Rezensionen

Bettina Gockel: Die Pathologisierung des Künstlers. Künstlerlegenden der Moderne, Akademie Verlag 2010

Auch Krankheiten haben ihre Konjunktur. Die Schizophrenie, erst 1908 von dem Psychiater Ernst Beutler so benannt, erlebte die ihre in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als das Verhältnis von Kreativität und Krankheit, von Genie und Schizophrenie in den Mittelpunkt des Interesses rückte. In dieser Zeit wurde es üblich, Kategorien der Medizin auf die Kunst zu projizieren und insbesondere die Ursache von Genialität in verschiedenen psychischen Krankheiten zu sehen. Stefan Diebitz hat Bettina Gockels groß angelegte Untersuchung dieser »Pathologisierung des Künstlers« gelesen.

Ob Genies entartet sind, galt besonders seit Cesare Lombroso und seinem Werk »Genie und Irrsinn«, dessen deutsche Ausgabe 1887 erschien, als eine legitime Frage. In dieser Zeit – einer Epoche des Geniekults und der Genieästhetik – wurde geradezu eine kulturpathologische Debatte geführt und berühmte Psychiater wie Karl Jaspers, aber auch zahlreiche weniger bedeutende Autoren veröffentlichten Abhandlungen, in denen die Krankengeschichten großer Künstler erzählt und ihr Werk ganz von der Krankheit aus dargestellt und diskutiert wurde. Auch für Alfred Kubins seit 1909 immer wieder aufgelegten Roman »Die andere Seite« ist die Schizophrenie von großer Bedeutung. Der fiktive Erzähler, der dank einer besonderen Begabung zwischen der Realität und einer Fantasiewelt wechseln kann, schreibt seine Geschichte im Schutz einer Heilanstalt auf.

Im Mittelpunkt von Gockels Buch stehen die Biografien zweier der ganz Großen der klassischen Moderne, Ernst Ludwig Kirchner und Paul Klee, und dazu kommt im Schlusskapitel Aby Warburg, wie Kirchner Patient des Schweizer Psychiaters Ludwig Binswanger in dessen Sanatorium Bellevue. Binswanger (1881 – 1966) besaß ein besonderes Interesse an dem Verhältnis von Kreativität und Krankheit und er selbst gehörte zu jenen, die die Pathologisierung des Künstlers, nach der das Buch benannt ist, vorantrieben. Ludwig Binswanger war dank seines schriftstellerischen Talents und seiner ungemein vielseitigen Bildung ein höchst einflussreicher Arzt und die Lebensgeschichte von Ernst Ludwig Kirchner lässt sich nicht erzählen, ohne auf sein Lebenswerk, seine Lehre und Methode einzugehen.

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Für Binswanger ist der Künstler ein idealer Typus für eine Psychiatrie, die sich von der grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Krankheit und Gesundheit abgewandt hatte. Binswanger schrieb unter anderem über van Gogh, der auch dank seiner Krankheit imstande gewesen sei, das innere Wesen der dargestellten Gegenstände zu erkennen und darzustellen; und dieser Künstler wurde zu der Gestalt, mit der sich Kirchner wie Klee auseinandersetzten und die sie bis zu ihrem Lebensende nicht in Ruhe ließ. Für Binswanger war es van Goghs Krankheit – eine psychische Krankheit, deren Charakter bis heute noch nicht geklärt ist –, die ihn sensibilisierte und die er dank einer enormen Willenskraft für seine Kreativität nutzbar machen konnte. Unter diesen Umständen – eine psychische Krankheit konnte kreative Energie freisetzen – hätte es für Kirchner wie auch für Klee opportun oder verlockend sein können, sich selbst als krank zu verstehen. Davon aber waren beide weit entfernt, und wesentliche Teile des Buches stellen ihren Kampf um die Anerkennung als geistig vollkommen gesunde, intellektuell leistungsfähige Künstler dar.

Kirchner hielt sich von September 1917 bis zum August des folgenden Jahres in Binswangers Klinik auf. Er, der seit 1915 an Lähmungserscheinungen an Händen und Füßen litt, wollte zwar keinesfalls als wahnsinning gelten, tat aber allerhand dafür, nicht an die Front geschickt zu werden; er hungerte, wurde vom Schlafmittel Veronal abhängig und war auch dank seines Alkoholkonsums ein gesundheitliches Wrack. Binswanger konnte ihm helfen und er tat es unter anderem, indem er Kirchners Probleme zu dessen Erleichterung auf organische Gründe zurückführte. Zusätzlich aber brachte er den Maler dazu, sein Selbstverständnis als Künstler umzuformulieren. Tatsächlich ging Kirchner in seiner Zeit im Bellevue durch eine Krisis, nach deren Überwindung er »zukünftig eine geistige und zugleich allgemein verständliche Kunst« schaffen wollte. Gockels Interpretationen zielen darauf ab, dieses veränderte Selbstverständnis und eine manchmal gewollte Heiterkeit in seinen Bildern aufzuzeigen. Dabei wird der Wandel dieses Selbstverständnisses bis zu seinem Suizid verfolgt, sodass der Aufenthalt bei Binswanger zwar als Krisis erscheint und als Auslöser des Wandels, aber doch nicht so sehr die Darstellung dominiert, wie es der Titel des Buches vermuten lässt.

Es findet sich einiges, was Klee mit Kirchner verbindet. Es ist vor allem der Bezug auf van Gogh (auch in Selbstportraits, in denen er in ganz ähnlicher Weise die Stirn überhöhte, sich selbst also als »Gehirntier« darstellte, wie es Arno Schmidt ausgedrückt hätte) sowie die entschiedene Abwehr aller Psychologisierungen. Mit dem Wahn wollten beide Künstler keinesfalls in Verbindung gebracht werden. Für Klee galt es besonders, den Verdacht abzuwehren, wie die Surrealisten male er automatisch, allein von seinem Unterbewusstsein gelenkt. Über Jahre hinweg kämpfte er gegen diese Vorstellung, die seinem künstlerischen Selbstverständnis krass widersprach, er verstand sich selbst auch niemals als Surrealist. Auch deshalb musste Klees von Gockel sorgfältig nachgezeichnete künstlerische Beschäftigung mit E.T.A. Hoffmann fruchtbar sein. Das gilt besonders für die Erzählung »Der Goldne Topf«, denn Hoffmann thematisiert in diesem Märchen den Lernprozess eines fantasiebegabten jungen Menschen, der erst mühsam lernen muss, zwischen den Bildern seiner inneren Welt und der profanen Realität hin- und herzuwechseln, sie beide auseinanderzuhalten und ihre Spannung für sich zu nutzen. Zunächst sind es wirklich Wahnbilder, denen er erliegt.

Die bekannte Eingangsszene der Dichtung, in der der Student Anselmus, unter einem Holunderstrauch am Elbufer sitzend, mit einer grünen Schlange zu sprechen glaubt, ist noch Ausdruck seiner Gefangenschaft in seinen Wahnideen. Klee hat wiederholt Partien der Dichtung gezeichnet bzw. zitiert, und Gockel macht es wahrscheinlich, dass der Künstler mit dem »serapontischen Prinzip« des Dichters, das sie aus der späteren Sammlung »Die Serapions-Brüder« auf diese frühe Erzählung überträgt, mehr als nur sympathisierte. Als das Reich Serapions gilt Gockel die Fantasie, aber eine Fantasie, die immer noch verankert bleibt im alltäglichen Leben. Möglich, dass auch Hoffmann und Klee das so gesehen haben; in den »Serapions-Brüdern« selbst, in denen sich »Der Goldne Topf« ja gar nicht findet, gilt allerdings als serapiontisches Prinzip, dass ein Erzähler das, wovon er erzählt, auch »wirklich« gesehen und nicht etwa konstruiert oder nur ausgedacht hat. »Wirklich« gesehen waren für Hoffmann auch rein innerliche Bilder, also auch die Fantasien eines Wahnsinnigen.

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Wie bei Kirchner, so verfolgt die Autorin bei Klee den Wandel seines Selbstverständnisses durch die Jahre hindurch. Schon auf der berühmten Afrikareise findet sich eine von Gockel durchbuchstabierte Tagebuchaufzeichnung, in der Klee von einem Sturz berichtet, der sich angesichts einer Gruppe wenig freundlich gesinnter Araber ereignete und mich an die Schilderungen der Agoraphobie erinnert, in denen die Kranken von ihrer Unfähigkeit berichten, große freie Plätze zu überqueren. Gockel deutet die ironisch-distanzierte Form des Kleeschen Berichts als »eine Metapher für die auf der Reise insgesamt empfundene Mühe Klees, das Erlebte für sich umzuformen und umzusetzen.«

Wie Kirchner, so setzte sich auch Klee immer wieder mit van Gogh auseinander, ein Prozess, der sich in zahlreichen Selbstportraits niederschlug. Und beide Künstler wollten keinesfalls als psychisch krank gelten. Bei Aby Warburg sollte das anders sein. Sein Aufenthalt in Binswangers Sanatorium im Jahr 1921 – 1924 war eindeutig einer psychischen Erkrankung geschuldet – einer Erkrankung, über deren Natur sich Binswanger und der zu Rate gezogene große Psychiater Emil Kraepelin nicht einigen konnten. Wichtig war der Aufenthalt Warburgs im Bellevue deshalb, weil Warburg in seinem von ihm selbst nie publizierten Vortrag über das Schlangenritual der Hopi-Indianer, mit dem er seine geistige Leistungsfähigkeit demonstrieren wollte, die Rolle der Schizophrenie bei den Primitiven thematisierte.

Warburg, der sich gegen die für ihn eigentlich günstige Diagnose Kraepelins wehrte – Binswanger hatte noch auf Schizophrenie erkannt – Warburg begriff die Schizophrenie als den »Zustand wahren psychophysischen und kulturellen Gesundseins des Menschen schlechthin« und konnte dank dieser Ansicht sich selbst wieder als einen Teil der gesunden Menschheit begreifen. Während der Kunsthistoriker versuchte, die Spannung, die in der Aufspaltung des Menschen durch die Krankheit liegt, auszuhalten und so für sich fruchtbar zu machen (also eigentlich das zu tun, was die Genieästhetik zuvor den großen schizophrenen Künstlern zugesprochen hatte), hatte noch Kirchner diesen Spagat zu vermeiden versucht. Die, wie Gockel meint, spannungslose Harmonie seiner Bilder seit 1925 führt sie darauf zurück, dass er sich ganz in eine heile Welt, in eine »hermetische Welt des Selbst« zurückgezogen hatte, der er sich schon in seiner Sanatoriumszeit mit vielen Holzschnitten zu nähern versucht hatte, die von seinem Aufenthalt in der bäuerlichen Bergwelt inspiriert waren.

Mit dem Verhältnis von Krankheit und Genie nimmt Gockels Buch ein wichtiges Thema auf, aber es ist nicht das einzige, sondern die Untersuchung kann mit einem erstaunlichen Perspektivenreichtum imponieren. So wurde aus Platzgründen in dieser Besprechung nicht auf die Rolle der primitiven Kunst eingegangen, zu der Gockel einiges zu sagen weiß. Insgesamt scheint der kulturhistorische Gewinn auch dank der Beschäftigung mit psychiatrischer und ethnologischer Literatur oder mit der Dichtung noch größer als der kunsthistorische, so beträchtlich und ernsthaft dieser auch ist. Das Buch ist deshalb außerordentlich anregend und dank der Sorgfalt von Autorin und Verlag sehr gut lesbar.