Buchrezensionen

Bodo Vischer: Der Klang der Zeit. Trompe-l'œil air de cour von Jean-François de le Motte, Michael Imhof Verlag 2014

Die Trompe-l’œils des französischen Malers Jean-François de le Motte faszinieren auch heute noch in ihrer Detailfülle. Doch sie sind mehr als nur illusionistische Spielereien, beinhalten zahlreiche Bezüge und liefern Hinweise zu ihrer Deutung. Bodo Vischer hat sich eines dieser Bilder vorgenommen, das Trompe-l’œil »air de cour« und die zahlreichen Gegenstände hierauf analysiert. Thyra Mecklenburg hat das Werk gelesen.

Wie verhalten sich die Gegenstände im Trompe-l’œil von de le Motte zueinander? Die Analyse des Gemäldes von Bodo Vischer will einen Deutungsvorschlag liefern, der dem Betrachter hilft den Inhalt des Trompe-l'œils nachzuvollziehen. Der Autor stellt Bezüge zu Prosa und Lyrik, zur Musik, zum Thema Wald und zu Aspekten des Vanitas her. Er präsentiert dem Leser Vergleiche mit Werken von zeitgenössischen Künstlern und macht so den Zusammenhang der Bildmotive verständlich.

Der französische Künstler Jean-François de le Motte lebte in Frankreich, in der Stadt Tournai, wo auch das von Vischer analysierte Trompe-l’œil um 1670 entstand. De le Mottes Tätigkeit als Maler kann anhand seines Eintritts in die Lukasgilde in Tournai im Jahre 1653 erstmals festgemacht werden. Das letzte nachweisbare Werk von ihm entstand ca. 1685. 1667 zog Ludwig XIV. in Tournai ein, nachdem sich die Stadt 150 Jahre unter spanischer Herrschaft befunden hatte. De le Motte huldigte den König in einigen seiner Trompe-l’œils mit der Abbildung eines Büchleins mit dem Schriftzug »AV ROY« (Dem König).

Der Reiz des Trompe-l’œils besteht darin, sich von der Illusion der Darstellung täuschen zu lassen und sie gleichzeitig zu durchschauen. Inhaltlich stellt es den Betrachter vor die Aufgabe, es zu entschlüsseln und Zusammenhänge zwischen den abgebildeten Gegenständen herzustellen. Seinen Ursprung hat es in den 1650er Jahren in Antwerpen. Erst 1957 wurde man auf de le Motte aufmerksam, als ein Trompe-l’œil von ihm in das Museum in Dijon gelangte. Anhand eines dargestellten Briefes im Bild kann die Signatur »JFBLemottes« Jean-François de le Motte zugeschrieben werden.

Erst aus der Konstellation der Bildmotive ergibt sich die Aussage des Trompe-l’œils: Die Wortfragmente auf Urkunden, Briefen und Notenblättern bilden den Satz »Synopsis variarum rerum«, die »Zusammenschau verschiedener Dinge«. De le Motte hat also die Anordnung der Bildmotive genau durchdacht und gibt uns Betrachtern Hinweise zum Verständnis des Bildes. Vischer setzt hier an und bespricht aus der Sicht des zeitgenössischen Kunstsammlers und Musikspezialisten Pierre Trichet die Bedeutung der beiden Blockflöten im Trompe-l’œil von de le Motte: Er stellt Bezüge zur Hochzeitssymbolik der Flöten in Ovids Briefen der Heroinen und im Gemälde von Pieter Pourbus »Das allegorische Liebesfest« aus dem Jahr 1547 her. Das Trompe-l’œil von de le Motte prüft also die Erscheinung der Welt auf ihren Wahrheitsgehalt. Es vereint verschiedene Gegenstände aus unterschiedlichen Wissensgebieten als Synopse, die sich dem Betrachter beim Anschauen des Gemäldes erschließt:

De le Motte integriert außerdem ein Medaillon, das ein Porträt im Stil von Karl V. zeigt. Er erweckt damit den Eindruck, dass er für seine Leistung als ehrenhafter Bürger, als »honnête homme« vom König ausgezeichnet wurde. Unter anderem bleibt der Blick des Betrachters an einem antikisierenden Gipsrelief hängen. Es zeigt Putti mit einem Ziegenbock. Der Inhalt bezieht sich auf das zweite Buch von Vergils »Georgica«. Vischer vergleicht die Darstellung der Putti mit Tizians »Venusfest« von 1523-1526. Da das Gipsrelief im Trompe-l’œil auf das Venusfest anspielt, erhält es einen amourösen Charakter. Im Gegensatz dazu verweisen Vanitas-Symbole, eine mechanische und eine Sanduhr, auf die Vergänglichkeit des Lebens.

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Bei Airs de cour handelt es sich um Strophenlieder, die zur Unterhaltung im privaten Umfeld oder am Hof des Königs dienten. Speziell bezieht sich der Titel des Trompe-l’œils auf einen Notenausschnitt des Komponisten Jehan Planson. Die Airs haben die »liasons dangereuses«, die gefährlichen Liebschaften zum Thema. Vischer verwendet aus dem Liedtext des Stimmbuchs im Trompe-l’œil Wortfragmente und Bildmotive für seine Nachforschungen und findet heraus, dass es sich um vertonte Verse des Dichters Jaques de Constans handelt. Vischer druckt eine verkürzte Übersetzung der Verse ab. Zusätzlich weisen das Notenbüchlein und die liegende Flöte auf die musikalische Gattung des Air de cour hin. Im Zusammenhang mit der Korbflasche mit Wein verweist diese Darstellung auf eine ausgelassene Stimmung.

Welche Rolle spielt im Trompe-l’œil die Druckgrafik mit Waldlandschaft, die zur Hälfte von einem Gazetuch verdeckt wird? Das Gazetuch erzeugt einen illusionistischen Effekt, der den des Trompe-l’œil steigert. Vischer stellt den berühmten Vergleich vom Wettkampf zwischen Zeuxis und Parrhasios an. Er setzt de le Motte mit Parrhasios gleich, der über Zeuxis triumphiert. Die Druckgrafik im Trompe-l’œil repräsentiert den Wandel von der überblicksartigen Ideallandschaft zur Nahsicht von realen Waldlandschaften. An ihrem unteren Rand ist außerdem der Name des Verlegers Jean Le Blond zu entziffern. Der war einer der wichtigsten Verleger im Paris der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Vischer entwickelt hier fließende und logische Übergänge von einem Bildmotiv zum anderen, sodass für den Leser eine sinngemäße und aufschlussreiche Reihenfolge zum Verständnis des Trompe-l’œils beiträgt.

Wie bezieht sich die Druckgrafik auf die musikalische Gattung des Air de cour? Denn eine weitere Radierung mit Waldmotiv im Hochformat liegt auf dem Holzsims, ihr illusionistischer Effekt wird durch die eingerollte Ecke noch gesteigert. Aus zeitgenössischer Prosa und Lyrik lässt nämlich sich ablesen, dass der Wald als Rückzugsort für die Verstoßenen und Gekränkten diente. Vischer illustriert seine Bedeutung am Beispoel des Schäferromans »Astrée« (1607-1627) von Honoré d’Urfés. Darin verkörpert der Wald die dunkle Seite der Liebe, die auch in den Airs vorkommt. Der »locus terribilis«, der Wald als schrecklicher Ort ist ein Gegenentwurf zu den fröhlich anmutenden Bildmotiven des Trompe-l’œils, wie die Flöten oder der Wein.

Erst wenn sich der Leser über Bodo Vischer informieren möchte, fehlt leider jegliche Information zu dessen kunsthistorischer Kompetenz. Die Kenntnis dessen würde zum Verständnis der Entstehung des Buches beitragen. Unter anderem wäre ein Index hilfreich, um Künstler und historische Personen in einem bestimmten Zeitraum einzuordnen. Bei einer wissenschaftlichen Arbeit, wie der Analyse des Trompe-l’œils von de le Motte ist dies essentiell. Einerseits befindet sich das Gemälde, dessen Besitzer Jean-Marie Wyss ist, im Spiesshof in Basel, andererseits wird es in der Galerie Knöll ausgestellt. Die Bildanalyse entstand in deren Auftrag, sodass der Eindruck entsteht, dass damit das Interesse und somit der Wert des Gemäldes gesteigert werden soll. Dennoch schafft es Vischer mit seiner Publikation eine umfangreiche Bildbeschreibung- und interpretation, die den Leser dazu anregt, sich intensiv mit dem Künstler auseinanderzusetzen. Die Recherche zu den verschiedenen Persönlichkeiten, die im Trompe-l’œil fragmentarisch angeführt werden, macht es dem Leser möglich, in die Welt des Kunstverständnisses und der Musik des 17. Jahrhunderts einzutauchen.