Buchrezensionen

Blanshard, Alastair: Herkules. Aus dem Leben eines Helden, Parthas Verlag, Berlin 2006.

Olympiasieger kommen und gehen. Auch der Ruhm eines Fußball-WM-Turniers ist letztlich endlich.

Der wahre Champion aller Zeiten und Klassen heißt jedoch Herkules (beziehungsweise, seiner griechischen Herkunft nach, eigentlich Herakles). Alastair Blanshard, Professor für Altphilologie zu Oxford, Reading und Sidney, erzählt uns seine Geschichte und schlägt dabei den Bogen von der archaischen Sagenwelt bis zur heutigen Populärkultur.

Herkules ist eine zeitlos populäre Figur, die erst unlängst von der Filmindustrie wiederentdeckt wurde, unter anderem für Disney’s Film und Fernsehserie. Das Geheimnis seines Erfolges besteht wohl darin, dass seine Rolle scheinbar einfach zu verstehen ist: er ist der Superheld schlechthin, der grässlichen Ungeheuern den Garaus macht und seine Gegner dank seiner übermenschlichen Körperkräfte niederzwingt.

Doch wie alle Figuren aus der griechischen Mythologie hat auch er in Wahrheit seine dunklen Seiten und Abgründe. Er neigt zu Jähzorn und Raserei, kann seine Leidenschaften nicht beherrschen. Immer wieder fallen auch Unschuldige seinen unkontrollierten Zornausbrüchen zum Opfer, sogar die eigene Ehefrau Megara und ihre gemeinsamen Kinder ermordet er in einem Anfall von Wahnsinn. Vieles an seinem Wesen erscheint maßlos, monströs und unberechenbar; unersättlich ist sein Heißhunger nach sexuellen und orgiastischen Ausschweifungen. Letztere Eigenschaften teilt er freilich mit der Mehrzahl der Götter des Altertums.

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Andererseits hat sich jede Epoche ihr eigenes Herkules-Bild gezeichnet. Wie so oft in solchen Fällen, existiert auch hier keine allgemein verbindliche Mythologie, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen, zuweilen auch widersprüchlichen Überlieferungen. Blanshard bringt Ordnung in das Dickicht des Legendendschungels, indem er sich für eine einfache, aber sehr übersichtliche Vorgangsweise entscheidet: er zeichnet eine „Biographie“ des Helden mit seinen wichtigsten Lebensstationen und berichtet sowohl über die Quellenlage als auch über die Rezeption der Episoden in späteren Zeiten. Nebenbei erfahren wir auch noch viele weitere hochinteressante Details aus der antiken Kulturgeschichte.

Am Beginn der Geschichte des Herakles steht ein berühmter Betrug: Zeus, der es mit seinen notorischen Seitensprünge wieder einmal nicht lassen kann, nähert sich Alkmene in Gestalt des Doppelgängers ihres Bräutigams Amphitrion. Aus dieser Verbindung entspringt also unser göttlicher Held, doch die Rachegelüste der eifersüchtigen Hera werden ihn Zeit seines Lebens verfolgen. Dem Säugling in der Wiege schickt sie zwei Schlangen, die er bravourös erwürgt und damit das erste Zeugnis über seine außergewöhnlichen physischen Fähigkeiten ablegt.

Gewalt begleitet auch die folgenden Schritte auf seinem Lebensweg. Der Heranwachsende, unmusisch wie Muskelprotze nun einmal sind, erschlägt seinen Musiklehrer. Zur Strafe für diesen Rabaukenakt muss er einige Jahre als Viehhirt in den Bergen verbringen, wo er diverse Abenteuer erlebt. Nach seiner Rückkehr wendet sich scheinbar alles zum Guten, bis die erste Ehe im oben beschriebenen Desaster endet. Wieder zwingt die Sühne Herakles ins Exil – diesmal an den Hof des Königs Eurystheus von Tiryns.

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In seinem Auftrag vollbringt der Heros seine mit Abstand berühmtesten Heldentaten, die sprichwörtlichen Herkulesarbeiten. Damit legt er den Grundstein für seinen Nachruhm und den späteren Aufstieg zum Halbgott. Eine „korrekte“ Abfolge dieser Arbeiten war im Altertum übrigens nicht festgelegt und ihre Anzahl schwankte offenbar zwischen zehn oder zwölf Taten. Es scheint zudem, dass sich jede Region mit ihren ortspezifischen Herakleslegenden schmückte. Über den glücklichen Ausgang des Großunternehmens sind sich die Überlieferungen allerdings einig.

Herakles meistert die ihm gestellten Herausforderungen, aber ein beschauliches Leben ist ihm auch weiterhin nicht gegeben. Nach Beendigung seines Arbeitsdienstes bei Eurystheus zieht er herum, führt Kriege und trifft auf betörende Frauen. Gleich drei Königsdynastien des Altertums, jene von Pergamon, Lydien und Sparta, rühmten sich ihrer Abstammung von Herakles. Seinen leiblichen Kindern soll der Held allerdings eher ein Rabenvater gewesen sein. – Am Ende wird ihm sein Liebeshunger zum Verhängnis: als er Ehefrau Deianeira wegen einer anderen den Laufpass geben will, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Im Glauben, sie könnte den untreuen Ehegatten durch einen Liebeszauber an sich binden, übersendet sie ihm das vergiftete Nessus-Gewand, das ihn vernichtet.

Schuld, unentrinnbare Verstrickung und zu späte Erkenntnis – das ist der Stoff, aus dem griechische Tragödien sind. Doch wie es so schön heißt, vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es oft nur ein Schritt, und tatsächlich inspirierten die Sagen rund um Herkules bereits in der Antike sowohl die Tragödien- als auch die Komödiendichter. In der Kulturgeschichte der europäischen Neuzeit stilisierte man ihn dagegen zum Sinnbild der Tugend. Dies beruhte zum einen darauf, dass man in seiner Vita christologische Typologien zu erkennen meinte, zum anderen auf einer populären Geschichte, die durch Xenophon überliefert ist und die davon handelt, wie Herkules am Scheideweg vor die Wahl zwischen Müßiggang oder Tugend gestellt wird. Das Thema veranlasste unter anderem Annibale Carracci zu einem bekannten Gemälde.

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Der doppelbödige Charakter des Helden wurde in dieser Form der Rezeption natürlich ausgeblendet, ließ sich aber dennoch nie ganz unterdrücken. Blanshard berichtet in diesem Zusammenhang von einer interessanten Episode aus der Zeit der Französischen Revolution. 1793, im berüchtigten Jahr II des Revolutionskalenders, beschloss der Konvent, Herkules zum höchsten Symbol der Republik zu erheben. Der Einfall erwies sich als Bumerang: nicht nur, weil die Allegorie lächerlich und überzogen war, sondern weil sich ihr Sinn alsbald ins Gegenteil verkehrte und die Symbolik der Figur von der Bevölkerung mit dem jakobinischen Terror in Verbindung gebracht wurde.

Im 19. Jahrhundert wurde es anschließend etwas ruhiger um den olympischen Halbgott, abgesehen davon, dass er ein neues Medium eroberte: die Druckgraphik in der Tagespresse. Motive wie das Ausmisten des Augiasstall oder die Erschlagung der neunköpfigen Hydra waren beliebte Vorlagen für politische Karikaturen. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert schlug der große Athlet schließlich eine völlig neue Karriere ein, denn er avancierte zum Schutzpatron der ersten Bodybuilder, die sich mit der Ausbreitung der Turner- und Kraftsportbewegung etablierten.

Eine weitere große Renaissance des Heroen erfolgte im Zuge der monumentalen Sandalenfilme der 50-er und 60-er Jahre. Rund 60 Herkules-Filme flimmerten in der Ära der großen Historien-Schinken über die Kinoleinwände. Freilich haben die meisten dieser Filmadaptionen mit dem originalen Sagenstoff nicht mehr gemeinsam als den Namen des Titelhelden, doch wie bereits eingangs bemerkt, seine Faszination bleibt ungebrochen.

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Blanshards Darstellung ist gut verständlich geschrieben, findet trotz gelegentlicher Abschweifungen immer zum roten Faden zurück und wird mit viel sachlicher Kompetenz und mit einer angenehmen Portion von trockenem, britischen Humor vorgetragen. Leider holpert die deutsche Übersetzung manchmal über allzu wörtlich übernommene Anglizismen – eine Unsitte, die in der letzten Zeit rasant um sich greift – nichtsdestoweniger liest sich das Buch dennoch sehr spannend und unterhaltsam.

 

Bibliographische Angaben

Blanshard, Alastair: Herkules. Aus dem Leben eines Helden, Parthas Verlag, Berlin 2006.
24,00 €, ISBN-13: 978-3866010703

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