Ausstellungsbesprechungen

Besprechung im Doppelpack: Xiaosong - Unkontrollierte Ameisen und Im Zeichen des Drachen - Impressionen aus dem alten China , Kunsthalle St. Annen, Lübeck, bis 2. September 2012

Es ist das Schleswig-Holstein-Festival, das im Sommer zwischen den Meeren nicht allein in der Musik das Thema vorgibt. Es findet in diesem Jahr im »Zeichen des Drachen« statt und inspiriert mit seinem Motto zahlreiche Ausstellungen über China. Stefan Diebitz hat sich eine interessante Doppelausstellung mit aktuellen Arbeiten des Malers Wang Xiaosong und traditionellem Kunstgewerbe aus dem alten China angeschaut.

Wer an das alte China denkt, der stellt sich lächelnd verbeugende Männer mit dünnen, lang in den Rücken fallenden Zöpfen vor. Mit dem Ende des Mandschu-Reiches 1911, als die Zöpfe radikal abgeschnitten wurden, wurde diese Haartracht strikt verboten, und so war ich nicht wenig erstaunt, sie bei einem Künstler des 21. Jahrhunderts zu sehen: Wang Xiaosong trägt Zopf, und einen richtig langen dazu. Es muss ein Zeichen seiner tiefen Verbundenheit mit dem alten China sein, vielleicht aber auch ein politischer Protest. Wang Xiaosong gilt als ein politischer Künstler, der zuletzt die Biennale nutzte, um zusammen mit einigen chinesischen Kollegen außerhalb der offiziellen Ausstellung seine systemkritische Arbeit »Making Life« vorzustellen.

Es sind insgesamt 192, zu einem Teil monochrome Bildtafeln, die speziell für diese Ausstellung gemalt wurden. Aber nicht auf Leinen, sondern wegen des Gewichts der Farbe auf Epoxydharzplatten, welche diese Masse besser tragen können. Xiaosong arbeitet nämlich mit einem enormen Farbauftrag. Gelegentlich grundiert der Künstler mit zehn Schichten, und erst dann trägt er auf – bis zu fünfzig Kilo Farbe stecken so in den einzelnen Arbeiten. In die obere Schicht kratzt er mit dem Stiel des Pinsels ein sieb- oder netzartiges Muster, so dass viele Bilder zweifarbig sind, etwa grün und rot.

In Anlehnung an den in Argentinien geborenen Avantgardisten Lucio Fontana (1899–1968) arbeitet er auch gern mit Perforationen seiner meist einige Zentimeter dicken, also fast dreidimensionalen Arbeiten. In mehreren Bildern kann man in den Löchern ziemlich realistisch dargestellte Mehlwürmer entdecken, und in einem, das an das berühmte Bild Gustave Courbets erinnern soll, findet sich genau in der Mitte ein senkrechter Schlitz. Von allein wäre ich allerdings nicht auf die Idee gekommen, dass sich hier eine Anspielung an den »Ursprung der Welt« verbirgt.

»Unkontrollierte Ameisen« — der Titel der größten ausgestellten Arbeit spricht deutlich aus, was Wang Xiasong besonders beschäftigt: es ist das Erlebnis der Masse. Schon traditionell wird der chinesische Arbeiter als die niemals ruhende Ameise dargestellt, und im China unter Mao gab es dazu sicherlich noch mehr Grund als zuvor. Aber nicht allein Ameisen oder Mehlwürmer, sondern auch angedeutete Menschenleiber oder erfundene Schriftzeichen — Xiasong hat noch die traditionelle Kalligrafie erlernt — stellen in diesen Arbeiten Masse dar.

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»Unkontrollierte Ameisen« ist die mit Abstand größte Arbeit der Ausstellung, dreifarbig zusammengesetzt aus insgesamt 48 jeweils monochromen Bildtafeln, die vom deutschen Durchschnittsbesucher spontan mit der Deutschlandfahne assoziiert werden. Aber das ist falsch, denn wie ein näheres Hinsehen lehrt, ist die linke Seite nicht etwa schwarz, sondern dunkelblau, und die rechte nicht golden, sondern gelb. Gelb ist in China die Farbe des Kaisers, rot (die Mitte) erinnert den Künstler an die kommunistische Partei, dunkelblau ist mit Einsamkeit konnotiert. Diese Arbeit ist so groß, dass sie in einem der größten Räume die gesamte Stirnwand einnahm — für eine Einzimmerwohnung eignet sie sich also nur bedingt. Aber die Preise dieses Künstlers richten sich auch eher an Eigenheimbesitzer, denn Wang Xiasong hat eine Menge Erfolg.

Eine andere wichtige Arbeit, »Neugeboren 2«, zeigt an der Stirnwand des Apsis genannten Waschbetonraums ein Kreuz, aber es soll kein christliches Kreuz sein, das sich nach links versetzt auf dem wiederum sehr großen Bild befindet. Etwas verwirrend, denn dieser Teil des sonst in einem alten Kloster untergebrachten Museums, der der Moderne vorbehalten ist, befindet sich an der ursprünglichen Stelle der Kirche, so dass die Assoziation an das christliche Kreuz eigentlich unvermeidlich ist.

Parallel zu den Bildern Wang Xiasongs präsentiert das Museum insgesamt 60 Stücke aus dem reichen Fundus des Lübecker Völkerkundemuseums, einige davon mehrere Jahrhunderte alt. Dieser Teil der Ausstellung steht nun wirklich und mit vollem Recht »Im Zeichen des Drachen«, denn hier begegnet uns der Drache – in China eine durch und durch positiv und dazu männlich besetzte Gestalt – auf jedem Stück: auf alten Gewändern, auf Vasen, Münzen oder anderen Gebrauchsgegenständen. Mir persönlich gefiel die Kleidung am besten, auch wenn die vielfältige symbolische Bedeutung der Stickereien einem Westeuropäer überhaupt nicht aufgeht.