüngste Inszenierung des Programms dar (sie ging in diesem Fall übrigens als Parallelausstellung über die eigenen Räumlichkeiten hinaus: Partnermuseum war das Schloss Glatt).

Die Ausstellungsmacher unter der bewährten Federführung von Stefan Borchardt nehmen sich unermüdlich des selbstgewählten Themenspektrums an und scheuen auch nicht ideologisch-historisch heikle Themenfelder – man denke nur an die vergangene Sommerausstellung »Nützliche Natur. Die Landwirtschaft im Blick der Kunst«: Manche erdschwere Malerei aus den 1930er und 1940er Jahren grenzt gewollt oder ungewollt an die Blut- und Bodenkunst der Nazis (etwa Hans Dieter, der allerdings auch in der Weimarer wie der Bundesrepublik Verehrer hatte); zugleich erinnert das Thema auch an postexpressive Tendenzen eines Karl Caspar oder Otto Dix, bis hin zu dem zeitgenössischen Maler Ralph Fleck. Kurz und gut: Die Museumslandschaft wäre ärmer ohne das rührige Team um Borchardt, das uns den Kunst-Himmel zwischen den bekannteren Regionen schmackhaft macht. So entstehen immer wieder wunderbare Begegnungen im geistigen Niemandsland.

Die Bilanz lässt sich sehen. Das Museum, das im Jahr zwei bis (seltener) drei Ausstellungen zur regionalen Kunst – vorwiegend im 19. und 20. Jahrhundert und hier speziell zur Landschaftsmalerei – auf den Weg bringt, verzeichnet jährlich bis zu 10000 Besucher. Für Stabilität sorgen sicher auch die von der Kunststiftung organisierten kulturellen Veranstaltungen vor Ort und in den umliegenden Kreisen. Einen wesentlichen Anteil am Renommee der nahe an der Liebhaberei gepflegten Ausstellungen haben die hervorragend bebilderten und solide gestalteten Kataloge, die manche Kunstvereine vor Neid erblassen lassen. Meist erscheinen die Titel in einer Reihe des Beuroner Kunstverlag, wie etwa auch der Band zur »Nützlichen Natur«. Das darauf folgende Buch über die Kunst am Oberen Neckar erschien im Belser Verlag, wodurch es ein wenig zum Jubiläumsband geadelt wird. Erfreulicherweise fügt sich dieser Titel in Format und Machart den Beuroner Bänden an – die Linie bleibt somit erkennbar, am Ende verweist sogar eine Seite auf die eigenen Publikationen der Kunststiftung.

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Der Rhein, die Donau sind zur Genüge besungen worden, der Neckar zwar nicht minder (Hölderlin lässt grüßen), doch scheint er sein Licht unter den Scheffel zu stellen bzw. stellen zu lassen: Als Strom will er einfach nicht fungieren. Die Kunststiftung hat es sich auf die Fahnen geschrieben, den ganzen Kulturraum bekannt zu machen, dem der Schwabenfluss als Namenspatron dient: den Oberen Neckar. Die Bilder einer Landschaft liefern in der dem Katalog zugrunde liegenden Doppelausstellung Künstler von Matthäus Merian d. Ä., dessen topographischen Arbeiten im 17. Jahrhundert ihresgleichen suchten, bis hin zu aktuellen Arbeiten des Jahres 2011: Albrecht A. Bopps Kunstharzlack-Serie »Neckartal« reicht bis in dieses Jahr; Albrecht Fendrich verfremdet eine Straßenansicht von Sulz am Neckar; Rémy Trevisan entwirft eine in Mischtechnik gearbeitete Hommage an Grieshabers Neckar; ein ganz eigenes Bild vom Neckar haben Sigrid Vogt-Ladner mit ihren grandiosen Arbeiten auf Sackleinen, die an Kiefer geschult scheinen, sowie Christa Schmid mit einer etwa sieben Meter langen Multiplexarbeit, die schlicht »Fluss« heißt; mit »Alles ist im Fluss« kombiniert Jürgen Knubben Wasserproben mit einer Maxime der vorsokratischen Philosophie; noch vom selben Jahr 2011 sind die Werke Josef Büchelers, Gerd Hartmanns und Angela M. Flaigs.

Der Bildband, der rund 100 Bilder zeigt, hat der zweigeteilten Schau nicht nur seinen dokumentarischen Wert voraus, sondern auch die Vereinigung aller Exponate. So sind zwischen den zeitlichen Eckdaten, die immerhin fünf Jahrhunderte umfassen, Klassiker abgebildet wie Theodor Ortlieb mit beachtlichen, nahezu modern wirkenden Tuschezeichnungen aus dem frühen 19. Jahrhundert, der Meister der Radierung, Felix Hollenberg, mit Beispielen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, expressive Positionen von Maria Caspar-Filser oder neusachliche Straßenbilder von Reinhold Nägele oder Rudolf Schlichter. Eine Instanz ist der ruppige Holzschneider HAP Grieshaber, dessen Ruf weit über die Region hinausgeht, und mit Norbert Stockhus ist ein renommierter Maler vertreten, der die Vedute akribisch in der phantastischen Illusionskunst erneuert. Nicht zuletzt gelingt es der Kunststiftung immer wieder, begnadeten, aber leider halbvergessenen Malern und Grafikern wie Paul Kälberer ein Forum zu bieten.

Kälberer ist außerdem im Band »Nützliche Natur« vertreten, der auch sonst Arbeiten von Künstlern zeigt, die zugleich die »Bilder einer Landschaft« prägen wie Grieshaber, Schlichter oder Caspar-Filser. Darüber hinaus präsentiert der Katalog Werke der lokalen Meister Anton Braith und Christian Mali, die man sich geschwisterlich nebeneinander denken muss, und VIPs wie Otto Dix. Wie Kälberer gehört hier auch Jakob Bräckle zu den Hausgöttern des Museums: Er entwickelte sich vom bodenständigen Realisten zum abstrakten Landschaftsmaler – ihm widmet das Museum Hohenkarpfen 2012 eine große Einzelausstellung. Mit seinen Ausstellungen und nachdrücklich auch mit seinen maßstabsetzenden Katalogen vermittelt der abgelegene Kunstverein immer wieder aufs Neue eine südwestdeutsche terra incognita, der man sich angesichts der künstlerischen Qualität und der verborgenen Schönheiten nicht verschließen kann. Die Begleittexte sind fundiert, richten sich aber bewusst an ein breites Publikum; so sind die Bände beides, Bilder- und informative Lesebücher.

Weitere Informationen

Der Titel »Nützliche Natur. Die Landwirtschaft im Blick der Kunst« ist entweder über den Buchhandel oder über das Museum zu beziehen.