Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Wolfgang Neumann – »Viva Navi Naiv« und Kurtfritz Handel – »Spuren im Raum«, Museum im Kleihues-Bau, Kornwestheim, bis 30. Oktober (Neumann) bzw. 6. November 2011 (Handel)

Das Kleihues-Museum im unscheinbaren Kornwestheim wartet mit einer imposanten Doppelausstellung auf. Im Fokus steht die Gegenwartskunst von Wolfgang Neumann und Kurtfritz Handel. Hier trifft eine Satirenmalerei, die sich in sozialkritischer Auseinandersetzung der gegenwärtigen Popularkultur annimmt, auf eine Kunst-Virtuosität der Bildhauerei. Günter Baumann war vor Ort.

An der Peripherie einer Landeshauptstadt haben es die Museen nicht allzu leicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nun ist zwar Stuttgart nicht München oder Berlin, aber auch hier wissen die Vororte ein Klagelied vom Schattendasein zu singen. Auch Kornwestheim hatte über Jahre hinweg darunter zu leiden. Mittlerweile stehen die Zeichen jedoch auf Grün: Das zentrale Museum wurde von Josef Paul Kleihues erbaut und kann sich immerhin als eine der besten Museumsarchitekturen vor dem Ausbruch des Baubooms in dieser Sparte in Deutschland rühmen.

Nun trommelt es mit doppelter Kraft: Mit der Ausstellung »Spuren im Raum«, die einen Querschnitt des renommierten Bronzeplastikers Kurtfritz Handel zeigt, konnte das renovierte Obergeschoss des Museums eingeweiht werden. Im Erdgeschoss waren da schon die grellbunten Satiregemälde des jungen Künstlers Wolfgang Neumann zu bewundern. Doch nicht nur diese beiden Werkpräsentationen stehen für einen Aufbruch: um das Museum herum nimmt mit dem entstehenden Kulturzentrum ein Kulturkarree Gestalt an, das Stuttgart Paroli bieten kann. Auch wenn der denkmalgeschützte Stuttgarter Bahnhof von Paul Bonatz vollends ruiniert ist, kann man im Zuge des Neubauprojekts in Kornwestheim innerhalb des Kulturareals wenigstens noch auf ein intaktes, wenn auch etwas wuchtig geratenes Rathaus von Bonatz verweisen. Zu verdanken ist diese erfreuliche kommunale Hinwendung zur Kultur dem Zusammenspiel der Museumschefin und der Oberbürgermeisterin – ein Schelm, wer denkt, Kultur wäre vorwiegend Frauensache.

Teilweise ist das noch eine Melodie von morgen, aber mit einigem Schwung machen schon die beiden Künstler im Kleihues-Bau von sich reden. Wolfgang Neumann packt knallharte Sozialkritik in einen skurrilen Comic-Style, der das Lachen des Betrachters auch mal gefrieren lässt. Mit ironischen Wortschöpfungen sind schon die Titel der Arbeiten ein Genuss: Sie bieten »Sürpressionen« zuhauf, entlarven die Zeit als »Mittelbemindert« oder zeigen bevorzugt die Kehrseiten medialer Lügen – ein Energy-drink wird da schnell mal zum »Energy Drunk«, mit einem Gierhals, der den Kopf nicht in den Sand, aber in ein monumentales Chemiefass steckt.

Die Inhalte stehen den Titeln in nichts nach. Rotkäppchen wird zum gejagten Objekt der Begierde (»Run Rotkappe Run«, »Rotkäppi im Splatterwald«), Barack Obama erscheint in Gesellschaft mit Goebbels und Mickey Mouse – statt Märchen gibt es Alpträume zu besichtigen. Kein Wunder, dass das Navi-Gerät, das der fulminanten Werkschau den Titel gegeben hat, zur Horrorfahrt einlädt. Dabei geht es dem Maler keineswegs um bloßen Fun. Die Satire ist eher das Heilmittel gegen all die realen Gruseleien des Alltags und die versteckt melancholisch-zynische Erkenntnis, dass die Welt nicht nur aus den Fugen geraten ist, sondern ganz und gar unverständlich geworden ist. Grandios behauptet sich da ein »Sneaker« (das heißt: ein geheimer Informant) gegen diesen ganz banalen Wahnsinn: ein Maler, der gegen die scheinbar realistische Umgebung seine Klecksografien auf eine riesige Leinwand zaubert. Es ist eine brillante Hommage an Jackson Pollock – ein Werk, mit dem sich Wolfgang Neumann als einer der gewitztesten und innovativsten Künstler unter den jungen Figurativen empfiehlt.

Berühmtheit hat der Bildhauer Kurtfritz Handel längst erlangt, wenn auch quasi anonym und zu Unrecht in erster Linie für eine Tierplastik, die man im phantasmagorischen Panoptikum von Wolfgang Neumann vermuten könnte (der sich vielleicht in Kornwestheim noch dazu anregen lässt): Unter den lizenzrechtlichen Argusaugen des Medienunternehmers Burda steht ein »Bambi« unter Glasverschluss – fotografieren untersagt und selbstredend unverkäuflich. Diese wahrscheinlich bekannteste Tierplastik wurde vor Jahren von Handel in ihre jetzige Gestalt gebracht. Freilich bremsten diverse Auflagen den künstlerischen Schaffensdrang des Bildhauers, weshalb man sich in der Ausstellung auch bald von der goldglänzenden Show-Figur lösen und die bevorzugt in Bronze gegossenen Plastiken ins Visier nehmen sollte.

Kurtfritz Handel gehört zu den technisch versiertesten Plastikern, der die ganze Bandbreite beherrscht, vom Porträt über das Stillleben bis hin zu einem Genre, das kaum ein Bildhauer vor ihm so überzeugend und eindringlich bewältigt hat: die Landschaftsdarstellung. In einer überwältigenden Inszenierung werden seine »Wehrtüren« gezeigt – ein sehr beeindruckendes Beispiel moderner Portalplastik.

Überall fällt die hohe Kunst des Weglassens auf: ob er die Brille eines Porträtierten nur andeutet oder man bei einer Büste über eine feinnervig gestaltete Hand ganz übersieht, dass der Arm dazu fehlt, ob die wie eine Skizze dahingeworfene, durchbrochene Gussform vom Schnee teilweise verdeckte Ackerfurchen ergibt, die sich zur Landschaft ausweiten oder eine Viehherde sich einen Hügel hinab bewegt. Immer gestaltet Handel sein Sujet mit einer so sensiblen wie souveränen Leichtigkeit und einer Liebe zum Material, dass es ein Genuss ist, in diesem Werk zu schwelgen.