Ausstellungsbesprechungen

Bild und Botschaft - Cranach im Dienst von Hof und Reformation, Herzogliches Museum Gotha, bis 19. Juli 2015

In diesem Jahr hat die Lutherdekade die Kunst erreicht! Die Cranach-Werkstatt schuf in der Reformationszeit prägende Porträts, setzte mit ihren Innovationen in der Bildsprache Akzente in Sachen Propaganda und Bildpolitik. Im Herzoglichen Museum in Gotha widmet man ihr unter dem Motto »Bild und Botschaft« die aktuelle Ausstellung. Stefanie Handke hat sie besucht.

Betritt man den Ausstellungsraum, wird gleich klar: Hier geht es um religiöse Kunst. Gotische Spitzbögen begrüßen den Besucher und präsentieren die ersten Stücke: Hier begegnet einem Lucas Cranach d.Ä. im Selbstbildnis. Sein Porträt und das aufgeschlagene Buch eines unbekannten Künstlers gibt das Motto für den Gang vor: Cranach übersetzte religiöse Botschaften in Bilder.

Nun, man mag meinen, dass dies ohnehin ein Phänomen vor allem mittelalterlicher, aber auch der Kunst der Reformationszeit sei, jedoch: Die Cranachs und ihre Mitarbeiter gaben dem eine neue Qualität, allein schon, weil sie in einer Zeit tätig waren, in der religiöse Aussagen eng mit Politik und einem regelrechten Kulturkampf zwischen Altgläubigen und Protestanten verbunden waren. Da galt es zum Einen, die gewünschte Botschaft zu vermitteln, zum anderen aber auch, ein Bild offen zu halten, damit – sollte der Gegner denn einmal zu Besuch sein, wie es bei den Reichsfürsten häufig der Fall war – sich hier niemand auf den Schlips getreten fühlte.

Vor allem aber betrieb man handfeste Propaganda im eigenen Sinne. Da wurden Päpste, Reformatoren, Fürsten und wer nicht alles verunglimpft, man machte sich über aktive und geflohene Mönche und Nonnen lustig, über Ablaßhändler sowieso und gesellte sie dem Teufel zu. Daher dürfen Flugblätter, Holzschnitte und andere Drucke hier natürlich nicht fehlen. Ein alter Bekannter begegnet uns hier: Des Teufels Dudelsack, entgegen der landläufigen Meinung nicht das Mönchlein Luther, sondern einen altgläubigen Mönch, auf dem der Satan seine Melodie bläst. Doch bis zu solch pointierten Darstellungen war es ein weiter Weg: Vor gar nicht allzu langer Zeit war es möglich geworden, günstig und schnell zu drucken. Das Flugblatt bot neue Chancen der Propaganda, die jeden erreichen konnte, musste aber erst einmal erprobt werden. Das beweist ein Flugblatt des älteren Cranach: in detaillierter, kleinteiliger Darstellung führen Petrus und ein Kirchenvater die Kirche in den Himmel, der Papst dagegen in die Hölle. Dem ist umfangreicher Text beigegeben – wenig populär also. Doch: auf Seiten der Reformatoren wandte man sich bald neuen Darstellungsformen zu, der Ironie, der Überspitzung und eben dem reduzierten Text.

Ein Hauptthema der Ausstellung ist sicherlich das von »Gesetz und Gnade«. Es ist eines der Bildmotive, die lutherische Lehrinhalte vermitteln sollten. »Gesetz und Gnade« stellt Inhalte aus Altem und Neuem Testament gegenüber. Auf der linken Seite stehen alttestamentarische Szenen für die Bedeutung des Gesetzes: der sündige Mensch wird bestraft und in die Hölle getrieben. Auch das Gesetz in Form des Dekalog ist zu sehen, gehalten von fürstlichen Räten. Auf der rechten Seite wird einem weiteren Sünder dank Jesu Leiden am Kreuz vergeben. Dessen Leiden ist dabei dramatischst dargestellt; das Gesicht schmerzverzerrt, das Blut spritzt – direkt auf den Sünder und wäscht ihn damit rein. Dieser Version aus der Sammlung des Schloss Friedenstein wird eine weitere Bearbeitung durch Cranach aus der Nationalgalerie in Prag dargestellt. Sie ist weniger dramatisch; dem Sünder droht »nur« das Grab, der Christus am Kreuz befindet sich in einiger Ferne, während der Auferstandene uns viel näher ist. Viel wichtiger aber: Der Sünder ist noch nicht verdammt, er befindet sich an der Grenze zwischen Gesetz und Gnade, hat sich aber letzterer zugewandt. Beide Bilder wurden später wieder aufgegriffen, allerdings für verschiedene Medien: Der Prager Typus mit dem Sünder im Mittelpunkt findet sich oft in cranach'schen Druckgrafiken, während der Gothaer Typus für Tafelbilder beliebter war. Mit dieser Zweiteilung eines Bildmotivs tritt die Werkstatt wieder einmal als Innovationsmotor hervor: Die Bildidee wird zentral sein für die Kunst der Reformation.

Bei »Gesetz und Gnade« handelt es sich um ein wunderbar in Szene gesetztes Lehrbild, doch natürlich boten sich auch andere Themen an. Die Cranach-Werkstatt bediente sich dabei besonders prägnanter Themen aus Altem und Neues Testament. Beliebt etwa waren Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin«, wie mehrere Exemplare aus den 1530er und 1540er Jahren beweisen. Dabei scheuten sich die Cranachs nicht vor unanständigen Darstellungen: Gleich zweimal tritt sie uns auf frischer Tat ertappt, die Brust entblößt, entgegen, vom Mob bedrängt, während Jesus sie schützt. Neu, ebenfalls eine Erfindung der Reformationszeit, ist auch das Bildmotiv der »Kindersegnung« (um 1535/40), das wie die anderen die Gnadenlehre in den Vordergrund stellt und sich ganz klar gegen die strenge katholische Lehre von den einzuhaltenden Geboten richtet.

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Bei all diesen »Kampfbildern«, die sich in die Propaganda der lutherischen Fraktion einfügen, darf nicht vergessen werden, dass die Cranach-Werkstatt auch für altgläubige Auftraggeber arbeitete und klassische Lehrbilder herstellte. Auch die Fürsten der lutherischen Seite ließen sich gern einmal traditionelle höfische Lehrbilder anfertigen, insbesondere mit alttestamentarische, aber auch mit mythologischen Themen der Antike. »Das Urteil des Paris« (um 1540-46) ist eines davon: Hier wird die Wahl der schönsten Göttin durch Paris mit der Entscheidung für eine von drei Lebensweisen gleichgesetzt: der vita contemplativa, der vita activa, der vita voluptaria. Folgenschwer fällt die Wahl auf Venus und damit eine Lebensweise, die von sinnlichen Genüssen geprägt ist – die Strafe folgt in der Erzählung in Form des trojanischen Krieges.

Überhaupt, die Gefahr durch die Frauen! Dem Parisurteil gegenüber findet sich eine Darstellung der »Venus mit Cupido als Honigdieb«. Sie ist im 16. Jahrhundert ohnehin der Inbegriff des Verderbens und der arme Cupido wird mit Bienenstichen übersät, während seine Aufmerksamkeit durch Venus abgelenkt wird. Ihr stellen sich noch andere sündige Frauen zur Seite. Delila hintergeht Samson und Salome serviert das Haupt Johannes des Täufers.

Natürlich darf auf die Tätigkeit der Cranach-Werkstatt für den Hof nicht vergessen werden: Neben den jedem gut bekannten Fürstenporträts spielen Abbildungen wichtiger Ereignisse bei Hofe eine große Rolle. Turnier- und Jagddarstellungen etwa inszenieren das höfische Leben als regelrechtes Wimmelbild mit zahlreichen Rittern zu Pferde, einem ungeheuren Getümmel im Hof und begeisterten Zuschauern. Ihre Bedeutung darf nicht unterschätzt werden, denn sie zeigen den Zeitgenossen: Am Hof der Kurfürsten ist etwas los! Als Hofkünstler befanden sich die Handwerker der Cranach-Werkstatt hier schnell an der politischen Propaganda beteiligt wieder: eine weitere große Sektion in der Ausstellung nimmt nämlich der Schmalkaldische Bund und sein militärisches Vorgehen ein: man schuf Wappen hierfür, Medaillen und bannte wiederum kriegerische Ereignisse wie »Die Belagerung von Wolfenbüttel« (nach 1542) auf Bild ebenso wie Sieger und Besiegte der Auseinandersetzungen. Nach der Schlacht bei Mühlberg 1547 begegnet uns Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige mit seiner damals berühmt gewordenen Narbe auf gegnerischer wie lutherischer Seite – natürlich einmal als Zeichen der Niederlage interpretiert und einmal als stolzes Symbol des Kampfes für den Glauben! Auf die Spitze getrieben wird das Ganze mit einem Bildnis flämischer Künstler, das den Hanfried und einen spanischen Hauptmann beim Schachspiel zeigt: Bei einem solchen empfing er das (später zurückgenommene) Todesurteil gegen sich.

Die Ausstellung wird durch eine weitere, eine Kabinettausstellung mit den Grafiken der Cranach-Werkstatt ergänzt. Auch hier kann man sich der Propaganda natürlich nicht entziehen, bekommt aber eher die Tätigkeit der Künstler als Illustratoren vorgeführt: Aposteldarstellungen, Passionen und Einzelblätter aus Büchern, aber auch Flugblätter zu aktuellen Ereignissen (z.B. Wolfsüberfälle) und altbekannten Legenden. Sie mögen für viele Besucher hinter den prächtigen Gemälden im Erdgeschoss zurückstehen, können aktuell aber wahrscheinlich als die eigentlichen Stars des Herzoglichen Museums in Gotha angesehen werden. Hier befindet sich nämlich eine enorm umfangreiche Grafiksammlung, die nun endlich einmal voll zur Geltung kommt und eine prächtige Ergänzung zur Hauptausstellung bietet!