Buchrezensionen

Bettina von Meyenburg-Campell und Rudolf Koella: Augenzeugin der Moderne 1945 – 1975. Maria Netter – Kunstkritikerin und Fotografin, Schwabe Verlag 2015

Maria Netter (1917-1982), die mit Notizbuch und Stift, einer Leica M3 und einem Pudel im Gepäck von Basel aus loszog, um Museen, Galerien, Ateliers und Ausstellungen in nah und fern aufzusuchen, zu beschreiben und zu kommentieren, wird 33 Jahre nach ihrem Tod als Zeitzeugin aufgerufen. Der Schwabe Verlag Basel hat der gebürtigen Berlinerin einen bemerkenswerten Band gewidmet. Susanne Gierczynski hat das gelungene Werk gelesen.

Fußend auf ihrem fotografischen und filmischen Nachlass, mit rund 20’000 Einheiten, zum nationalen und internationalen Kunstbetrieb der 1940er bis 1970er Jahre, wird ein Einblick in die damalige Welt der Kunstmuseen, Kunstvermittler, Künstler, Ausstellungsbesucher, Galeristen und Sammler gewährt, wie man es sich nur wünschen kann.

Alberto Giacometti mit seiner Frau Annette in geordneter Unordentlichkeit und gespannter Konzentration im Blick ins Gespräch vertieft, der jüngst verstorbene Kunstvermittler Jean-Christophe Ammann in jungen Jahren mit Hut, weit offenem Hemd, Halskette und Einstecktuch, neben Niki de Saint-Phalle, der träumerisch konzentriert aufschauende Marino Marini, der unwiederbringlich kindliche Blick des Joan Miró, der fröhlich verspielte des Marc Chagall und und und.

Es war eine Pionierleistung, die Maria Netter mit ihrer Berufswahl in den Jahren zwischen 1945 und 1975 vollbrachte. Und es bedurfte sicher eines starken und unbeugsamen Charakters, dieses ungesicherte Terrain der Kunstkritik für sich zu behaupten.
Ein offenbar »rebellischer Charakter« kam am 20. April 1917 in Berlin zur Welt. Aus wohlhabendem, jüdischen Elternhaus stammend, beteiligte sich Netter als Gymnasiastin an Protestaktionen gegen das nationalsozialistische Regime und konvertierte im Alter von 17 Jahren zum christlichen Glauben. Zum Studium der Theologie ging sie nach Basel und wechselte nach fünf Semestern ins Nebenfach Kunstgeschichte. Nach einer eineinhalbjährigen Assistenzzeit am Kunstmuseum Basel unter der Leitung von Georg Schmidt verlegte Netter ihren Arbeitsschwerpunkt auf das Verfassen von Kunstkritiken und die Reportagefotografie. Sie schrieb für die schweizerische Weltwoche, die Basler National-Zeitung, das St. Galler Tagblatt und die Luzerner Neuesten Nachrichten. 1959 nahm sie das Basler Bürgerrecht an und wurde politisch aktiv. Seit Ende 1975 gehörte Netter der Kommission des Basler Kunstvereins an, die über das Programm der Kunsthalle entschied. Zunehmend begann sich Netter ab den späten 1960er Jahren für die Hintergründe des Kunstmarktes zu interessieren. Ab 1970 wirkte sie als Pressesprecherin der neu gegründeten Basler Kunstmesse Art. Ein unmäßiger Zigarettenkonsum wird ihren relativ frühen Tod mitverursacht haben. Maria Netter starb am 11. Dezember 1982 in Basel.

Zu Netters offenbarer Unbezähmbarkeit der eigenen Willensbekundung passt ihr Werdegang als Kunstkritikerin der Nachkriegszeit. Ihr wird ein bedingungsloser Mut zur eigenen Meinung attestiert, ein totales Desinteresse an kunsthistorischen Theorien, hellwache Aufmerksamkeit, wenn Künstler in unbekannte Zonen vorzudringen wagten und ein steter Einsatz für die Freiheit der Kunst. Unkonventionell für damalige Zeiten, erstellte Netter ihre Kritiken unter zu Zuhilfenahme von Interviews. Eine unermüdliche Reisetätigkeit ließ sie kaum eine wichtige Ausstellung internationaler Avantgarde-Kunst verpassen. Ab 1948 besuchte Maria Netter regelmäßig die Biennale der bildenden Künste in Venedig, von 1959 an berichtete sie von der documenta in Kassel.

Als Fotografin Autodidaktin, mit dem Anspruch die Kamera im Sinne eines Notizbuches bei ihren Besuchen in Ateliers und Ausstellungen einzusetzen, entwickelte Maria Netter ein zunehmendes Selbstbewusstsein und verlangte bei Veröffentlichung ihrer Fotos den Vermerk ihrer Autorschaft.

Für die abstrakte Kunst jener Jahre ging sie in Verteidigungsstellung. Am Beispiel von Jackson Pollocks Kunst wird deutlich, dass Netter in der Lage war, ein anfänglich ablehnendes Urteil in ein positives zu wandeln. Sie avancierte in den 1960er und 1970er Jahren zur maßgeblichen Schweizer Berichterstatterin über Kunst aus den USA. Die Minimal Art nahm Netter sofort an, Joseph Beuys’ Installationen dagegen bezeichnete sie anfänglich als »Gerümpel« und »krude Materialsammlungen«, seinen Zeichnungen hingegen konzedierte sie künstlerische Qualitäten. Bereits 1956 erkannte Netter den Bedeutungszugewinn, den die Plastik als Medium ihrer Zeit gegenüber der Malerei erfuhr und stellte sich damit durchaus gegen die vorherrschende Meinung. Das Kapitel der sogenannten »Lieblingskünstler« Netters legt denn auch einen deutlichen Schwerpunkt auf Plastiker. Die beiden abschließenden Kapitel über Kunstvermittler sowie Sammler und Sammlungen dagegen spiegeln den Netterschen Horizont jener Jahre wider und präsentieren demzufolge vor allem Schweizer Persönlichkeiten und Sammlungen.

Sorgsam scheint die Auswahl aus Netters Bildmaterial getroffen worden zu sein, allein die Begründung für die getroffene Wahl bleiben die Autoren schuldig. Nach welchen Kriterien wurden zum Beispiel die so genannten »Lieblingskünstler« der Netter ausgewählt? Warum ließ man die Biografie der Netter ab ihren studentischen Jahren unaufgearbeitet? Ihre Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit und die Konsequenzen für ihren weiteren Lebenslauf, das Verhältnis zur Familie, alles Fragen, die dem interessierten Leser vorenthalten bleiben. Mehr hätte man sich zur Ästhetik ihrer Fotografie gewünscht. Und dennoch: das Buchprojekt ist gelungen. Der Band hält ein gutes Gleichgewicht zwischen Bild und Text. Allerdings sind die Fotografien ihres ursprünglichen Zusammenhangs beraubt, wo sie Teil einer Berichterstattung Netters waren. An dieser Stelle merkt der Leser, dass Netters Schreibstil sehr auf die optischen Reize reagiert und mit diesen mitschwingt und man hätte gerne mehr von diesen Schreibsalven zu lesen bekommen.

Ein Bilder-Buch der schönsten Art liegt vor, distinguiert in der schwarz-weiß Fotografie der Maria Netter, überraschend lebendig in den Sujets der Momentaufnahmen von Künstlern und Kunstverstehern, im immer noch handlichen Format und einem wirklich gelungenen Layout.