Ausstellungsbesprechungen

Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933-1957, Hamburger Bahnhof Berlin, bis 27. September 2015

Zu den bedeutendsten Reformkunstschulen des 20. Jahrhunderts gehört neben dem deutschen Bauhaus das amerikanische Black Mountain College. Etwas mehr als achtzig Jahre nach seiner Gründung hat ihm jetzt der Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, in Berlin in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin und dem Dahlem Humanities Center eine Ausstellung gewidmet. Anmerkungen von Rainer K. Wick.

In einer Zeit, in der die – schon früh vorhersehbaren – verheerenden Folgen des sogenannten Bologna-Prozesses, also einer Hochschulreform, die ökonomische Effizienz zum alleinigen Maßstab macht und freies Denken und Handeln mehr und mehr beschneidet, allenthalben spürbar sind, lohnt der Rückblick auf eine Bildungseinrichtung, in der das selbstbestimmt denkende und unabhängig handelnde Individuum den Kern allen pädagogischen Bemühens ausmachte. Insofern kann es überaus lehrreich sein, sich acht Jahrzehntee nach der Gründung und fast sechzig Jahre nach Schließung des Black Mountain College in North Carolina erneut mit dieser Kunstschule neuen Typs auseinanderzusetzen, die zunächst an der Tradition des 1933 unter dem Druck der Nazis geschlossenen Bauhauses anknüpfte und dann maßgeblich am Brückenschlag in die amerikanische Nachkriegsavantgarde teilhatte. Gelegenheit dazu bieten eine noch bis Ende September im Hamburger Bahnhof in Berlin laufende Ausstellung sowie das die Ausstellung begleitende Katalogbuch »Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933-1957«.

Der Untertitel deutet an, worum es ging, nämlich darum, ein im Sinne der Reformpädagogik und der Ideen des Philosophen John Dewey erfahrungsbasiertes, interdisziplinäres Lehrinstitut zu etablieren. Seine Entstehung als eine liberale, in seinem Selbstverständnis demokratisch verfasste Bildungsinstitution verdankte es dem Protest von John Andrew Rice und einiger seiner Kollegen gegen die damals am Rollins College in Florida herrschenden autoritären Praktiken, die für Rice und seine Mitstreiter den Ausschlag gaben, die Schule zu verlassen und in North Carolina einen Neuanfang zu versuchen. In der Gründungsphase waren es etliche Emigranten aus Europa und besonders aus Deutschland, die entscheidend dazu beitrugen, das noch junge College zu einem herausragenden Ort der Kunst und der Wissenschaft werden zu lassen. Im Sinne des Erziehungsideals einer ganzheitlichen, umfassenden Bildung sollten Kunst und Wissenschaft nicht nur gleichberechtigt nebeneinander existieren, sondern sie sollten sich durchdringen und gegenseitig befruchten, wobei allerdings den Künsten eine Vorreiterrolle beigemessen wurde. Bestimmend für alles Lehren und Lernen war eine experimentelle Vorgehensweise, und das hieß, dass nicht die Vermittlung von vermeintlich gesicherten Fakten und Inhalten vorrangig war, sondern die kreative Suche nach intelligenten Problemlösungen. Hier begegneten sich der pädagogische Pragmatismus John Deweys, der sich auf die griffige Formel »learning by doing« bringen lässt, und das Prinzip »Lernen durch Erfahrung« des Bauhaus-Lehrers Josef Albers, der 1933 mit seiner Frau Anni in die USA emigriert war und sofort eine Anstellung am Black Mountain College fand, wo er den Kurs dieser Schule in den ersten Jahren nachhaltig beeinflusst hat. Albers‘ Denken entsprach sehr genau der Zielvorstellung des Gründers von Black Mountain, John Andrew Rice, von dem die Devise stammt, »to teach method, not content; to emphazise process, not results.« (1936) Entdeckendes Lernen ohne festen Lehrplan nach dem Prinzip »trial and error« und nicht Lehren im Sinne der alten Paukschule war seine pädagogische Strategie, und bis zu seinem Ausscheiden aus dem Black Mountain College im Jahr 1949 gehörte er zu den tragenden Säulen der Schule, auch wenn er bei Studenten wie Robert Rauschenberg wegen seiner Disziplin nicht unbedingt auf Gegenliebe stieß. In einem Grundkurs absolvierten die Studierenden, ähnlich wie am Bauhaus, elementare Formübungen mit Material, später kam der legendäre Farbkurs hinzu, den Albers 1963 unter dem Titel »Interaction of Color« publizierte. Der Bauhaus-Einfluss machte sich auch dahingehend bemerkbar, dass Albers‘ Frau Anni eine Textilklasse leitete, der inzwischen in Harvard lehrende Bauhaus-Gründer Gropius dem College beratend zur Seite stand, Fotokurse im Sinne der Bauhaus-Fotografie stattfanden und der ehemalige Bauhaus-Schüler Xanti Schawinsky im Anschluss an Schlemmers Bauhaus-Bühne mit den Studierenden experimentelle Bühnenaufführungen realisierte. Für ihn war die Bühne jener Ort, an dem sich nicht nur die Idee vom Gesamtkunstwerk optimal umsetzen ließ, sondern an dem auch die Studierenden durch interdisziplinäres Experimentieren ganzheitlich gebildet werden konnten.

Fortsetzung von Seite 1

So wie das Bauhaus in den 1920er und frühen 30er Jahren an der Erarbeitung der Grundlagen des funktionalistischen Bauens und der Entwicklung des modernen Designs beteiligt war, wurde das Black Mountain College nach dem Krieg zu einer Keimzelle utopischer Architekturkonzepte (erinnert sei an Buckminster Fullers geodätische Kuppeln) sowie vor allem des Abstrakten Expressionismus und diverser performativer Praktiken an der Schnittstelle zwischen bildender Kunst, Musik, Tanz und Theater, die sich bald als »mixed media«, als Formen des Happenings und als Fluxus-Events, herauskristallisieren sollten. Zu erwähnen sind nur die experimentelle Bühnenproduktion »Untitled Event« (auch »Theatre Piece No. 1«) von John Cage des Jahres 1952, Gastauftritte des Pianisten David Tudor und Tanzseminare von Merce Cunningham.

Die Liste der Namen jener, die am Black Mountain College unterrichtet oder studiert haben, ist lang und mit Prominenten aus Kunst und Kultur gespickt. Trotz seiner Ausnahmestellung als Kraftzentrum künstlerischer Innovationen und als demokratischer Bildungseinrichtung, die mehr war als ein Lehrinstitut, sondern so etwas wie eine reformpädagogisch grundierte Lebensgemeinschaftschule, ließ sich seit den späteren 1940er Jahren die allmähliche Auflösung nicht aufhalten. Rückläufige Studentenzahlen, finanzielle Engpässe und vor allem der unter den Vorzeichen des McCarthyismus aufkommende Verdacht, kommunistisch unterwandert zu sein, machten Black Mountain das Überleben immer schwerer und führten 1957 zur Schließung der Schule. Geblieben ist ein kulturpädagogisches Konzept, das darauf abzielt, »Kunst als pädagogische Praxis« zu betreiben, die gleichermaßen von »performativen Ästhetiken, partizipatorischen Visualisierungsstrategien und entgrenzenden Kunstpraktiken«. (Annette Jael Lehmann im Katalogbuch) charakterisiert war und auch angesichts höchst problematischer Verschulungsmaßnahmen und drastischer Engführungen im heutigen Hochschulbetrieb bedenkenswert erscheint.

Wie schwierig ist es, den konzeptionellen Ansatz von Black Mountain in Form einer Ausstellung zu transportieren, kann in Berlin erfahren werden. Die Schau verfolgt erklärtermaßen nicht das Ziel, in größerer Zahl exemplarische Werke berühmter Lehrer und Schüler zu versammeln (obwohl Albers, Twombly, Kline, Rauschenberg und andere mit einigen Arbeiten vertreten sind), sondern den »ganzen Kosmos der zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelten, trotz aller Widrigkeiten äußerst erfolgreichen Community darzustellen.« (Katalog) Das gelingt dem vom Architektenkollektiv »raumlabor_berlin« entwickelten Ausstellungsparcours, einer minimalistischen, recht spröden Inszenierung, nur zum Teil. Der Besucher findet sich in einer mit umfangreichem dokumentarischen Material bestückten Leseausstellung, deren visuelle Anreize vergleichsweise gering sind. Das Katalogbuch enthält eine Reihe interessanter und vertiefender Textbeiträge, vermag mit seinem etwas chaotischen Layout aber nur bedingt zu überzeugen. Unübertroffen ist immer noch das Standwerk zum Thema, »The Arts at Black Mountain College« von Mary Emma Harris von 1987. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof hätte einen passenden Anlass geboten, das Buch ins Deutsche zu übersetzen.