Buchrezensionen

Bettina Dunker: Zeitgenössische Kunst im Zentrum der Demokratie. Die Funktion der Kunst für die Repräsentation des Bundestages, VDG Weimar 2013

In der jüngst im VDG erschienen Publikation zeichnet Bettina Dunker anhand des Kunstkonzepts im Reichstagsgebäude das vielschichtige Verhältnis der bundesrepublikanischen Demokratie zur Kunst nach. Damit leistet sie einen bedeutenden und nicht minder spannend zu lesenden Forschungsbeitrag, wie Verena Paul urteilt, die das perspektivschärfende Bändchen gelesen hat.

Mit »Zeitgenössische Kunst im Zentrum der Demokratie« legt Bettina Dunker – und das darf an dieser Stelle vorweggenommen werden – eine sprachlich hervorragende, profund recherchierte Untersuchung vor, die die Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesseln wird. Doch wie ist der Autorin dieser wunderbare Wurf gelungen? Zunächst entwickelt sie ein tragfähiges Fundament aus klugen Vorüberlegungen und sinnvollen Abwägungen zum Themenkomplex, sodass in den nachfolgenden Kapiteln das Kunstprogramm des Reichstagsgebäudes in einer klaren Argumentationslinie dargelegt, analysiert und bewertet werden kann.

Im einführenden Kapitel beleuchtet die Autorin das Verhältnis von Kunst und Demokratie und eruiert das pluralistische Prinzip als deren wichtigste Verbindung. Schließlich werde, wie sie erklärt, »[j]ede künstlerische Äußerung […] von der Demokratie akzeptiert und jedes Kunstwerk [sei] Teil der demokratischen Repräsentation.« Doch bei aller Akzeptanz durch die Demokratie hat Kunst im vorliegenden Fall den Bundestag zugleich nach außen zu repräsentieren, weshalb Bettina Dunker nachfolgend die Position der Bundesrepublik »im Spannungsverhältnis von staatlicher Neutralität und Kulturförderung« untersucht.

Anschließend skizziert die Autorin die Entwicklung vom Bonner Provisorium, das durch ästhetische Zurückhaltung geprägt war, hin zur Berliner Repräsentation mit dessen neuen Anforderungen. Obwohl in den Berliner Parlamentsbauten architektonische Offenheit, Transparenz und Bürgernähe als wichtige Prinzipien der repräsentativen Architektur bestehen bleiben, verabschiedete man sich von der asketischen Ästhetik des Bonner Bundeshauses. Dabei versäumt Bettina Dunker nicht, auf das problematische Zusammenspiel von Kunst und Architektur im Berliner Reichstagsgebäude hinzuweisen, das primär aus den »architektonischen Vorgaben« resultiert und im Ergebnis die Kunstwerke einschränkt.

Nach der Darlegung dieser problembehafteten Gemengelage, wird das Augenmerk im dritten Kapitel auf die politische Funktion der Kunst gerichtet. Hierzu werden die Erwartungen der Parlamentarier an die Kunst dargelegt beziehungsweise nach dem Stellenwert gefragt, den der Bundestag der Kunst beimisst. Während den politischen Akteuren »die Kunst der geistigen Anregung, der Reflexion, der Rückbesinnung auf die Geschichte, der Kommunikation, der Provokation, der Kritik, der Initiierung von gesellschaftlichen Veränderungen« dient, dokumentieren »ausführliche Internetauftritte, spezielle Kunst-Führungen und Publikationen«, welch essenziellen Stellenwert die Kunst für die Selbstdarstellung des Bundestages besitzt.

Fortsetzung von Seite 1

In den beiden nachfolgenden Kapiteln, die das Herzstück des Buches bilden und die ich mit Begeisterung gelesen habe, stehen neben dem Kunstkonzept die Auswahl der Künstler sowie die bewusste Entscheidung für zeitgenössische Kunst zur Diskussion. Mit ihren pointierten Analysen von Gerhard Richters Arbeit »Schwarz Rot Gold«, Sigmar Polkes fünfteiliger Serie »Vor-Ort-Sein«, Günther Ueckers Ausgestaltung des Andachtsraums sowie Hans Haackes Installation »DER BEVÖLKERUNG« exemplifiziert Bettina Dunker das Kunstkonzept. Richters und Polkes Installationen verdeutlichen zum Beispiel »eine generelle Tendenz der Kunst im Reichstagsgebäude«, enge Bezüge zum Bundestag zu vermeiden. Demgegenüber sei der Andachtsraum Ueckers als politische Botschaft zu verstehen, weil die mit ihm zum Ausdruck gebrachte Überkonfessionalität den Bundestag »als tolerante, weltoffene Institution« zu erkennen gebe. Eine intensivere Beschäftigung erfolgt mit Haackes Werk, dem die Autorin – und zwar zu Recht – eine Sonderposition zuweist. Diese resultiert nicht nur aus der kritischen Bezugnahme auf das Reichstagsgebäude, sondern auch aus der im Bundestag entbrannten Debatte – mit dem Ergebnis, dass der anfängliche Widerstand der Parlamentarier gegen das Werk am Ende in einer Zustimmung kulminierte. Dabei erscheint die demokratisch gefällte Entscheidung nun als »Zeichen besonderer Toleranz und Offenheit für Kunst«.

Im finalen Teil nimmt Bettine Dunker dann die Bewertung des Kunstkonzeptes vor. Obwohl sie einige Schwachpunkte aufspürt, wie etwa die architektonische Dominanz des Reichstagsgebäudes gegenüber den Kunstwerken, fällt ihr Urteil letztendlich aber positiv aus. Schließlich möchte sie das Kunstkonzept »als erfolgreiches Element der Repräsentation des Reichstages« verstanden wissen.

Fazit: Mit »Zeitgenössische Kunst im Zentrum der Demokratie« von Bettina Dunker legt der VDG eine überzeugende und spannend zu lesende Publikation vor. Wie intensiv sich die Autorin mit dem Kunstkonzept im Reichstagsgebäude auseinandergesetzt hat, dokumentiert unter anderem ihr mit Nachdruck hervorgebrachtes Plädoyer für eine Erweiterung des Kunstprogramms: »Denn nur, wenn eine Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungen stattfindet, kann die Kunst weiterhin einen entscheidenden Platz für die Repräsentation der Demokratie im Bundestag einnehmen.« Ein lehrreiches, diskussionsanregendes Buch, das ich mit großer Neugierde aufgesogen und genossen habe!