Kolumne

Blickwinkel #12: Künstler im Krieg

Raiko Oldenettel über Franz Marc und seine letzte Stunden auf dem Schlachtfeld bei Verdun.

Es ist ein nebliger Morgen in Ried, an dem die Mai-Sonne die Reste der schweren Regenfälle des Vormonats aus den umliegenden Wäldern vertreibt. Franz Marc steht gegen den Zaun seines Geheges gelehnt und beobachtet die Rehe dabei, wie sie mit ihren empfindlichen Nasen die frischen Kräuter vom Boden äsen und in den Hecken die zartgrünen Sprossen entdecken. Er sucht in ihren Bewegungen das nächste Motiv. Er will Zeuge werden, wenn die göttliche Energie durch sie und ihn hindurchströmt. An diesem Morgen bleibt diese Epiphanie aus. Wenn er später die Zeitung aufschlägt, die auf seiner Terrasse neben dem frisch gebrühten Kaffee parat liegt, dann wird er später ein gänzlich anderes Gefühl in der Luft auffangen. Eine Ahnung, wie sie auch die Rehe haben. Doch in diesem Fall sind es nicht die Triebe, sondern gleich die ganze Pflanze, die es zu vernichten gilt. Die Rede ist vom Ersten Weltkrieg, der von nicht wenigen Künstlern und Autoren als der kulturelle Aderlass Europas mit offenen Armen empfangen wurde, und so auch von Marc, der am liebsten die Axt an die Wurzel dieses verdorbenen Gewächs gelegt hätte.

Für Marc war dieser Krieg eine Art naturgegebene Notwendigkeit, die sich aufgrund der politischen Konstellationen kaum vermeiden ließ. Dass mögen selbstgerechte und vielleicht sogar hinwegtäuschende, tröstliche Worte an sich selbst gewesen sein, doch als er Ende August 1914, kaum dass seine Tiere einen Ort zum Leben fanden, an die Front geschickt wurde, hielt er weiterhin an dieser Wahrheit fest. Es gibt keine Hinweise in seinen Briefen, dass er in dieser Grundhaltung Zweifel kultivierte, oder dass er sich zurückwünschte zur vorherigen Ordnung. Es ging ihm um Zukünftiges und dessen Ergebnisse.

Einzig der Tod seines Freundes August Macke treibt Marc einen Keil zwischen die Akzeptanz des Krieges und seiner Liebe zum Leben. Er schreibt: »Alle meine Freunde hat der Krieg mir zerschlagen.« und meint damit nicht nur das gewaltsame Ableben von Kollegen, sondern auch die räumliche Trennung, die ihn furchtbar zu stören scheint. So abgeschnitten vom Austausch mit den Künstlern und den Farben der Ateliers verliert er das Interesse am Erleben des Krieges und nimmt es mehr und mehr als Automatismus wahr. Flucht in Gräben, das Essen in der Sappe, die Vielfalt der Verwundungen, die von der Front zurückkommen, das alles ist eine »fürchterliche Tragödie« für ihn, aber nichts, was er verinnerlichen will. Er ist mit den Gedanken umso öfter bei denen, für die nur noch wenige Menschen Mitgefühl übrig haben: Bei den Tieren.

Der Erste Weltkrieg war eine Mischung aus damaliger High-Tech im Kampfeinsatz und den Regeln der alten Kriegführung, die man durch starre Formationen und berittene Einheiten gewann. Flugzeuge, Panzer, sogar erste U-Boote machten den Krieg zu einer Petrischale zerstörerischer Erkenntnisse und die klaren Verlierer dieser willkürlichen Versuche waren eindeutig die Tiere. Marc bemerkte daher mehr als einmal, dass die Pferde in der Schlacht auf grausame Weise niedergemetzelt wurden. Ihre aufgeblähten und über die Rippen gespreizten Leiber lagen im Schlamm der Gräben oder wie gefallene Tänzer, mit den Beinen in die Höhe, an den Wegesrändern verteilt. Das aufgedunsene Fleisch, aus dem die Kugeln der Gewehre eiterten, machte sich über hunderte Meter mit seinem Geruch bemerkbar. Marc ist verzweifelt. Die Rehe in den Auen und zwischen den Waldstreifen sind panisch. Sie flüchten schon seit Wochen. Erkannte er die gleiche Angst in den Bewegungen seines Pferdes, als sie beim Erkundungsausritt von der tödlichen Granate überrascht wurden? Machte er sich Sorgen um seine Rehe daheim, als die Splitter in seine Brust eindrangen?

In seinem letzten Brief, einen Tag vor seinem Tode, und somit zwei Tage vor seiner Entlassung aus dem Wehrdienst, schreibt Franz Marc mit zitternder Schrift: »Seit Tagen sehe ich nichts anderes, als das Entsetzlichste, was sich Menschengehirne ausmalen können.«