Ausstellungsbesprechungen

Bilder einer Metropole - Die Impressionisten in Paris, Museum Folkwang, Essen, bis 30. Januar 2010

Die Künstler, die zwischen 1860 und 1900 in der französischen Hauptstadt lebten und arbeiteten, zeigen eine Großstadt in rasanter Verwandlung: neue Boulevards und Plätze, Bahnhöfe und Metro, die Gare Saint Lazare und das Viertel L'Europe, Sacré-Coeur auf dem Montmartre und der Eiffelturm an der Seine oder die wachsenden Industrieanlagen am Rande der Stadt. Zum ersten Mal wird die Großstadt zu einem zentralen Thema der Kunst. Torsten Kohlbrei hat sich die Ausstellung angesehen.

Die Motive sind bekannt. Die Skizze der historischen Situation auch: Bourgeoisie und Bohème. Bauboom und Boulevards, die einfach zu groß für die Barrikaden des Klassenkampfs sind: »Selten ist eine Stadt so schnell und radikal verwandelt worden wie Paris zwischen 1860 und 1900«, schreibt Hartwig Fischer im Grußwort zur Ausstellung »Bilder einer Metropole«.

Und wahrscheinlich weil bereits so viel zur französischen Hauptstadt gezeigt und interpretiert wurde, verspricht der Folkwang-Direktor keine neue These, sondern einen »faszinierenden Spaziergang durch die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts«.

Der Besucher schlendert an den eng gehängten Bildern vorbei und trifft viele Bekannte: Allen voran ein Paar mit Schirm, das durch Gustave Caillebottes »Straße in Paris, an einem Regentag« flaniert. Oder die junge Frau, die sich auf Manets »Die Eisenbahn« vom Spektakel des Bahnhofs abgewandt hat und uns nun forschend anschaut.

So verläuft der Gang durch die thematisch gegliederte Schau sehr angenehm. Aber die Begegnung mit den rund 80 Gemälden von Pissarro, Monet, Renoir sowie vielen weiteren Zeitgenossen verläuft auch ein wenig unterspannt.

Daran kann selbst die Präsentation von Fotografien aus der Zeit des Impressionismus wenig ändern. Zwar sind seltene Schätze der urbanen Architektur- und Reportagefotografie von Le Gray, Baldus, Marville, Rivière und Atget, mehrheitlich aus dem Pariser Musée Carnavalet, zu sehen. Doch auch die Ergänzung der gemalten Perspektive durch mal eher staatstragende Dokumentationen der neuen Bauten, mal melancholische Aufnahmen des zum Abbruch verurteilten „alten Paris“ sowie durch fotografische Exkursionen in die Vorstädte eröffnet keinen neuen Blick auf die bekannten Stadt- und Kunst-Geschichten.

Vielleicht hat die parallel zum Ausstellungsbeginn verlaufende Diskussion um den Stuttgarter Bahnhof die Erwartungen zu hoch geschraubt. Aber was wäre das für eine Ausstellung gewesen, die nicht nur artig im Vorwort auf den Wandel in der Kulturhauptstadt Essen verweist, sondern ihren Gegenstand politisiert – der „Polis“, dem Gemeinwesen, als Material zuführt? Für eine Diskussion über den Begriff der Stadt sowie der Öffentlichkeit und das, was sie bedroht oder ihr nutzt.

Die geschmackvolle Ausstellung der Kuratorinnen Françoise Cachin (Gründungsdirektorin des Musée d’Orsay) und Monique Nonne sowie Françoise Reynaud und Virginie Chardin (beide für den Fotografieteil verantwortlich) verlassen wir voller Reiselust: Nach Paris müsste man fahren. – Sofort. Aber wie schnell würde man dort durch Müllberge und Streiks in die Realität zurück gerissen?